Hauptsache Applaus
Von Christoph PetersenMan merkt, dass Kulturkrieg herrscht, wenn von der diversen Besetzung von „Die Odyssee“ angestachelte Social-Media-Troll*innen Christopher Nolan jede handwerkliche Qualität absprechen, aber im selben Moment Uwe Boll nicht nur bei seinen dumpf-hasserfüllten Rassismus-Ausbrüchen applaudieren, sondern dessen hingerotzten Billo-Schund „Citizen Vigilante“ darüber hinaus auch noch zu einem filmischen Meisterwerk hochjazzen. Wobei „sein größter Fan“, immerhin der reichste Mann des Planeten, den Film ziemlich sicher nicht mal gesehen hat. Sein Team mag „Citizen Vigilante“ für 48 Stunden kostenlos auf X gestellt haben, aber von Elon Musk selbst gibt es keinerlei Aussage, die sich tatsächlich auf den Film oder auch nur eine konkrete Szene bezieht.
Irgendwas gegen Immigration? Irgendwie vielleicht verboten? Das wird blind gefeiert! Aber natürlich war „Citizen Vigilante“ trotz seines relativ unverhohlenen Aufrufs zu fremdenfeindlicher Gewalt weder zensiert noch verboten, er hat lediglich drei Anläufe gebraucht, um die gewünschte Freigabe ab 18 Jahren von der FSK zu erhalten. Das ist auch von der Kritik gefeierten Werken wie „The Sadness“ genauso ergangen. Aber die Details spielen offenbar ebenso keine Rolle wie die filmische Qualität – denn um die einzuordnen, braucht es wirklich nicht viel mehr als das gruselig-grüne Colorgrading der Eröffnungssequenz. Was bleibt, sind zwei, drei (unfreiwillig) amüsante Szenen und das Gefühl, nach dem Rollen des Abspanns erst einmal unter die Dusche zu müssen.
Event Film
Der US-Amerikaner Sanders (Armie Hammer) hat ein Immobilienunternehmen in einer nicht näher bestimmten europäischen Stadt (gedreht wurde in Zagreb) geerbt – und verdingt sich nebenher als dunkler Rächer: Während er in den Sozialen Medien abgefeiert wird, ist ihm der regionale Interpol-Chef Henry (Costas Mandylor) bereits dicht auf den Fersen. Aber Sanders ist nicht nur dazu bereit, in seinen Augen strafwürdige Immigrant*innen und links-verweichlichte Richter zu ermorden, auch mit den Polizisten, die seine Villa stürmen, kennt er kein Erbarmen …
Uwe Bolls 15 Minuten Kulturkampf-Ruhm sind unterdessen fast schon wieder vorüber. Er selbst mag nach einem nie dagewesenen Interview-Marathon in überwiegend rechtspopulistischen Medien von großen Zukunftsplänen träumen, aber schon nach der Veröffentlichung des unter dem plump-provokanten Titel angedachten Sequels „Citizen Vigilante 2: The End Of The Somali Scams“ wird sicher kein Hahn mehr krähen. Benutzt und ausgespuckt, und unser Mitleid hält sich in Grenzen. Nur als Objekt psychologischer Studien wird „Citizen Vigilante“ in einigen Jahren noch taugen, schließlich ist Uwe Bolls sogenannte „Deutschland im Winter“-Trilogie ein perfektes öffentliches Real-Life-Beispiel dafür, wie Leute normalerweise unbeobachtet und anonym im Netz abrutschen.
„Hanau“ war zumindest noch der Versuch eines Psychogramms des rechtsextrem-rassistischen Amokläufers – aber abgesehen vom Protest der Hanauer Stadtverwaltung samt Bürgermeister hat’s dann am Ende doch niemanden gejuckt. Also folgte mit „Run“ ein Film, der wohl unter Uwe Bolls Vorstellung von „ambivalent“ fällt und schon die erste dumpfe Geflüchteten-Hetze einstreute, sich aber auch einigermaßen deutlich gegen die ein Blutbad im Abschiebelager anrichtenden Selbstjustiz-Amis stellt. Auch diesmal gab es kaum Aufmerksamkeit für den Release, außer von den ersten rechtspopulistischen Portalen, die sich die für sie passenden Elemente des Films herauspickten – und im Fall von Tichys Einblick sogar eine Gastautorenrolle an Uwe Boll vergaben. Somit war „Citizen Vigilante“ nur der logische nächste Schritt.
