Die Odyssee
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Die Odyssee

Schon der schiere Aufwand raubt einem den Atem

Von Christoph Petersen

Wir müssen nicht ganz vorne anfangen, als Homer um 700 vor Christus die 12.110 Verse umfassenden 24 Gesänge der Odyssee zu Papier brachte. Aber doch zumindest im Jahr 2002, als die Chefetage des Hollywoodstudios Warner Bros. entschied, „Batman Vs. Superman“ den Stecker zu ziehen. Der für den Comic-Blockbuster angeheuerte Starregisseur Wolfgang Petersen kehrte daraufhin nämlich zu einem bereits zuvor angestoßenen Projekt zurück und landete 2004 mit dem Brad-Pitt-Epos „Troja“ einen Megahit. Das zwischenzeitig für „Troja“ vorgesehene Nachwuchstalent Christopher Nolan wiederum erhielt als eine Art Trostpreis die Regie von „Batman Begins“ – und der Rest ist Geschichte! Aber nicht nur, weil sonst niemals „The Dark Knight“ entstanden wäre, hat der Kino-Gott in diesem Fall alles richtig gemacht: Schließlich bringt Christopher Nolan seinen Troja-Film mit mehr als 20 Jahren Verspätung nun doch noch in die Kinos – und in „Die Odyssee“ steckt nicht nur jede Menge bahnbrechende Technik, sondern auch so viel von „Inception“ und „Interstellar“, dass man sich kaum vorstellen könnte, dass der zweifache Oscargewinner damals auch nur ansatzweise etwas Vergleichbares zustande gebracht hätte.

Nachdem sein mit 100 Millionen Dollar recht schmal budgetiertes Biopic „Oppenheimer“ fast eine Milliarde Dollar an den weltweiten Kinokassen umgesetzt hat (Stichwort: „Barbenheimer“), war Nolan bei seinem nächsten Projekt das nötige Standing sicher, um seine persönliche Vision trotz 250-Millionen-Dollar-Budget ohne Abstriche umsetzen zu können. Und von diesem Freifahrtschein macht er ausgiebig Gebrauch: An der vorlageentsprechend fragmentierten, intellektuell-unterkühlten, streckenweise fast schon kontemplativen Erzählung wird ein sicherlich nicht ganz kleiner Teil des Publikums (zumindest bis zum sehr viel zugänglicheren Finale) abprallen. Das wirkt mitunter fast so, als hätte jemand Ingmar Bergman („Das siebente Siegel“) und Terrence Malick („Der schmale Grat“) bedingungslos eine Viertelmilliarde für ihre nächste Filmkunst-Unternehmung auf den Tisch geknallt. Aber gerade diese absolute Kompromisslosigkeit macht „Die Odyssee“ zu einem Ereignis, wie es so noch nie auf der – hoffentlich möglichst gewaltigen – Leinwand zu sehen war.

Matt Damon hat sich für seinen dritten Christopher-Nolan-Film nach „Interstellar“ und „Oppenheimer“ bis auf 76 Kilogramm heruntergehungert. Universal Pictures
Matt Damon hat sich für seinen dritten Christopher-Nolan-Film nach „Interstellar“ und „Oppenheimer“ bis auf 76 Kilogramm heruntergehungert.

Christopher Nolan orientiert sich bei seiner Version der Odyssee zwar an der 2017 erschienenen Neuübersetzung der Altphilologin Emily Wilson, weshalb die Figuren auch leicht verständliches Alltagsenglisch sprechen, bleibt zugleich aber der mosaikartigen Form des Ausgangsmaterials treu. Gerade zu Beginn setzt sich die Geschichte der titelgebenden Irrfahrt aus verschiedenen Erzählungen und Erinnerungsfetzen nur langsam und schemenhaft zusammen: Nach der zehnjährigen Belagerung Trojas kam Odysseus (Matt Damon) die Idee mit dem Pferd. Aber auf dem Rückweg nach Ithaka gerieten der König und seine Soldaten vom Weg ab – und bekamen es so mit gewaltigen Stürmen, verführerischen Sirenen und einem menschenverschlingenden Zyklopen zu tun. Unterdessen warten seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachos (Tom Holland) bereits seit 20 Jahren auf die Rückkehr des Vermissten. Am Hof haben sich neben Antinous (grandios schmierig: Robert Pattinson) inzwischen noch Dutzende weitere Freier eingenistet, die nur darauf warten, dass Penelope endlich einsieht, dass Odysseus längst tot ist und nie mehr zurückkehren wird …

