Fieses FSK-18-Schauermärchen mit reichlich Leerlauf
Von Stefan GeislerWer sich in diesen Film verirrt, weil er ihn mit dem angekündigten „The Mummy“-Reboot verwechselt, wird definitiv sein blutiges Wunder erleben! Deshalb veröffentlicht das Produktionsstudio Blumhouse auf Twitter aktuell auch täglich Warnungen, dass man hier wirklich nicht mit der Rückkehr von Brendan Fraser rechnen sollte. Aber auch so sind auf Anhieb gleich zwei Dinge allein am Titel „Lee Cronin's The Mummy“ bemerkenswert: Zum einen ist es schon eine kleine Überraschung, dass sich nach dem katastrophal gefloppten Tom-Cruise-Vehikel „Die Mumie“ von 2017 überhaupt so schnell ein Hollywoodstudio noch mal an dem klassischen Filmmonster versucht. Und zum anderen wird Lee Cronin sogar noch vor der Mumie im Titel genannt, obwohl der Name des Regisseurs bislang vermutlich kaum jemandem außerhalb der Horror-Bubble geläufig ist. Schließlich hat der irische Filmemacher nach seinem vor allem auf Fantasy-Filmfesten vielbeachteten Debüt „The Hole In The Ground“ bislang lediglich das – zum Ende hin richtig schön über die Stränge schlagende – Gore-Sequel „Evil Dead Rise“ inszeniert.
Sicherlich spielt der Ausschluss der Verwechslungsgefahr eine Rolle bei der Entscheidung, den Regisseur so prominent zu platzieren. Aber nachdem wir den Film gesehen haben, müssen wir auch zugeben: Nach den letztjährigen Erfolgen von „Blood & Sinners“ und „Weapons“ ist Warner Bros. offenbar weiter auf dem Trip, Horror-Auteurs einfach mal machen zu lassen, selbst wenn ihre Ambition (weit) über das in dem Genre übliche Maß hinausreicht: „Lee Cronin’s The Mummy“ ist – anders als die action- oder abenteuerbetonten früheren „Mumien“-Filme – ein düsteres Horror-Familiendrama, das von verdammt fiesen Gewaltspitzen durchsetzt ist. Zudem macht der Schocker mit seinem Auftakt in Kairo nicht nur einen zeitlich wie räumlich ausufernden Handlungsstrang auf; auch die Laufzeit von 134 Minuten spricht für eine gewisse Epik. Allerdings geht das Konzept im Gegensatz zu „Blood & Sinners“ und „Weapons“ diesmal nur bedingt auf. Denn am Ende muss man doch festhalten, dass diese Mumie eine ganze Ecke zu lange braucht, um sich vollständig abzuwickeln.
Warner Bros.
Der TV-Journalist Charlie Cannon (Jack Reynor) ist mit seiner Frau Larissa (Laia Costa), seiner Tochter Katie (Emily Mitchell) und seinem Sohn Sebastián (Shylo Molina) vor sechs Monaten für seinen Job nach Kairo gezogen. Keine leichte Situation, zumal die Familie gerade ihr drittes Kind erwartet. Aber dann zerbricht das Glück jäh, als Katie eines Tages von einer geheimnisvollen Frau verschleppt wird und erst einmal spurlos verschwunden bleibt. Doch irgendwie muss das Leben ja weitergehen – und so ziehen die Cannons wieder zurück in die USA, wo sich die Eltern noch acht Jahre später fragen: Hätte das Unglück verhindert werden können? Wer trägt die Schuld? Und was ist ihrer Tochter nach der Entführung wohl noch alles angetan worden?
Als parallel in Ägypten ein Flugzeug abstürzt, findet sich zwischen den Trümmern ein – aus unerklärlichen Gründen unbeschädigter – Sarkophag. Dieser wird sofort an die zuständigen Archäolog*innen weitergegeben, die beim Öffnen und Abwickeln allerdings nicht schlecht staunen: In der Steinkiste findet sich nicht etwa eine jahrtausendealte Mumie, sondern die einbalsamierte Katie (jetzt: Natalie Grace)! Diese ist zwar schwer gezeichnet und befindet sich in einer Art katatonischem Zustand, aber die Cannons sind trotzdem überglücklich, ihr Mädchen wieder bei sich zu Hause zu haben. Allerdings hält die Freude nicht allzu lange, denn offenbar hat Katie eine dunkle Macht mit sich über den Atlantik gebracht …
Der Einstieg in „Lee Cronin's The Mummy“ gestaltet sich zäh. Der Regisseur und Drehbuchautor macht eine extrem umfangreiche Erzählung auf, die das anfängliche Versprechen einer gewissen Komplexität anschließend allerdings nie einlöst. Nachdem bereits in aller Ausführlichkeit Katies Verschwinden in Ägypten geschildert wurde, lernen wir erst einmal die Familie im Posttraumazustand kennen. Gleichzeitig wird auch noch die Geschichte der jungen ägyptischen Ermittlerin Dalia (May Calamawy) erzählt, die in Kairo weiterhin versucht, hinter das Geheimnis des vor acht Jahren verschwundenen Kindes zu kommen. All diese Ebenen mit ihren jeweils eigenen tonalen Stimmungen harmonieren allerdings nur bedingt miteinander. Bis Katie mit ihrer Familie wiedervereint wird und der Film so richtig in Schwung kommt, vergeht also eine gefühlte Ewigkeit.
