Eine RomCom, so frisch wie ein Aprilmorgen in England
Von Gaby SikorskiLaut Wikipedia zählt der Vorname Emily in Deutschland bereits seit den Nullerjahren zu den beliebtesten Vornamen für Mädchen. Die Stadt Leipzig vermeldet für 2025 immerhin 16 Emilys (Platz 20). Die abgewandelte Form Emilia kam sogar auf 29 und damit Platz 2 der häufigsten Mädchennamen, nur knapp hinter Ella mit 31. Zählt man beide Schreibweisen zusammen, wäre das ganz klar die aktuelle Spitzenposition! Auch im englischen Sprachraum ist der Vorname Emily sehr beliebt. In Irland, Wales, Schottland und Nordirland ist er regelmäßig unter den Top 3 der weiblichen Vornamen, in England reichte es zuletzt immerhin noch für Rang 15.
Kein Wunder also, dass es an der Uni Manchester mit ihren mehr als 40.000 Studierenden sage und schreibe 318 Emilys gibt – und wo man heute doch aus quasi allem einen Film machen kann, warum dann nicht aus dieser Statistik? Denn eine der 318 Studentinnen ist für den jungen Musiker und Tontechniker Owen (Spike Fearn) die Frau seiner Träume. Die selbstbewusste Emily hat ihn mit ihren glitzernden Feenaugen verzaubert: Liebe auf den ersten Blick, ganz klare Kiste! Sie haben getanzt, gequatscht und gelacht, aber irgendwann musste Emily ganz plötzlich weg – und die Telefonnummer, die sie Owen hinterlassen hat, stimmt irgendwie nicht so richtig. Folglich der Filmtitel von Alicia MacDonalds romantischer Komödie „Finding Emily“.
Universal Pictures
Immerhin weiß Owen, dass sie an der Uni Manchester studiert. Also macht sich der Verliebte mit ein paar handschriftlich bemalten Flyern auf zum Campus. Seine erste Spur: Eine Emily studiert Psychologie – und so stürmt der ebenso naive wie optimistische Owen mal eben die Vorlesung. Aber die zwar ebenfalls entzückende Emily Raine (Angourie Rice) ist leider die falsche Emily. Zumindest hat sie aber nicht nur erstaunlich viel Verständnis für Owens stürmische Art, sie sieht in ihm auch ein mögliches Studienobjekt für ihre Uniarbeit, die sie über die fatalen psychischen Folgen des Verliebtseins schreiben soll: Romantische Verbindungen führen nämlich laut ihrem Professor in den Wahnsinn, getreu einem Zitat, das Sigmund Freud zugeschrieben wird: „Der Zustand der Verliebtheit gleicht einer Psychose.“
Also verspricht die falsche Emily Owen, ihm dabei zu helfen, die echte Emily zu finden. Allerdings unterlässt sie es wohlweislich, ihn über ihre sonstigen Pläne zu informieren. Unterdessen versetzt Owen mit seiner treuherzigen Suche nach der Frau seines Lebens die komplette Uni in Aufruhr. Auf der einen Seite formieren sich die Feministinnen gegen ihn, in den sozialen Medien tobt der Mob. Auf der anderen Seite wird der selbst gar nicht als Student eingeschriebene Owen zum Campus-Star, als er seiner Feen-Emily im Uni-Podcast ein selbstkomponiertes Ständchen bringt. Aber wo steckt sie bloß?
Das alles ist so herzerwärmend wie vorhersehbar, denn vielleicht ist „die Falsche“ ja in Wahrheit doch „die Richtige“. Aber das macht fast überhaupt nichts, denn hier wird das komplette RomCom-Programm in Perfektion abgespielt – und zwar mit viel peppiger Musik und in einem durchgängig flotten Tempo, was nicht nur für die Bilder, sondern auch für die Dialoge gilt. Manchester präsentiert sich dabei als weltoffene Stadt, wo echt was los ist – eine moderne, multikulturelle Metropole voller lebensfroher junger Leute jeglicher Geschlechtszugehörigkeit, die sich amüsierwillig ins Nachtleben stürzen. Und das hat es ebenfalls in sich – mit Live-Bands, die nicht nur die Leute in den Clubs, sondern auch das Publikum im Kinosaal bestens unterhalten. Die Anspielungen auf Cancel Culture und #MeToo bringen sogar ein bisschen frischen Wind. So viele hübsche neue Irrungen und Wirrungen allein durch die ständige Social-Media-Präsenz – das ist zwar die Realität, aber zumindest in Komödien noch nicht allzu abgenutzt.
So manches erinnert hier an Glanzleistungen aus der britischen RomCom-Geschichte wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Bridget Jones“ oder „Notting Hill“, die ebenfalls von den beiden gewieften Komödienspezialisten Tim Bevan und Eric Fellner produziert wurden. Alles ist dabei: Schuld und Sühne – wenn Owen hinter Emilys Machenschaften kommt und sie versucht, sich bei ihm in aller Öffentlichkeit zu entschuldigen; die fehlgeleitete Liebe – auch „Ashley-Verirrung“ genannt, nach der vollkommen unverständlichen Leidenschaft der „Vom Winde verweht“-Heldin Scarlett O’Hara gegenüber dem mindestens zweitlangweiligsten Mann der Filmgeschichte. Und dann noch das Klassenkampf-Thema: Owen kommt aus einer typischen Manchester-Arbeiterfamilie, während Emily Raine dem Bildungsbürgertum angehört. Als kleines Bonbon gibt es in der Originalversion einen Einblick ins Mancunianische, den auch kurz „Manc“ genannten Dialekt von Manchester. Dieser hübsche, authentische Touch verleiht dem Film zumindest einen kleinen Hauch von Realismus, was ja gar nicht unbedingt übel ist.
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Hinzu kommt ein immens hoher Niedlichkeitsfaktor, vor allem dank Spike Fearn, der als Owen deutlich jünger anmutet als 26 und den leicht vertrottelten, fast schon auf Freud’sche Art irrsinnig Verliebten sehr überzeugend spielt. Der „Alien: Romulus“-Star sieht aus wie ein Enkel von Mick Jagger und verkörpert dermaßen offensiv den Brit-Pop, dass es eine wahre Freude ist. Komödiantisch ähnlich sicher agiert Angourie Rice („Spider-Man: No Way Home“), die sich mit dem Zickenkriegs-College-Musical-Remake „Mean Girls – Der Girls Club“ offenbar für Größeres qualifiziert hat. Sie verkörpert mit ihren beinahe durchgängig viel zu großen Klamotten die ehrgeizige, vollkommen uneitle, aber dennoch liebenswerte, leider falsche Emily. Zu Beginn himmelt sie den Uni-Schönling an und passt ganz offensichtlich überhaupt nicht zu dem schluffig verpeilten Owen. Ob sich das wohl noch ändert?
Fazit: Schon mit ihrer ersten Kinoregie hat sich Alicia McDonald mit viel Tempo, Schwung und Timing sowie einem wahnsinnig schmissigen Soundtrack als Komödienspezialistin in Stellung gebracht. Ob die hübsch-sympathische RomCom zudem die Emily-Statistik weltweit und in Deutschland nennenswert beeinflussen wird, werden wir allerdings erst in frühestens einem Jahr erfahren.