… wo sonst Kameras strengstens verboten sind!
Von Christoph PetersenIch habe direkt erst mal gegoogelt, ob eventuell ein Jubiläum ansteht. Aber Pustekuchen! Der KitKatClub, jener mythenumwobene Fetisch-Techno-Club in Berlin, hat im vergangenen März seinen – eigentlich ja kaum erwähnenswerten – 32. Geburtstag gefeiert. Trotzdem gibt es jetzt gleich zwei konkurrierende Dokumentarfilme – und dann auch noch produziert von den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF, die bisher nicht gerade im Verdacht standen, sonderlich sexpositiv eingestellt zu sein. Ende September 2026 wird – ausgerechnet auf ARD Kultur (!) – die Doku „One Night At KitKat“ ausgestrahlt. Das iranische Regiepaar Mohsen Najafimehri und Diba Darbari erhielt dafür exklusiven Zugang zu einer der legendären KitKat-Kink-Partys am Samstagabend. Gezeigt wird das in Farbe, auch wenn am Ende natürlich allein schon wegen des Bildungsauftrags Licht und Schatten der Clubkultur dargestellt werden.
Bereits drei Wochen zuvor startet „KitKatClub – Kinks Of Berlin“ von Philipp Fussenegger – und das sogar im Kino. Koproduziert vom ZDF Kleines Fernsehspiel wird der Dokumentarfilm irgendwann auch im TV-Programm gezeigt werden – und da uns der Kinoverleih bereits bestätigt hat, dass es keine angepasste Schnittfassung für die Fernsehausstrahlung geben wird, können wir wohl von Glück reden, dass der österreichische „Teaches Of Peaches“-Regisseur in hochkontrastiertem Schwarz-Weiß gedreht hat. Denn sonst hätte es sicherlich den einen oder anderen Herzinfarkt beim im Durchschnitt 65 Jahre alten ZDF-Publikum zur Folge gehabt, wenn KitKat-Gründer Simon Thaur die Darstellerin seines neuesten Fetisch-Pornos im Park zwei alten Männern (Originalton: „Pissmaul“) ins Gesicht urinieren lässt. Von den detailreichen Erklärungen zum regelmäßig im KitKat stattfindenden „FickstutenMarkt“ mal ganz zu schweigen.
farbfilm verleih
Aber bis dahin kommt das unbedarfte Publikum vermutlich eh nicht, denn „Kinks Of Berlin“ blendet bereits seine Eröffnungstitel mit einem solchen Hardcore-Stroboskop-Effekt ein, dass neben Epileptiker*innen auch alle nur zufällig im Programm Hängengebliebene*n sofort weiterschalten werden. Wobei Fussenegger dieses transgressive Versprechen anschließend – bewusst – nur spärlich einlöst, schließlich stehen auch Fetisch-Raver*innen nach dem Aufstehen erst einmal vor der Wahl, mit was für einem Brötchenbelag sie in den Tag starten wollen. „Kinks Of Berlin“ ist kein Blick hinter die berühmt-berüchtigte Club-Institution und präsentiert auch keine Talking-Head-Expert*innen, sondern begleitet gleich eine Reihe ganz verschiedener Menschen, die am Abend in den KitKat gehen werden, sich aber vor dem – ausgiebigen! – Zurechtmachen zunächst noch mit solch alltäglichen Dingen wie Arbeitsamtsbesuchen herumschlagen müssen.
Fussenegger begegnet seinen Protagonist*innen – vom angehenden Drag-Künstler Tim alias Raven Van Krueger über das Dog-Play-Duo Oli & Foxy bis hin zu Sexpositivity-Pionier Simon Thaur samt seiner Partnerin/Sklavin Mali – angenehm offen und selbst bei den ausgefalleneren Kinks kein Stück skandalisierend. Weil beim Dreh aber natürlich viel Wert auf die Privatsphäre der nicht direkt am Film Beteiligten gelegt werden musste, wirken die spontanen Aufnahmen von der Tanzfläche auch aufgrund der monochromatischen Bilder eher wie ein typischer Musikvideo-Clip mit Fetisch-Thema – man hat es zwar noch nie gesehen, aber eigentlich hat man es doch schon Hunderte Male gesehen. Konkretere Momente gibt es eher aus den angrenzenden kleineren Räumen, wo dann auch mal privater (und expliziter) gedreht werden konnte.
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„KitKatClub – Kinks Of Berlin“ hat deshalb auch, und das ist gerade für eine Dokumentation eine echte Seltenheit, eine FSK ab 18 Jahren erhalten (die ARD-Konkurrenz ist mit einer Einstufung ab 16 davongekommen). Dabei ist der Film pädagogisch erstaunlich wertvoll, schließlich folgt er der typischen Drogenfilm-Dramaturgie: erst das totale High und dann der (fast) unvermeidbare Absturz. So geht es nach Schamverlust, Freiheitsgefühlen und Wahlfamilien im letzten Drittel vornehmlich um Drogenabstürze, Alkoholexzesse, Hausverbote, sexuelle Übergriffigkeiten und Lücken im KitKat-Awareness-Prozess, die in anderen vergleichbaren, wenn auch weniger berühmten Locations längst geschlossen sind. Das gehört fraglos mit dazu, wirkt für eine Doku zu diesem Thema aber auch ziemlich berechenbar.
Fazit: Die Tür des KitKatClubs gehört zu den strengsten im Land – und (Handy-)Kameras sind dahinter absolut verboten. „Kinks Of Berlin“ liefert also seltene Einblicke in diese weltberühmte Institution, konzentriert sich dann aber doch stärker auf die Gäst*innen, die oft nicht nur auf ausgelassene Techno-Party und schamfreien Fetisch-Sex aus sind, sondern auch ein Stück weit Halt bei ihrer Club-Wahlfamilie suchen. Ganz so neu ist das alles trotz des bislang so nicht unbedingt gewährten Zugangs zwar nicht, aber zumindest warten wir jetzt alle ganz dringend auf das Spin-off rund um das Dog-Play-Duo Oli & Foxy, denn die beiden stehlen hier wirklich allen die Show!