Couture
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Couture

Hinter den Kulissen der Haute Couture

Von Ulf Lepelmeier

Couture“ ist der bisher persönlichste Film von Regisseurin Alice Winocour. Vor einigen Jahren erhielt sie selbst eine Krebsdiagnose, während in Paris gerade die Vorbereitungen zur Fashion Week liefen. Das bleierne Gefühl, plötzlich mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert zu werden, während das Leben um einen herum scheinbar ungebremst weiterläuft, bildet den emotionalen Ausgangspunkt ihres neuen Films. Mit der Fashion Week und dem Traditionshaus Chanel wählt Winocour dabei einen ebenso ungewöhnlichen wie faszinierenden Hintergrund für ihr Drama über Lebensentscheidungen und weibliche Solidarität.

Wie schon in „Proxima – Die Astronautin“ (2019) nähert sich die französische Regisseurin dieser besonderen Welt mit einem beiläufig-dokumentarischen Blick und entwickelt aus alltäglichen Arbeitsabläufen eine erstaunliche Nähe zu ihren Figuren. Getragen von einem herausragenden Ensemble um Angelina Jolie, Vincent Lindon und Ella Rumpf erzählt „Couture“ schließlich weniger von Mode als von Menschen, die unter beruflichem Druck mit existenziellen Krisen umgehen müssen.

Regisseurin Maxime Walker (Angelina Jolie) ist beruflich auf der Pariser Fashion Week – und wird mit einer erschütternden Diagnose konfrontiert. HanWay Films
Regisseurin Maxime Walker (Angelina Jolie) ist beruflich auf der Pariser Fashion Week – und wird mit einer erschütternden Diagnose konfrontiert.

Kurz vor der Pariser Fashion Week soll die amerikanische Independent-Regisseurin Maxine Walker (Angelina Jolie) eine filmische Eröffnungssequenz für die Modenschau von Chanel umsetzen. Kaum in Frankreich angekommen, erhält sie jedoch eine niederschmetternde Diagnose, die sie zwingt, den stressigen Dreh, Arzttermine und die Beziehung zu ihrer entfremdeten Tochter gleichzeitig zu bewältigen.

Zur selben Zeit hofft die aus dem Südsudan angereiste Pharmaziestudentin Ada (Anyier Anei), mit ihrem ersten Job als Model ihrer Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen, während sich die erfahrene Make-up-Artistin Angèle (Ella Rumpf) zwischen den hektischen Aufträgen der Fashion Week und ihrem Traum von einer Karriere als Schriftstellerin bewegt. Die Wege der drei Frauen kreuzen sich hinter den Kulissen des von Zeitdruck und Konkurrenz dominierten Modezirkus immer wieder…

Ein einmaliger Blick hinter die Kulissen

„Nutzlos und notwendig“ – mit diesen beiden Worten beantwortet Horrorfilm-Regisseurin Maxine gleich zu Beginn die Frage, was Mode für sie bedeute. Worte, die programmatisch für den gesamten Film stehen. Denn Alice Winocour interessiert sich nicht so sehr für den Glamour der Haute Couture oder die eigentliche Modenschau, sondern vielmehr für die Menschen, die sie überhaupt erst möglich machen. Statt den Laufsteg, die Kreationen oder prominente Gäste in den Mittelpunkt zu rücken, richtet sie ihren Blick konsequent auf Schneider*innen, Maskenbildner*innen, Models und Filmschaffende, die hinter den Kulissen arbeiten. Die Fashion Week inszeniert sie dabei als permanenten Ausnahmezustand, in dem für persönliche Probleme eigentlich kein Platz bleibt.

Die Authentizität vieler Szenen ist auch dem Umstand geschuldet, dass Chanel hier erstmals einem Filmteam Zugang zu seinen Ateliers gewährt hat. Immer wieder verweilt die Kamera in Nahaufnahmen auf Händen, die Stoffe zuschneiden, Kleider nähen, Models schminken oder Frisuren perfektionieren. Dadurch rückt weniger das fertige Designobjekt als die oft unsichtbare Arbeit hinter makelloser Schönheit in den Mittelpunkt. Besonders reizvoll sind die vielen kleinen Beobachtungen des Arbeitsalltags – etwa der Brauch, ein Haar der verantwortlichen Schneiderin in jedes Kleid einzuarbeiten, das Glück bringen soll. Solche beiläufigen Details verleihen „Couture“ eine Glaubwürdigkeit, die über eine bloße Kulisse hinausgeht.

