Sorry, Baby
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Sorry, Baby

Ein Regiedebüt, das in Erinnerung bleibt

Von Sidney Schering

Mit dem Meistwerk „I Saw The TV Glow“ schuf Jane Schoenbrun atmosphärischen Mystery-Grusel, der bittersüße TV-Nostalgie, verschwimmende Erinnerungen und die Suche nach dem wahren Ich behandelt – gespickt mit Metaphern für Coming-Out-Ängste und Transgender-Identitäten. Insbesondere im englischsprachigen Raum entwickelte sich der Film daher in Windeseile zu einem modernen Kultklassiker der LGBTQ+-Community. Möglich, dass die introspektive Schauergeschichte künftig auch aus einem weiteren Grund als Meilenstein festgehalten wird.

Denn Schoenbrun gestattete Eva Victor, am Set von „I Saw The TV Glow“ Mäuschen zu spielen. Diese berufliche Solidarität zwischen zwei nicht-binären Filmschaffenden führte letztlich zu Victors bemerkenswertem, von „Moonlight“-Macher Barry Jenkins produziertem Regiedebüt „Sorry, Baby“ – und die sarkastisch-spröde, trotzdem sensible Tragikomödie über die (stillen) Folgen sexueller Gewalt, die ihre Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival gefeiert hat und anschließend auch in Cannes gezeigt wurde, lässt erahnen, dass das US-Indiekino nun um ein markantes Regietalent reicher ist!

Agnes (Eva Victor) leidet noch immer unter der Vergewaltigung durch ihren früheren Professor. Trotzdem ist „Sorry, Baby“ alles andere als ein reiner Trauma-Film. DCM
Agnes (Eva Victor) leidet noch immer unter der Vergewaltigung durch ihren früheren Professor. Trotzdem ist „Sorry, Baby“ alles andere als ein reiner Trauma-Film.

New England: Agnes (Eva Victor) lebt noch immer in ihrer WG-Bleibe aus Studientagen – mittlerweile teilt sie sich das Häuschen jedoch nur noch mit ihrer Katze und hat den Sprung von der Literaturstudentin zur Jungprofessorin mit befristeter Stelle geschafft. Als sie von ihrer mittlerweile in New York City lebenden besten Freundin Lydie (Naomi Ackie) Besuch erhält, ist die Freude groß! Nicht zuletzt, weil Lydie freudig mitteilen darf, dass sie dank einer Samenspende schwanger ist.

Lydie findet außerdem heraus, dass Agnes eine Beziehung zu ihrem Nachbarn Gavin (Lucas Hedges) hegt. Doch immer wieder zeigen sich Risse in der wohligen Stimmung. Denn Agnes’ Doktorvater Prof. Decker (Louis Cancelmi) hat sie kurz vor ihrem Abschluss vergewaltigt, was Agnes zwar nicht ununterbrochen, doch immer wieder aufs Neue beschäftigt...

Spröde, distanziert und schmerzhaft

Während sich durch „I Saw The TV Glow“ konstante Beklemmung zieht, gibt es in „Sorry, Baby“ Inseln der (Schein-)Normalität. Trotzdem betont Victor in Interviews, an Schoenbruns Set neben rein logistischen Lektionen viel über die Inszenierung von Horror gelernt zu haben. Das lässt sich beim Anblick dieses nicht-chronologisch erzählten Erstlings mit seinen diffizilen Tonwechseln sicher nicht leugnen, wenngleich „Sorry, Baby“ deutlich bodenständiger ist als Schoenbruns allegorisches Mysterium: Mit beiläufiger Effizienz macht Victor etwa aus einer geschlossenen Zimmertür einen grausigen Anblick, der unbequeme Erinnerungen hervorruft. Die distanziert-stille Außenansicht des Hauses von Prof. Decker, während die Stunden verfliegen, obwohl Agnes nur kurz etwas besprechen wollte, löst ebenfalls Unbehagen aus – die Tat soll und will man gar nicht sehen!

Zumal die anschließende, von Victor erschütternd gespielte Nacherzählung, während der Agnes entgeistert von detaillierten Erinnerungsfetzen zu groben Eindrücken und kreisenden Gedanken schwankt, sofort erneute, kalte Schauer erzeugt. „Sorry, Baby“ nähert sich dem Thema aber nicht ausschließlich anhand solcher harschen Momente: Agnes wird schon vor dem Verbrechen als schnippische Person mit trockenem Humor skizziert – und konsequenterweise baut sie danach ihren Sarkasmus zum Schutzschild aus. In keiner Szene wird dies vielschichtiger deutlich als bei einer medizinischen Untersuchung am Tag danach: Der Agnes behandelnde, sachliche Arzt wird ununterbrochen für seinen Tonfall kritisiert. Und das, obwohl Agnes und Lydie, die zur emotionalen Unterstützung mitgekommen ist, die Vergewaltigung selbst kleinreden, mit Galgenhumor um sich werfen und zunehmend zynisch werden.

