Schweigen als gemeinsame Sprache
Von Björn BecherDer Leipziger Regisseur Thomas Stuber hat sich in den vergangenen Jahren als einer der sensibelsten Beobachter des deutschen Alltags etabliert. In Filmen wie „In den Gängen“ oder „Die stillen Trabanten“ erzählt er oft von Menschen am Rand der Gesellschaft – immer leise, melancholisch und mit viel Empathie. Auch „Der Frosch und das Wasser“ ist ein echter Stuber, selbst wenn der preisgekrönte Arthouse-Regisseur diesmal seinen Sozialrealismus ein wenig hinter sich lässt und stattdessen einen kleinen Ausflug ins Traumartige und Märchenhafte unternimmt.
Schon die erste Szene setzt den Ton: Der offensichtlich über einen schweren Verlust trauernde Japaner Kitamura (Kanji Tsuda) blickt im heimischen Garten in einen Teich. Aus seiner Spiegelung im Wasser wird im nächsten Moment das Gesicht von Buschi (Aladdin Detlefsen), einem schweigsamen Mann mit Down-Syndrom. Die simple Überblendung ist aber mehr als nur ein hübscher Szenenwechsel. Sie zeigt die Parallelität der beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Männer – und wirkt nebenbei fast wie eine Einladung, den folgenden Film nicht zwingend als realistische Geschichte, sondern eher als Märchen zu begreifen.
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Stefan Busch alias Buschi lebt in einer betreuten Wohngruppe in Köln und hält sich von anderen Menschen meist fern. Er spricht fast gar nicht und scheint in seiner eigenen, stillen Welt zu verharren. Wasser hingegen fasziniert ihn. Stundenlang könnte er dem Plätschern eines laufenden Wasserhahns zuschauen. Ins Schwimmbad darf er trotzdem nicht mit. Als er eines Tages bei einem Ausflug zufällig einer japanischen Reisegruppe begegnet, folgt er dieser kurzerhand. Kommentarlos steigt er mit in den Bus, mit dem die Reisegesellschaft weiter nach Weimar fährt. Und ganz selbstverständlich schließt das Gros der Touris den merkwürdigen Deutschen direkt ins Herz.
Weil es der einzige freie Platz ist, landet Busch im Bus neben Kitamura, der diese Reise nach einem Verlust unerwartet allein antreten musste. Mit seinem schwarzen Anzug, der Sonnenbrille und dem stetigen Schweigen ist er ein Außenseiter unter den übrigen Touristen, die sogar spekulieren, ob er vielleicht der Yakuza angehören könnte. Weil Buschis Betreuerin (Bettina Stucky) bereits die Verfolgung aufgenommen hat, droht das kurze Abenteuer bald zu enden. Doch eine freundliche Busfahrerin (Meltem Kaptan) verhilft dem ungleichen Duo heimlich zur Flucht. Und so beginnt für beide eine Reise durch Deutschland, bei der sie sich zwar nicht mit Worten verständigen können, aber trotzdem eine immer engere Verbindung aufbauen …
Man muss bei „Der Frosch und das Wasser“ akzeptieren, dass die Dinge einfach passieren. Da wird Buschi halt von der Reisegruppe herzlich aufgenommen, während deren Fremdenführer (Cornelius Schwalm) überhaupt nicht merkt, dass eine zusätzliche Person dabei ist (sondern sich nur darüber aufregt, dass ihm ein Essen „zu viel“ abgerechnet wurde). Auch die Motivation der Busfahrerin, die das ungleiche Duo – eigentlich völlig unverantwortlich – quasi nach Dresden verschleppt und dort dem Schicksal überlässt, wird nicht hinterfragt. Auch das Ende des Films wird nochmals besonders für Diskussionen sorgen.
Doch Stuber fragt sich weniger, wie plausibel das alles ist, sondern ist vielmehr daran interessiert, welche Stimmungen daraus entstehen können. Gerade darin, dass die Geschichte eher vor sich hintreibt, liegt der zentrale Reiz. Lange Zeit verzichtet der Filmemacher auch auf im Kino sonst so gerne genutzte dramatische Zuspitzungen. Erst gen Ende bedient er sich dieser. Sein Film lebt von kleinen Beobachtungen, stillen Momenten und vor allem von einer sanften Wärme, mit welcher der Autor und Regisseur seine Figuren betrachtet. Wie schon in seinen früheren Arbeiten spürt man eine große Sympathie für diese beiden Menschen, die auf ihre Art jeweils Außenseiter sind.
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Das gilt in erster Linie für Buschi. Hauptdarsteller Aladdin Detlefsen ist seit mehr als 20 Jahren als Schauspieler in einem Bremer Ensemble für Menschen mit und ohne Behinderung aktiv. In seiner ersten Kinohauptrolle begeistert er nun als stiller Protagonist, mit dem gemeinsam das Publikum die Welt (neu) entdecken kann. Deshalb werden auf der Reise auch weniger die üblichen Sehenswürdigkeiten abgeklappert, denn ihn interessieren andere Dinge – vor allem der japanische Schwertkampf. Schließlich klingt schon sein Name wie „Bushi“, ein Begriff, mit dem im feudalen Japan Krieger bzw. Samurai bezeichnet wurden.
Viele Szenen funktionieren rein über das Beobachten kleiner Momente wie das gemeinsame Spiel mit einem Papierfrosch. Dass viele Szenen eher lose aneinandergereihte Episoden sind, sorgt allerdings dafür, dass das Roadmovie immer wieder einfach nur so vor sich hinplätschert. Dieses unaufgeregte Mäandern passt zwar gut zur Atmosphäre, strapaziert hin und wieder aber auch die Geduld. Zum Glück kommt meist schnell genug der nächste bezaubernde Moment zwischen den stark gespielten Hauptfiguren, die einen Weg suchen, sich ohne gemeinsame Sprache zu verständigen.
Fazit: Thomas Stuber gelingt mit „Der Frosch und das Wasser“ eine wunderbar empathische und auch visuell bestechende Odyssee zweier Außenseiter. Manchmal reicht es, wenn sich zwei Gesichter im Wasser spiegeln – und daraus für einen Moment eine Verbindung entsteht.