Whistle
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Whistle

Solche Todesszenen habt ihr garantiert noch nie gesehen!

Von Christoph Petersen

Gleich in der allerersten Einstellung pustet ein Schiedsrichter bei einem Basketball-Match zweier Highschool-Teams mit aller Kraft in seine Trillerpfeife. Aber nicht das ist die titelgebende „Whistle“, sondern ein verfluchtes aztekisches Artefakt, das – wie sollte es in diesem Genre auch anders sein – einer Gruppe unbedarfter Teenager*innen in die Hände fällt. Historisch dienten solche Todespfeifen, deren Klang erschreckend einem menschlichen Schrei ähnelt, wahrscheinlich der psychologischen Kriegsführung. Aber als Slasher-MacGuffin ist im Film nun jeder dem Tode geweiht, der ihr gellendes Kreischen vernommen hat.

Von der VHS-Kassette in „Ring“ über die Rätselbox in „Hellraiser“ bis zur einbalsamierten Hand in „Talk To Me“ – die Liste an verfluchten Gegenständen, die eine Horror-Handlung in Gang setzen, ließe sich an dieser Stelle bestimmt ewig fortsetzen. Und auch wenn „The Hallow“-Regisseur Corin Hardy sichtlich Wert darauf gelegt hat, die Todespfeife möglichst aufwendig zu designen, ist sie sicher nicht der Auslöser, warum jetzt alle Horror-Fans plötzlich seinem Film entgegenfiebern. Aber Gründe zur Vorfreude gibt es sehr wohl: So geht es bei den Todesszenen viel weniger um das „Warum“ als um das „Wie“ – und die zwei Hauptdarstellerinnen werden im Netz auch nicht von ungefähr als Traumpaar gefeiert.

Wer in seinem Leben schon mal einen Horrorfilm gesehen hat, würde in das Ding wohl kaum hineinpusten, oder? IFC / Shudder
Wer in seinem Leben schon mal einen Horrorfilm gesehen hat, würde in das Ding wohl kaum hineinpusten, oder?

Nachdem ein Klassenkamerad beim Duschen nach dem Schulsport spontan in Flammen aufgegangen ist, stößt eine Gruppe von Highschool-Teenager*innen auf eine mysteriöse antike Pfeife. Während ihr Geschichtslehrer Mr. Craven (Nick Frost) bereits recherchiert, für wie viel Kohle er das aztekische Artefakt bei einer Online-Auktion verscherbeln kann, wollen seine Schüler*innen ihren Zufallsfund erst mal selbst ausprobieren – und so wird bei einer ausgelassenen Pool-Party direkt mächtig reingeblasen.

Aber natürlich war das keine gute Idee. Schließlich segnet fortan einer nach dem anderen das Zeitliche – und zwar auf ebenso abgefahrene wie heftige Weise. Offenbar haben die unerklärlichen Todesfälle etwas mit der Aufschrift auf der Pfeife zu tun. Denn selbst wenn Google den Spruch als „Beschwöre die Toten“ übersetzt, müsste die Warnung in Wahrheit eigentlich „Beschwöre deinen Tod“ lauten …

Gleich zwei neue Scream Queens

Wenn man Online-Kommentare zu Teen-Slashern liest, dann geht es in der Regel um die Fragen: Ist das spannend? Wie kreativ sind die Kills? Gibt es Überraschungen? Aber im Fall von „Whistle“ wird vor allem – absolut Genre-unüblich – die zentrale Liebesgeschichte abgefeiert. Dabei macht der Film selbst keinerlei Gewese darum, dass sich mit Dafne Keen („Logan – The Wolverine“) und Sophie Nélisse („Yellowjackets“) zur Abwechslung zwei junge Frauen ineinander verknallen – womit uns „Whistle“ dann auch direkt zwei neue Scream Queens kredenzt. Abseits des neuen Traumpaars sind die Freundeskreis-Figuren allerdings kaum der Rede wert – eben die üblichen Highschool-Archetypen, die vor allem dazu da sind, Slasher-mäßig abgeräumt zu werden.

Aber damit sind wir dann auch beim eigentlichen Alleinstellungsmerkmal des Films: den Kills. Nachdem er mit „The Nun“ einen der erfolgreichsten Horrorfilme aller Zeiten abgeliefert hat, biss sich Corin Hardy erst einige Jahre lang an seiner nie gedrehten „The Crow“-Version mit Jason Momoa die Zähne aus, bevor er sich als Regisseur von acht Episoden der superbrutalen Gangster-Serie „Gangs Of London“ so richtig austoben konnte. Aber offenbar hat sich da in der Zwischenzeit einiges angestaut – denn die im Skript von Owen Egerton („Blood Fest“) angelegten Todesszenen setzt er nun ebenso brachial wie brillant um.

Das Scream-Queen-Team Dafne Keen und Sophie Nélisse ist offenbar für viele der eigentliche Grund, sich „Whistle“ anzusehen. IFC / Shudder
Das Scream-Queen-Team Dafne Keen und Sophie Nélisse ist offenbar für viele der eigentliche Grund, sich „Whistle“ anzusehen.

Achtung: Ab hier offenbaren wir das Grundkonzept von „Whistle“. Diejenigen, die vorab lieber gar nichts über einen Film wissen wollen, sollten vielleicht besser erst nach dem Kinobesuch weiterlesen.

Die Opfer in „Whistle“ werden nämlich nicht etwa von einem psychopathischen Killer, sondern von ihrem eigenen Tod heimgesucht – der aufgrund der Todespfeife nun eben ein paar Jahrzehnte früher als geplant vorbeischaut. Der Clou dabei: Die Teenager*innen sterben exakt so, wie sie sonst auch gestorben wären – nur eben in einer ganz anderen Situation! Sprich: Wäre jemand in 50 Jahren bei einem Hausbrand ums Leben gekommen, dann verbrennt er jetzt auch – und zwar selbst dann, wenn er gerade unter der Dusche steht und keinerlei Feuerquelle in der Nähe ist. Die Möglichkeiten, was man aus diesem Konzept machen kann, sind schier endlos …

… und Corin Hardy kennt zum Glück keinerlei Zurückhaltung! Geht es zunächst noch eher kreativ zur Sache, wenn man sich zum Beispiel überlegt, wie es wohl aussehen könnte, wenn eine gerade noch quietschfidele Teenagerin plötzlich an Altersschwäche dahinsiecht, wird es im weiteren Verlauf immer brachialer. Glaubt man zwischendurch fast, es könnte sich bei „Whistle“ um einen dieser künstlich blutarmen PG-13-Horrorfilme für ein jugendliches Publikum handeln, wird mit diesem Eindruck zum Ende hin mächtig aufgeräumt: Habt ihr euch zum Beispiel schon mal vorgestellt, wie ein Körper in genau dem Moment aussieht, wenn ein Wagen mit Karacho gegen eine Wand fährt – und zwar ohne Auto, einfach ein Körper in einem Zimmer, berstende Knochen und Gliedmaßen inklusive?

Fazit: Die Idee für die Todesszenen ist nicht nur genial, sie wird auch gnadenlos-konsequent umgesetzt – und das ist bei einem Slasher ja mal mindestens die halbe Miete!

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