Aber selbst dann fährt der Film trotz überaus unterhaltsamer (und teils ganz schön ekeliger) Horror-Einschübe stets mit angezogener Handbremse. Während Cronin gerade in „Evil Dead Rise“ irgendwann gar kein Halten mehr kannte und sich kompromisslos in ein Becken aus Blut und Wahnsinn stürzte, entschleunigt der Regisseur hier nach jeder Gewaltspitze das Geschehen – entweder durch einen Wechsel des Handlungsorts oder durch eine Fokussierung auf das sich irgendwann aber auch kaum noch weiterentwickelnde Familiendrama.
Dass der Film gerade Gorehounds einen gewissen Genuss bereiten dürfte, liegt vor allem an Lee Cronins spürbarer Freude, sein Publikum – im besten Sinne – zu quälen. Horror ist bei ihm immer auch eine körperliche Erfahrung. Allein schon der Anblick der von Natalie Grace gespielten Teenager-Katie bereitet Schmerzen: Sie ist von Kopf bis Fuß übersät mit Wunden und Zeichen einer jahrelang anhaltenden Tortur, bei der kein einziger Sonnenstrahl ihre inzwischen papieren gewordene Haut erreicht hat. Wenn sie in seltsam verkrümmter Haltung im Rollstuhl sitzt, scheinen die Wände des steinernen Sarkophags sie noch immer in einem unbarmherzigen Klammergriff zu umschließen.
Darüber hinaus liefert Cronin schon jetzt eine der fiesesten Szenen des Kinojahres, die selbst bei hartgesottenen Horrorfans bleibenden Eindruck hinterlässt und aus der nächsten Pediküre eine schweißtreibende Mutprobe macht! Ähnlich gelungen ist eine Sequenz, in der eine Trauerfeier zunehmend im makabren Wahnsinn versinkt – und wir parallel die auch visuell extrem geschickt arrangierte Schocker-Variante der „Spider-Pig“-Deckenkrabbel-Szenen aus den „Simpsons“ serviert bekommen. In diesen Momenten trifft der eskalierende Ekelschrecken der „Exorzist“-Reihe auf den abgründig-fiesen Witz von „Evil Dead“.
Warner Bros.
Auffällig abwesend ist hingegen echtes Ägypten-Flair – normalerweise ein unverzichtbares Hauptmerkmal eines jeden „Mumie“-Films. Sowieso handelt es sich bei der Antagonistin nur theoretisch um eine Mumie. Letztlich bekommen wir es aber doch eher mit einem Vertreter des Besessenes-Kind-Genres zu tun – und selbst dafür wirkt der rachsüchtige Dämon noch verdammt austauschbar. Zudem spielt der größte Teil der Handlung in den USA, wodurch sich auch das Setting nicht besonders abheben kann. So fühlen sich viele der eingeschobenen Mumien-Verweise oftmals wie bloße Dekoration an, die lediglich dazu dient, dem Film einen ungewohnten mythologischen Anstrich zu verpassen – im Kern ist es dann aber doch eine recht konventionelle Exorzismus-Geschichte.
Glücklicherweise endet der Film mit einem finalen Knall, in dem endlich all die Horror- und Familiendrama-Elemente vollends zusammenspielen. Nachdem fast zwei Stunden über das Schicksal von Katie spekuliert wurde, liefert eine mysteriöse VHS-Kassette endlich die lang ersehnten Antworten. Was genau auf dem Band zu sehen ist, soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Dennoch dürften gerade Eltern in diesem Moment einen schweren Kloß im Hals verspüren. Dass diese Szene so gut funktioniert, liegt auch an Jack Reynor und Laia Costa, die hier als verzweifelte Eltern dem gezeigten Schrecken eine persönliche, fast schon intime Ebene verleihen.
Fazit: In seinen stärksten Momenten ist „Lee Cronin's The Mummy“ ein wirklich fieser Ritt und eine gelungene Mischung aus „Der Exorzist“ und „The Evil Dead“. Leider kommt der überlange Schocker aber nie anhaltend in Fahrt, weshalb sich der herbeigesehnte Mumien-Wahnsinn – anders als noch in „Evil Dead Rise“ – nie nachhaltig entfalten kann.