Ihre beste Freundin Lydie (Naomi Ackie) ist für Agnes eine wichtige Stütze, selbst wenn sie inzwischen leider nach New York gezogen ist. DCM
Ihre beste Freundin Lydie (Naomi Ackie) ist für Agnes eine wichtige Stütze, selbst wenn sie inzwischen leider nach New York gezogen ist.

Es ist eine zugleich trocken-komische wie dramatische Szene, die Victor mit Empathie für alle in dieser belastenden Lage feststeckenden Figuren erzählt. Zugleich zeigt es, dass für Abläufe nach sexuellen Gewaltverbrechen zwar allerlei Protokolle existieren, die Opfer aber trotzdem nahezu hilflos dastehen. Ähnlich verhält es sich mit einer Szene, in der die als Geschworene zu Gericht gerufene Agnes sich beim Auswahlprozess überlegen muss, ob sie Fremden pflichtgemäß die Wahrheit erzählt, oder ob sie ihre Vergewaltigung unter den Tisch fallen lässt, um sich die schockiert-mitleidigen Blicke zu sparen.

Diese Passage inszeniert Victor mit einem neurotisch-nachdenklichen Sinn für Humor, der an Mumblecore-Filme wie „Greenberg“ oder „Nights And Weekends“ erinnert. Aus dieser Filmgattung scheint Victor auch ein Gespür für Figuren entlehnt zu haben, die in einer Übergangsphase feststecken. Denn Agnes’ Distanziertheit lässt sich so interpretieren, dass sie sich nicht allein aus ihrem Status als Überlebende einer Vergewaltigung nährt. Victor zeichnet sie unter anderem auch als Menschen, der damit hadert, dass die beste Freundin weggezogen und in einem neuen Lebensabschnitt angekommen ist – während Agnes zwar ebenfalls einen begehrten Job ergattert hat, aber schon allein aufgrund ihrer Wohnsituation den Eindruck erweckt, sie habe sich seit Studientagen nicht verändert.

Maskuline Mode als Co-Star und Deutungsspielraum

Unterschwellig ist „Sorry, Baby“ zudem das Porträt einer Person, die mit ihrer Gender-Identität hadert: Zumeist ist sie fein damit, als weiblich bezeichnet zu werden. In einem kurzen, prägnanten Augenblick modifiziert Agnes einen Fragebogen jedoch so, dass sie ihr Kreuzchen auf eine ambivalente Art setzen kann (in Interviews verwendet Victor für Agnes trotzdem weibliche Pronomen – wir haben uns in dieser Kritik daran orientiert). Vieldeutig ist vor diesem Hintergrund auch Agnes’ sich wandelnder Modestil: Victor und Kostümdesignerin Emily Costantino markieren Agnes’ Lebensabschnitte durch zu- und abnehmende Zuneigung für körperbetonte Formen. Es gibt Phasen mit auffällig vielen Kleidungsschichten und letztlich ein selbstbewusstes Einleben in gemeinhin maskulin verstandene Texturen, Farben und Schnitte.

Wo bei Agnes’ ästhetischer Neuerfindung die Suche nach einem weiteren Schutzpanzer aufhört und ein davon losgelöster Prozess erwachsener Selbstfindung beginnt – dahingehend lässt Victor zwar bis zum Ende einen Interpretationsspielraum. Für die optimistischere Deutung spricht allerdings, dass „Sorry, Baby“ eben nicht bloß von Leid und bleibenden Narben handelt, sondern auch von Empathie und Wachstum – wie in der warmherzigen Szene mit dem Betreiber eines Sandwichladens (toll: „Fargo“-Star John Carroll Lynch), der Agnes erst aufgrund einer Lappalie anbrüllt, dann aber einfühlsam durch eine Panikattacke führt. Es ist nur sinnig, dass in diesem mehrschichtigen Film Agnes durchs Älterwerden die Reife gewinnt, zu ihrem wahren (modischen) Ich zu finden – Leute dies aber auf Teufel komm raus als Traumabewältigung deuten wollen.

Fazit: So sarkastisch und erschütternd wie einfühlsam: Mit „Sorry, Baby“ empfiehlt sich Eva Victor für eine spannende, vielschichtige Regiekarriere.

Wir haben „Sorry, Baby“ auf dem Filmfestival Cologne gesehen.

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