Balls Up
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Balls Up

Koks, Klöten und Kondome

Von Lutz Granert

Pointen unter der Gürtellinie und möglichst tumbe Charaktere waren lange Zeit die Markenzeichen von Peter Farrelly und Bobby Farrelly. Und das kam beim Publikum über Jahre hinweg hervorragend an: Ihr gemeinsam verfasstes Regiedebüt „Dumm & Dümmer“ (1994) spielte ein Vielfaches seiner überschaubaren Produktionskosten von 17 Millionen US-Dollar ein – und ebnete so nicht nur den Weg zu 20-Millionen-Dollar-Gagen für Jim Carrey, sondern auch für viele weitere Kollaborationen des Brüderpaares in den folgenden 20 Jahren. „Verrückt nach Mary“ (1998) markiert dabei bis heute den größten gemeinsamen Hit der Farrelly-Brüder, von dem sich vor allem das Sperma-Gel im Haar von Cameron Diaz sowie die im Hosenstall eingeklemmten Klöten von Ben Stiller ins kollektive cineastische Gedächtnis eingebrannt haben.

Ein ähnliches anatomisches Verhängnis gibt es nun auch in der für Amazon Prime Video gedrehten Fußball-WM-Komödie „Balls Up“, wenn ein in der Eichel feststeckendes Fischlein gerade beim männlichen Teil des Publikums erneut ganz schreckliche Phantomschmerzen auslösen dürfte. Peter Farrelly, der seit einigen Jahren ohne seinen Bruder eigene Karrierepfade beschreitet und mit der Tragikomödie „Green Book“ sogar den Oscar für den Besten Film des Jahres einfuhr, hat in der Inszenierung solcher Momente seine schambefreite Sorglosigkeit immerhin nicht verloren. Trotzdem fehlt der Szene – genauso wie dem Rest der albernen, komplett in Australien gedrehten Brachial-Komödie – einfach die anarchische Chuzpe seiner früheren Hits.

Elijah (Paul Walter Hauser) und Brad (Mark Wahlberg) werden von einem Moment auf den anderen zu den Staatsfeinden Nr. 1! Amazon Prime Video
Elijah (Paul Walter Hauser) und Brad (Mark Wahlberg) werden von einem Moment auf den anderen zu den Staatsfeinden Nr. 1!

Der Produktentwickler und Keimphobiker Elijah (Paul Walter Hauser) hat ein vermeintlich besonders sicheres Kondom erfunden, das nicht nur über den Penis, sondern auch über die Hoden gezogen wird. Eine Weltneuheit, mit der der knallharte Verkäufer Brad (Mark Wahlberg) sogar den Chef des brasilianischen Fußballverbandes Santos (Benjamin Bratt) überzeugt. Doch nach einer durchzechten Nacht und einem peinlichen Video in den sozialen Medien verlieren Elijah und Brad ihren Job – und ein anderer Hersteller erhält den Zuschlag fürs offizielle Kondom der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien.

Drei Monate später erhalten die beiden Chaoten versehentlich trotzdem eine Einladung fürs WM-Finale – und vereiteln durch eine dumme Vergeltungsaktion am Konkurrenz-Maskottchen den späten Ausgleich des Gastgebers gegen den Erzrivalen Argentinien. Fortan haben es eine komplette Fußballnation sowie der Drogenbaron Pavio Curto (Sacha Baron Cohen) auf die beiden „Staatsfeinde“ abgesehen …

"Balls Up" bei Amazon Prime Video streamen*

Die „Deadpool“-Drehbücher von Rhett Reese und Paul Wernick glänzten neben vulgären Blödeleien auch mit einer selbstironischen Abrechnung mit Superhelden-Klischees. Ihr Skript zu „Balls Up“ erreicht trotz einer Handvoll pointierter Gags allerdings nie die Hintersinnigkeit ihrer Meta-Marvel-Blockbuster. Statt sich augenzwinkernd mit der vielfältigen brasilianischen Kultur auseinanderzusetzen – neben der Fußballvernarrtheit hätten sich auch Christentum, Karneval und Samba für Gags angeboten – werden einfach grobe Südamerika-Klischees von Korruption und Drogenmafia in einen Topf geworfen. Diese kulminieren in der Witzfigur Pavio Curto, einem jovialen Kartellchef mit langen, gewellten Haaren sowie einem betont schlechten (Fantasie-)Englisch mit eindeutigem portugiesischem Akzent. Sacha Baron Cohen erweist sich dabei nach dem Stereotypen-Stakkato in „Borat“ und „Der Diktator“ erneut als Idealbesetzung.

Trotz seiner völlig albernen Figur hat er schauspielerisch deutlich mehr zu bieten als die weitgehend blass bleibenden Mark Wahlberg („Artur der Große“) und Paul Walter Hauser („Die nackte Kanone“). Das Schicksalsduo nervt auf der Flucht durch den Regenwald mit anstrengendem Dauerkabbeln, während die beiden Protagonisten – warum auch immer – einen Jahresvorrat an „Balls Up“-Lümmeltüten (daher der doppeldeutige Ball-„Titel“ des Films) mit sich herumschleppen. Immerhin hier zeigen die Autoren eine gewisse Kreativität, wenn die Kondome auf verschiedenste Weise als Kopfbedeckung oder Schwimmflügel zweckentfremdet werden.

Sacha Baron Cohen („Bruno“) ist ganz klar das Highlight des Films. Amazon Prime Video
Sacha Baron Cohen („Bruno“) ist ganz klar das Highlight des Films.

Koks-Kondome müssen wie bei einem Blowjob-Training verschlungen werden – und dann schaut auch noch das eingangs erwähnte Fischlein beim Urinieren vorbei: Das Humor-Level liegt in „Balls Up“ sicher nicht zu hoch. Aber selbst wenn Peter Farrelly sich immer noch darauf versteht, die Peinlichkeit solcher Szenen auskostend in die Länge zu ziehen: Es fehlt an originellen Ideen oder einem Anarcho-Witz, der wirklich reinknallt.

Stattdessen fällt der schwerfällig konstruierte Plot (Stichwort: weggeschickte Anwältin) so nur noch stärker negativ auf. Auch optisch gibt die plumpe Komödie nicht viel her: Beim Colorgrading wurde die Farbsättigung massiv reduziert, was die Gesichter in vielen Einstellungen grau-braun und die Farben gedämpft erscheinen lässt – eine technische Spielerei ohne erkennbaren Mehrwert, gerade wenn eine Komödie am Zuckerhut ja eigentlich nach besonders knalligen Farben schreit.

Fazit: Eine Handvoll gelungener Gags und der wirklich witzige Sacha Baron Cohen stehen einer Menge plumper Albernheiten gegenüber. Der zweifache Oscarpreisträger Peter Farrelly kann nach der Flach-Komödie „Ricky Stanicky“ auch mit „Balls Up“ nicht an frühere Genre-Erfolge anknüpfen.

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