25 Jahre Handarbeit für einen einzigen Film!
Von Björn Schneider„Gut Ding will Weile haben“, lautet ein gebräuchliches Sprichwort, mit dem verdeutlicht werden soll, dass manches nun einmal Zeit und Geduld braucht, um von entsprechend hoher Qualität zu sein. Auch auf manche Filme, und hier im Besonderen mit Blick auf die Produktionsdauer, lässt sich dieses Zitat wunderbar anwenden. Vor allem die Arbeit an Trickfilmen nimmt oft besonders viel Zeit in Anspruch. So umfassten allein die Dreharbeiten für Tim Burtons Stop-Motion-Film „Corpse Bride“ 55 Wochen, schließlich besteht der Film aus fast 100.000 individuell animierten Einzelbildern.
Sogar noch deutlich länger, nämlich über ein Jahrzehnt, benötigte hingegen Christiane Cegavske für ihren Stop-Motion-Animationsfilm „Blood Tea And Red String“. Aber selbst das ist noch nichts im Vergleich zum Berliner Puppenspieler und Animationskünstler Heinrich Sabl, der bereits seit 1999 an „Memory Hotel“ arbeitete. Jetzt, nach einem Vierteljahrhundert akribischer Detailarbeit, findet der Debüt-Langfilm des 64-Jährigen über ein Mädchen, das in den Nachkriegswirren nicht nur ihre Erinnerungen, sondern auch sich selbst verliert, endlich seinen Weg in die Kinos.
Neue Visionen
1945 dringt die Rote Armee immer tiefer auf deutsches Gebiet vor, der fast sechs Jahre andauernde Weltenbrand steht kurz vor seinem Ende. Viele Familien hoffen auf die Flucht nach Amerika, doch nur wenige schaffen es. Auch die fünfjährige Sophie (Stimme: Svenja Liesau) will mit ihren Eltern (Florian Lukas und Steffi Kühnert) einen Neustart in der Ferne wagen. Auf ihrer Reise passieren sie ein Hotel, in dem sie auf den Nazioffizier Scharf und den Hitlerjunge Beckmann (Milan Peschel) treffen.
Dort überschlagen sich die Ereignisse und Sophies Eltern kommen durch Scharf und den sowjetischen Soldaten Wassili zu Tode. Beckmann wird Zeuge des Mordes. Sophie überlebt zwar, verliert jedoch ihr Gedächtnis. Dann rückt die Rote Armee ein und besetzt das Hotel. Die Russen degradieren Sophie zur Köchin. Erst Jahrzehnte später kommen die Erinnerungen zurück und eine unerwartete Begegnung im Fahrstuhlschacht führt zurück in Sophies verlorengeglaubte Kindheit…
„Memory Hotel“ ist dabei eine echte filmische One-Man-Show. Schließlich zeichnet Sabl für Regie, Drehbuch, Animation, Schnitt und Ton verantwortlich. Entsprechend viel Hingabe und Liebe steckt in dieser Arbeit, das sieht man „Memory Hotel“ auf visueller Ebene in jeder Sekunde an. Sabl entführt das Publikum darin auf eine metaphorische Reise in die Innenwelt seiner Figuren und vermengt Geschichtsbewältigung mit den Themen Einsamkeit, (Identitäts-)Verlust, Traumata und Freundschaft. Ein vielschichtiger und audiovisuell betörender Film, der zur eigenen Reflexion und Interpretation auffordert. Da die Handlung fast die ganze Zeit nur an einem Ort angesiedelt ist (nämlich im titelgebenden Hotel), versprüht der Film zudem eine Kammerspiel-artige Aura.
Das Hotel entwirft Sabl als architektonisch beeindruckendes, mehrgeschossiges Labyrinth, das eine seltsame und morbide Stimmung verströmt. Schließlich wird es für die vier Hauptfiguren über Jahrzehnte zu einer Art Gefängnis, das die Bewohner*innen an sich bindet, ja regelrecht kettet. Langatmigkeit oder gar Langeweile stellen sich beim Betrachten aufgrund der Begrenztheit der Szenerie und des Handlungsortes nicht ein, im Gegenteil. Man kann sich nicht sattsehen am ausgeklügelten Stop-Motion-Set-Design, an der Ausstattungsvielfalt und all den gestalterischen Elementen und Details, die der Schauplatz bietet.
Neue Visionen
Mal befinden wir uns in der wie eine Theaterkulisse gestalteten Hotel-Lounge. Später geht es in die dunkle und beengte Küche, in der Sophie im Akkord und in maschinell-monotoner, rhythmisch immer gleicher Schwerstarbeit das Essen für die russischen Besatzer zubereiten muss. Noch tiefer steigen wir hinab, wenn sich die Handlung auf Beckmann konzentriert. Der haust im Luftschutzkeller zwischen Schmutz und Ratten. Ab und zu klettert er den klaustrophobischen Fahrstuhlschacht empor, um auch etwas vom Essen „abzugreifen“.
