Fabula
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Fabula

Ein wunderbar schräges Krimispektakel

Von Gaby Sikorski

Die Provinz Limburg im Süden der Niederlande ist seit Menschengedenken eine Grenzregion. Zwischen Deutschland und Belgien gelegen, bewahrt sie sich bis heute nicht nur ihre eigene Kultur und einen eigenen Dialekt, sondern auch einen ganz besonderen, leicht ruppigen Charme. Michiel ten Horn, der selbst aus der Region stammt, präsentiert mit der düster-komischen Krimi-Komödie „Fabula“ eine ironische Hommage an seine Heimat, geschickt verpackt in eine originelle Neo-Noir-Story. Das Limburger Land zeigt sich dabei direkt von seiner typischsten Seite: Es ist nass, sehr nass. Von unten wie von oben – und zusätzlich ziemlich düster und verhangen. Zwischen Morast, Sümpfen und Mooren leben nur wenige Menschen, die dem andauernden Regen und der feuchten Erde ihre miese Laune zu verdanken scheinen.

Zu ihnen gehört auch Jos (Fedja van Huêt), dessen Familie vom Pech verfolgt zu sein scheint. Gleich zu Beginn wird er von einer Art Zecke gestochen, die sich im weiteren Verlauf als allwissende Ich-Erzählerin profiliert, indem sie Jos‘ tragische Geschichte erzählt. Jos sieht aus wie ein Durchschnittsbürger – er könnte auch Beamter oder Versicherungsvertreter sein, mit seinem altmodischen Schnauzbart, den zurückgekämmten Haaren und der Brille, die in den 80er Jahren womöglich topmodisch gewesen wäre. Tatsächlich ist er ein kleiner Möchtegern-Gangster, der immer noch vom großen Coup träumt. Doch Jos hat keine Chance, und er weiß es eigentlich, denn er ist ein Loser, wie er im Buche steht – oder wie es zum Auftakt heißt: „Manche Menschen werden für das Unglück geboren.“

Im Limburger Land regiert die Düsternis! Cologne Cine Collective
Im Limburger Land regiert die Düsternis!

Das hört sich mächtig originell an … und ist es auch – ein prachtvoller Einstieg für die Figur des Jos, der es nicht mal als Verbrecher zu etwas gebracht hat. Mit 55 Jahren ist er immer noch ein mickriger Handlanger im Kreis der „echten“ Verbrecher. Er ist unglücklich verheiratet und hat eine erwachsene Tochter, die mit seinem Komplizen Özgür (der niederländische Comedian Sezgin Güleç) zusammen ist, was alle wissen, außer Jos, und der ist dagegen. Fedja van Huêt („Speak No Evil“) spielt den Protagonisten absolut grandios als Loser, der noch immer – im Wissen, dass es sinnlos ist – gegen seine Bestimmung ankämpft. Er ist von stoischer Leere und latenter Wut erfüllt, was ihn zwar wenig sympathisch macht, aber dafür umso bemitleidenswerter in seinem vergeblichen Kampf um Anerkennung.

Özgür ist ziemlich tapsig, dazu noch ein bisschen dusselig und aufgrund seiner Freundlichkeit für den Ganovenjob eher weniger geeignet. Gemeinsam wollen Jos und Özgür das ganz große Ding drehen, aber dem steht – neben ihrer eigenen Unfähigkeit – noch einiges andere im Wege. Eine der zusätzlichen Herausforderungen ist Jos‘ dementer, buckliger Vater (Michiel Kerbosch), den sie nicht mehr loswerden und der stets und ständig mit einer Schaufel herumläuft, weil er zwanghaft nach einem wertvollen antiken Helm buddelt. Schließlich müssen sie auch noch Jos‘ verwahrlosten Bruder Hendrik (Georg Friedrich, mit einem Limburgisch, dem man seinen österreichischen Zungenschlag tatsächlich kaum anmerkt)…

Auf den Spuren der Coen-Brüder

Schon die ersten Bilder des Films – dunkel gekleidete Torfstecher in den nassen Gräben einer feuchten, düsteren Moorlandschaft – öffnen die Tür in eine Geschichte, die kaum ein fröhliches Happy End erwarten lässt. Was als skurril finstere Komödie mit vielen kleinen Gags beginnt (so öffnet sich wie von Zauberhand an Jos‘ Auto immer wieder dieselbe Tür), entwickelt sich alsbald zu einer makabren Parabel über Macht, Ohnmacht und Moral, ein Mix von Märchen und Mythen aus dem Limburger Land, die sich mit Elementen aus Horrorfilmen und Krimis treffen.

Manche der originellen Typen, darunter ein vergammelter Karnevalsprinz, ein obskurer Winzer (David Kross) und ein Gangsterboss, der wie Marlon Brando in „Der Pate“ spricht, erinnern an frühe Coen-Filme wie „Blood Simple“ sowie an Anders Thomas Jensens neuesten Film „Therapie für Wikinger“. Hier im Land der Moore und Sümpfe geht es ebenfalls rau und düster zu, denn die Männer, um die es hier geht, sind lediglich durch Verwandtschaft und nicht durch Zuneigung verbunden – und durch ein Familiengeheimnis. Die vorherrschende Lichtstimmung ist dabei ebenso trübe wie ihre Aussichten.

„Fabula“ erinnert in vielerlei Hinsicht an die frühen Filme der Coen-Brüder („Fargo“). Cologne Cine Collective
„Fabula“ erinnert in vielerlei Hinsicht an die frühen Filme der Coen-Brüder („Fargo“).

Viele Nebenfiguren wirken wie Typen aus einem dunklen, traurigen Bilderbuch über den Sinn des Lebens, präzise und mit bitterem Witz gezeichnet. Ihre kleinen Geschichten sind Relikte einer regionalen Vergangenheit, die von Armut, Wut und Resignation geprägt ist. Ten Horn interessiert sich allerdings weniger für die psychologische Betrachtung als für archetypische Konstellationen: Vater, Bruder, Held – aber kann es hier überhaupt Helden geben? Jos hat definitiv nicht das Zeug dazu, denn Moral und Ethos sind im Limburger Land offensichtlich generell aus der Mode gekommen.

In dieser Landschaft, die der Kameramann Robbie van Brussel in angemessen tristen Bildern festhält, scheint es überhaupt nichts Schönes zu geben. Dennoch verfügen die trostlosen, gelegentlich rätselhaften Aufnahmen über eine gewisse Faszination, sie wecken Gedanken an das Böse statt an das Gute, ihre Kraft resultiert aus dem, was sein könnte, und nicht aus dem, was da ist. Wenn schließlich eine Hexe mit Reibeisenstimme auftaucht, die Bulke (Chris Nietvelt) heißt und sich als Ex-Geliebte von Henrik entpuppt, dann wird nur ein weiteres absurdes Kapitel in der Geschichte des matschigen Limburger Sumpflandes aufgeblättert. Und wenn es am Ende ein bisschen heller wird, dann nur, damit man den bösen Schlussgag besser sehen kann.

Fazit: Mit einem lustvoll-finsteren Humor wandelt „Fabula“ zwischen groteskem Märchen, handfestem Krimi und boshafter Gesellschaftssatire. Aber Vorsicht: Die merkwürdige Geschichte über einen kleinkriminellen Loser in der belgisch-deutsch-niederländischen Grenzregion ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Die Gewalt kommt unerwartet, und das hat etwas durchaus Verstörendes.

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