Auch Make-up-Artistin Angèle (Ella Rumpf) und das angehende Model Ada (Anyier Anei) haben mit privaten Krisen zu kämpfen. HanWay Films
Auch Make-up-Artistin Angèle (Ella Rumpf) und das angehende Model Ada (Anyier Anei) haben mit privaten Krisen zu kämpfen.

Gleichzeitig übersetzt Winocour diese Arbeitsabläufe in eine stille Bildsprache. Klebestreifen, Fäden und Narben ziehen sich als wiederkehrende Motive durch den Film. Während Stoffe zusammengenäht und Gesichter oder auch mal Füße geschminkt werden, müssen die Figuren lernen, mit Verletzungen und Ängsten umzugehen. Die Regisseurin zeigt die makellose Oberfläche der Modewelt dabei als sorgfältig konstruiertes Ideal, in dessen Maschinerie die Menschen letztlich doch nach Nähe und Verständnis suchen.

Schauspielerisch überzeugt das Ensemble auf ganzer Linie. Ella Rumpfs („Tiger Girl“) Angèle erweist sich als emotionaler Anker des Films. Ihre Figur bewegt sich taff und mit beeindruckender Selbstverständlichkeit durch den hektischen Mikrokosmos der Fashion Week. Gleichzeitig begegnet sie ihren Mitmenschen mit einer Empathie, die in dieser leistungsorientierten Umgebung außergewöhnlich wirkt. Gerade ihre kleinen Gesten der Aufmerksamkeit verleihen dem Film seine berührendsten Momente.

Man merkt, dass Angelina Jolie das Thema des Films sehr nahe ist. HanWay Films
Man merkt, dass Angelina Jolie das Thema des Films sehr nahe ist.

Aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte und ihrer Entscheidung für eine prophylaktische Mastektomie besitzt Angelina Jolie („Maria“) einen besonderen Zugang zum Thema Krebs und verleiht Maxines Umgang mit der Diagnose eine spürbare emotionale Tiefe. Besonders eindrucksvoll ist ihr Spiel in den Szenen, in denen Maxine die Tragweite ihrer Erkrankung allmählich begreift und ihre professionelle Fassade langsam zu bröckeln beginnt. Gleichzeitig fällt es aufgrund ihrer einnehmenden Präsenz bisweilen schwer, ihr die Rolle als weitestgehend unbekannte Independent-Regisseurin abzunehmen, die sich mit ihrem Kameramann über den perfekten Rotfarbton in einer besonders blutigen Szene von „The Descent“ austauscht.

Anyier Anei vermittelt bei ihrem Schauspieldebüt glaubwürdig Adas Neugier, Überforderung und Staunen angesichts der ihr fremden Welt der Haute Couture. Vincent Lindon („Les Misérables“), der bereits als Hauptdarsteller in Winocours Debütfilm „Augustine“ mitwirkte, überzeugt als engagierter Arzt, während Ella Rumpfs „Raw“-Schauspielkollegin Garance Marillier („Titane“) in ihrer kleinen Rolle als Schneiderin nur mit ihren konzentrierten Blicken und Handgriffen im Atelier großen Eindruck hinterlässt.

Kleine Gesten der Solidarität

Die emotionale Kraft ihrer vorherigen Filme erreicht Alice Winocour mit „Couture“ dabei nicht ganz. Gerade weil sie mehreren Figuren gleichermaßen gerecht werden möchte, verliert sich das episodisch-mäandernde Drama stellenweise in Erzählschlaufen. Nicht jede der parallel verlaufenden Episoden ist gleichermaßen wichtig für das Gesamtbild, wodurch die Geschichten von Ada und Angèle gelegentlich etwas zu kurz kommen. Dabei zelebriert der Film die kleinen Gesten der Aufmerksamkeit und Solidarität, die insbesondere in einer auf Konkurrenz und Effizienz eingeschworenen Branche große Wirkung entfalten.

Fazit: „Couture“ erzählt die Geschichten von drei Frauen, die im Trubel der Pariser Fashion Week mit beruflichem Druck, ungewissen Zukunftsperspektiven und der Endlichkeit des Lebens konfrontiert werden. Alice Winocours Film pendelt geschickt zwischen der Hektik des Modebusiness und den flüchtigen, aber entscheidenden Momenten des Lebens. Dabei zeigt „Couture“ eindrucksvoll, wie wichtig Empathie und gegenseitige Solidarität – gerade unter Frauen – in einer Welt sind, in der für Mitgefühl oft keine Zeit zu sein scheint.

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