Optisch findet „Memory Hotel“ eine feine Balance zwischen Zurückhaltung und Suggestivität. Hin und wieder baut Sabl surreale Momente und anspielungsreiche Traumreisen ein, die von Sophies Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung künden. Großartig und treffend sind zudem die Verweise auf die Geschichte, allen voran auf die ab 1949 einsetzende Deutsch-Deutsche- und Deutsch-Sowjetische-Historie. Schließlich deutet Sabl an, dass der Plot mindestens einen Zeitraum von 40 oder 50 Jahren umfasst (die Figuren altern im Laufe des Films merklich), auch wenn Jahreszahlen, sonstige Zeitangaben oder andere einordnende, der Orientierung dienende Hintergrundinfos fehlen.
Die bereits erwähnte, harte Arbeit an der Maschine, die Sophie täglich über Dekaden verrichten muss, deutet auf die hohe Arbeitsbelastung und monotone, anstrengende Fließbandarbeit hin, die für viele Menschen in der DDR Alltag war. Und während die „Russifizierung“ Sophies als Fingerzeig auf den Einfluss der sowjetischen Besatzungsmacht in Ostdeutschland und Ost-Berlin nach 1945 fungiert, erklingen zwischendurch und nur unterschwellig Parolen, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt haben: „Wir sind das Volk!“
Der Regisseur verweist also auch auf die friedliche Revolution in der DDR 1989/90, die für die Menschen ein Ende der Einschränkungen, Unterdrückung und diktatorischen Willkür bedeutete. Nicht unwahrscheinlich ist, dass einige dieser Anspielungen ganz unmittelbar mit der Biografie und Lebensgeschichte Sabls zusammenhängen, der im Jahr des Mauerbaus geboren wurde. Aufgewachsen ist er einem Industriegebiet in Ostdeutschland – und das „Industrielle“ durchzieht den gesamten Film. Einen so tief in der DDR-Historie verhafteten und derart geschichtsbewussten Stop-Motion-Film hat es vermutlich noch nie gegeben. Und dennoch: Sabl sorgt mit seinem intelligenten, mitfühlenden Drehbuch dafür, dass das Politische nie das Persönliche überwältigt. Denn das Schicksal Sophies bleibt stets das erzählerische Zentrum, um das sich alles dreht.
Neue Visionen
Hin und wieder verliert sich „Memory Hotel“ allerdings auch in nichtssagenden, umständlichen Nebenhandlungen und Seitensträngen. Sie werden durch teils abstruse, verwirrende Einsprengsel ergänzt, die den Zuschauer regelrecht aus dem Film herausreißen. In diesen Momenten, die nichts zur eigentlichen Story oder Dramaturgie beitragen, verzettelt sich Sabl – nicht zuletzt, weil er sie mitunter episch ausbreitet und nicht enden lassen will. Ein Paradebeispiel hierfür ist eine chaotische Szene, in der die Essensherstellung und der Diebstahl der von Sophie produzierten Nahrung im Mittelpunkt steht. Konfus, hektisch und ausufernd geht es in dieser viel zu langen Sequenz zu, in der sich die handelnden Figuren regelrecht um den Verstand und schwindelig spielen. Und die Zuschauenden gleich mit.
Diese Schwäche wird durch die vielen humorvollen Einschübe, Running-Gags rund um eine besonders gefräßige Ratte sowie die schrägen Story-Einfälle ausgeglichen. Und hier darf es dann durchaus auch mal makaber und brutal zur Sache gehen. Schon die Art und Weise, wie Sophies Eltern den Tod finden, ist ziemlich heftig und hätte sich in dieser Drastik und Brutalität gleichsam in jedem Splatter-Movie gut gemacht. Gegen Ende baut Sabl noch eine brillant choreografierte Russisch-Roulette-Szene mit Sophie und einem der Besatzer ein, gegen die selbst Robert De Niro und Christopher Walken in „Die durch die Hölle gehen“ regelrecht einpacken können!
Fazit: Stop-Motion trifft auf Geschichtsunterricht der etwas anderen Art: Mit Zuneigung und Empathie für seine Figuren erzählt „Memory Hotel“ eine starke Story über vier Menschen, die Gefangene eines Ortes und der – deutsch-sowjetischen – Geschichte geworden sind. Die komplexe, sich über viele Stockwerke ausbreitende Architektur des labyrinthartigen und einzigen Schauplatzes beeindruckt dabei ebenso wie die detailreiche tricktechnische Umsetzung in ihrer Gesamtheit. Lediglich im Mittelteil verliert sich der Film in seinen fantasievollen Einfällen und im überbordenden visuellen Ideenreichtum. Dann entgleiten ihm die zuvor behutsam gesetzten inhaltlichen Nuancen, die eigentlichen Botschaften geraten kurz aus dem Blick.