Diesem Echtzeit-Thriller geht zu früh die Puste aus
Von Asokan NirmalarajahGal Gadots Karriere steht am Scheideweg. Nach ihrem Filmdebüt als Gisele Yashar in „Fast & Furious - Neues Modell. Originalteile.“ (2009) hat das ehemalige Model einen kometenhaften Aufstieg als Leading Lady aufwendiger Hollywood-Produktionen hingelegt. Die athletische Israelin mit dem charismatischen Lächeln und dem durchdringenden Blick ist seitdem vor allem als Wonder Woman aus den DCEU-Filmen bekannt – und hat zudem eine 20-Millionen-Dollar-Rekordgage für den Direct-to-Netflix-Actioner „Red Notice“ (2021) eingestrichen.
Doch nach den unerwarteten Flops „Wonder Woman 1984“ (2020) und „Schneewittchen“ (2025) steht infrage, wie weit es mit der Publikumswirksamkeit von Gadot, der oft eine zu schmale mimische Bandbreite angelastet wird, tatsächlich her ist. Mit „The Runner“ unter der Regie des routinierten Suspense-Profis Kevin MacDonald („Touching The Void“) hätte sie nun bei Amazon Prime eine Chance auf ein Comeback gehabt. Nur leider ist der Thriller trotz seines Echtzeit-Gimmicks kaum mehr als ein spannungsarmes, völlig vorhersehbares B-Movie mit sehr wenigen neuen Ideen.
Amazon Prime Video
Ein normaler Arbeitsmorgen in London. Die alleinerziehende Maia Marten (Gal Gadot) macht ihren Sohn für die Schule fertig, zieht sich ihren Jogginganzug an und geht aus dem Haus. Nachdem sie Noah (Rory Wilmot) zur Schultür gebracht hat, will sie noch ihre tägliche Strecke durch den nahegelegenen Park joggen und dann weiter zu ihrer Arbeit fahren. Aber dort kommt sie gar nicht erst an. Ihr Lauf wird unterbrochen vom Anruf eines Fremden (Damian Lewis), der ihr ein Ultimatum setzt.
Entweder sprintet sie jetzt sofort los und erschießt den Kronzeugen in einem Mordfall, zu dem sie als Anwältin leicht Zugang bekommt – oder ihr entführter Sohn wird umgebracht. Verzweifelt macht sich Maia auf den Weg durch die vollen Straßen Londons und wird dabei über alle digitalen Kanäle von ihrem Peiniger überwacht. Wie kann sie sich doch noch rechtzeitig aus seinem Netz lösen?
„The Runner“ ist ein (Nahezu-)Echtzeit-Thriller, wie sie uns in schöner Regelmäßigkeit erreichen und deshalb ohne den mittlerweile abgenutzten WOW-Effekt oft nur noch minimale Variation bieten. Über eine knackige Laufzeit (in diesem Fall nur 84 Minuten) hinweg kämpft ein Star um das Leben eines entführten Familienmitglieds, wobei er eine Mission für einen unbekannten Täter erfüllen muss. Oft geht es dabei um ein Attentat auf eine bedeutende Person. Einer der besten Filme dieser Art ist der zu Unrecht vergessene 1990er-Actioner „Gegen die Zeit“ mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Seitdem gab es etliche ähnliche Filme wie „Final Call“, „Non-Stop“, „Nicht auflegen!“ oder auch den deutschen Ableger „Steig. Nicht. Aus!“. Das funktioniert immer dann besonders gut, wenn man vom Charisma des Stars, der Originalität der Situationen oder dem Tempo der Plotwendungen regelrecht mitgerissen wird.
Genau das geschieht bei Kevin MacDonalds Paranoia-Thriller aber leider nur selten. Denn „The Runner“ setzt vom Beginn an auf verschiedene Elemente, die aber kaum einmal zusammenkommen. So setzt der ursprünglich vor allem für seine Dokumentarfilme wie „Ein Tag im September“ oder „Sturz ins Leere“ bekannte Regisseur zwar seine charakteristischen Authentizitätseffekte ein, darunter etwa die sich stetig bewegende Handkamera, schnelle, desorientierende Schnitte sowie visuelle Nachzieheffekte, um so die sich zunehmend destabilisierende Sicht der Protagonistin zu vermitteln. Zudem zeichnet er ein beängstigendes Bild einer komplett smartphone-süchtigen Gesellschaft, in der sich jeder und jede nur für sich selbst interessiert und nur vom kleinen Bildschirm aufschaut, wenn dieser einem geklaut wird.
Diese ambitionierte Inszenierung erreicht ihre Grenzen aber beim besonders flachen Skript von Mark Gibson, zu dessen bisherigen Werken sonst eher Familienfilme wie „Snowdogs“ (2002) gehören. Nicht nur kann man die Handlung die meiste Zeit über eh vorhersehen, die vermeintliche Überraschung am Ende ist auch sehr enttäuschend. Zudem gibt das Drehbuch den Handlungsträger*innen umständliche Trauma-Geschichten mit, die aber auch nicht dabei helfen, echte Empathie für die Protagonistin aufzubauen. Gal Gadot zeigt als verzweifelte Läuferin mit Rechtsanwaltsdiplom zwar vollen Körpereinsatz, aber ihr fehlt es an eben jenem Star-Charisma und der unterschwelligen Intelligenz, die etwa eine Jodie Foster in ähnlichen Kidnap-Filmen wie „Flightplan“ (2004) an den Tag gelegt hat.
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So sind die besten Szenen von „The Runner“ auch weniger die anstrengend konstruierten Dialogszenen zwischen der Läuferin und ihrem Peiniger am Telefon, in denen sie sich unentwegt gegenseitig zu psychoanalysieren versuchen. Stattdessen macht der Film vor allem dann Laune, wenn Kevin MacDonald die Action endlich mal für sich sprechen lässt – allen voran in einer Sequenz, in der die Heldin einer U-Bahn (!) hinterherläuft, weil ausgerechnet ihr das Handy gestohlen wird.
Fazit: „The Runner“ bleibt leider unterm Strich hinter den Erwartungen zurück, selbst wenn diese gegenüber Echtzeit-Thrillern ohnehin nicht mehr die allerhöchsten sein sollten. Als Direct-to-Streaming Premiere auf Amazon Prime Video wird der Name Gal Gadot sicherlich noch etliche Zuschauer*innen anlocken, aber die Chancen, dass „The Runner“ dann auch längerfristig haften bleiben wird, sind doch eher gering. Das Warten auf einen Befreiungsschlag nach „Wonder Woman 1984“ und „Schneewittchen“ geht jedenfalls erst mal weiter.