Im Vorfeld der Sichtung hatte ich schon die Beschreibung der vier, fünf zentralen Szenen in den Sozialen Medien mitbekommen – beim Schauen war ich dann aber trotzdem verwundert, dass „Citizen Vigilante“ tatsächlich auch nur aus diesen zu bestehen scheint. In der aktuellen Diskussion um die Frage, ob sich Armie Hammer inzwischen von dem Film distanziert oder nicht, wird immer wieder die Anekdote aus der Titelgeschichte des Hollywood Reporter erwähnt, laut der das Drehbuch lediglich 50 Seiten umfasste (für einen 90 Minuten langen Film wären sonst 90 bis 100 Seiten die „normale“ Länge). Allerdings haben die Extraseiten nicht etwa gefehlt, vielmehr ist der Film eigentlich nur 45 Minuten lang – der Rest ist hemmungslos ausgedehntes Füllmaterial.
Wenn das SWAT-Team Sanders‘ Villa stürmt, sehen wir zuvor eine sich elendig ziehende Viertelstunde lang, wie die Spezialeinheit in ihren panzerähnlichen Fahrzeugen einmal komplett quer durch die Stadt fährt – und wenn eine Leiche aus einer Wohnung getragen wird, verfolgen wir die Träger auch noch gefühlt durchs komplette Treppenhaus. Man stelle sich mal eine „Tatort“-Folge vor, bei der wir die Kommissar*innen vor jeder Zeugenbefragung erst noch zehn Minuten schweigend im Auto dorthin fahren sehen. Mein Nebenmann meinte zwischendrin zu mir: „Wenn man 30 Jahre lang Filme macht, hätte man doch zumindest zufällig etwas aufschnappen müssen.“ Aber Uwe Boll belehrt uns einmal mehr eines Besseren!
Aber die schwer bewaffnete Einheit braucht nicht nur ewig, es ist auch das dümmste SWAT-Team der Welt. Sanders hat sich einen kugelsicheren Metallkasten ins Wohnzimmer gebaut, aus dem er in genau eine der vier Richtungen mit zwei MGs herausfeuern kann. Aber statt mal zur Seite zu gehen, stellen sich die SWAT-Mitglieder in Anbetracht der Gewehrmündungen seelenruhig so auf, dass Sanders sie der Reihe nach niedermähen kann. Für die Gore-Szenen war auch hier wieder Olaf Ittenbach („Chain Reaction“) verantwortlich – und weil er den Effekt offenbar gerade noch rumliegen hatte, platzt einem der Polizisten das komplette Gesicht weg, selbst wenn das überhaupt nicht zu den eingesetzten Waffen passt. Aber eh alles egal – und das gilt auch für die Kritik an der Immigrationspolitik.
Die weltschlechteste Nachrichtensprecherin rattert in „Citizen Vigilante“ selbst dann noch vollkommen monoton irgendwelche Thilo-Sarrazin-Gedächtnis-Statistiken herunter, wenn sie gerade „breaking“ über ein Zehnfach-Mord-Massaker berichtet. Und der Richter, der darüber schwadroniert, dass auch die Täter im Fall einer Gruppenvergewaltigung in Wahrheit nur Opfer wären, fungiert mit seiner unfassbaren rechten Fiebertraum-Argumentation ohnehin nur als menschgewordenes Strohmann-Argument – auch um so ein finales Massaker an einer aus Syrien stammenden Familie zu rechtfertigen. Vor dem hatte ich nach den Beschreibungen im Vorfeld ein wenig Angst, aber der Massenmord ist schon rein handwerklich so unterirdisch gefilmt und gespielt, dass er nicht einmal mehr Wut ausgelöst hat.
So bleiben von „Citizen Vigilante“ abgesehen von der Viel-Lärm-um-Schund-Diskussion der letzten Wochen vor allem zwei, drei kurze Momente mit einem skurrilen Unterhaltungswert: Wenn Sanders einem schwarzfahrenden Teenie-Trio die Folgen ihres Handelns mit einem kapitalistischen Vortrag über den Preis von Bananen erläutert, ist selbst das längst nicht so absurd wie die Szene, in der sich der Selbstjustiz-Vermieter beim Blowjob einer Sexarbeiterin plötzlich nur noch auf die Schimmelstellen an der Decke konzentrieren kann. Man könnte fast darüber lachen, wenn Uwe Boll mit der an Perfidität kaum noch zu übertreffenden Widmung für alle Opfer migrantischer Gewalt nicht noch einmal unterstreichen würde, dass der ganze ausgewälzte Quatsch tatsächlich todernst gemeint ist.
Fazit: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Aussprechen unbequemer Wahrheiten und plump-fremdenfeindlichem Scheißdreck – weder der strunzöde und seltendämliche „Citizen Vigilante“ noch Uwe Boll scheint ihn zu kennen (oder sich im 15-Minuten-Ruhmesbad des rechtspopulistischen Applauses darum zu scheren).
P.S.: Wer hätte noch vor wenigen Wochen gedacht, dass jemals eine Kritik zu „Citizen Vigilante“ erscheint, in der nicht die Rückkehr des gecancelten Armie Hammer im Vordergrund steht? Wir leben wahrhaft in merkwürdigen Zeiten.