Das genaue Gegenteil eines Netflix-Films

Wo es bei Streaming-Filmen mittlerweile üblich ist, dass man alle fünf Minuten noch mal alles Wichtige zusammengefasst serviert bekommt, verlangt Christopher Nolan seinem Publikum sehr viel mehr ab, als man es aus dem Blockbusterkino dieser Preisklasse in den letzten Jahren gewöhnt ist. Was genau geschah bei der Belagerung Trojas und was hat eigentlich Helena (Lupita Nyong'o) damit zu tun? Was sind die Hintergründe von Agamemnon (Benny Safdie), Menelaos (Jon Bernthal) oder Calypso (Charlize Theron)? All das wird zwar lose gestreift, aber eigentlich als bekannt vorausgesetzt. Selbst Zendaya, immerhin einer der aktuell populärsten Stars des Planeten, kommt als Athene auf nicht mal zwei Minuten Screentime – da ist es schon klar von Vorteil, wenn man die Figur auch über ihren Filmauftritt hinaus in der Mythologie verorten kann.

Dazu kommt eine nicht-lineare Erzählweise, wie sie Christopher Nolan in seiner Karriere ja längst nicht nur im von hinten aufgerollten „Memento“ immer wieder verwendet hat. Aber nicht nur die zeitliche Fragmentierung ist „typisch Nolan“, auch das Motiv des schuldgeplagten Protagonisten, der sich nach Heimat und Familie sehnt, auf der Suche nach transzendentaler Erkenntnis jedoch zunächst (buchstäblich) durch das Reich der Toten schreiten muss, erinnert natürlich sofort an Leonardo DiCaprios Traum-Abstiege in „Inception“ oder Matthew McConaugheys Schwarzes-Loch-Durchquerung in „Interstellar“.

Nach „Tenet“ zum zweiten Mal für Christopher Nolan am Start: Robert Pattinson gibt einen grandios-schmierigen Möchtegern-Bräutigam. Universal Pictures
Nach „Tenet“ zum zweiten Mal für Christopher Nolan am Start: Robert Pattinson gibt einen grandios-schmierigen Möchtegern-Bräutigam.

Da wird – zumindest in den ersten zwei Stunden – wie gesagt nicht jeder voll drauf einsteigen. Und selbst ich als Fan des Films muss zugeben, dass einige Stationen der Odyssee eher nebenbei mit abgefrühstückt werden. Aber allein der schiere Aufwand verschlägt einem dabei immer wieder den Atem. Dabei wirkt die Inszenierung von „Die Odyssee“ im Vergleich zu „Oppenheimer“, wo Christopher Nolan und sein Komponist Ludwig Göransson noch in jeder Szene voll aufgedreht haben, um den auf dem Papier womöglich etwas trockenen Stoff möglichst spektakulär zu gestalten, fast schon „zurückgenommen“. Anders als etwa ein Ridley Scott in „Gladiator II“ schlägt einem Christopher Nolan seine Schauwerte nicht plump in die Fresse, stattdessen muss man schon selbst hinschauen, um zu erkennen, was da wirklich alles an Blut und Schweiß drinsteckt: So hat sich Matt Damon nicht nur ein ganzes Jahr lang einen Vollbart wachsen lassen und sich nebenbei auf 76 Kilo heruntergehungert, um den nach jahrelanger Irrfahrt ausgezehrten Odysseus verkörpern zu können, auch sonst wurde Wert auf ein fast schon unerhörtes Maß an Authentizität gelegt.

Selbst der Zyklop Polyphemus (Bill Irwin), bei dem man ohne Zögern davon ausgehen würde, dass da natürlich der Computer nachgeholfen hat, ist in bester Ray-Harryhausen-Manier in Wahrheit eine Puppe – nur war diese am Set anders als in „Sindbads 7. Reise“ von 1958 nicht länger 30 Zentimeter, sondern gewaltige 18 Meter hoch! Fast noch beeindruckender sind allerdings die Szenen auf See. Ja, die Wellen sind hier sicherlich längst nicht so hoch wie in so manchem CGI-Blockbuster, aber wenn Wasser und Wind den Männern um die Ohren pfeifen, löst das selbst beim Zuschauen aus dem warm-trockenen Kinosaal eine körperliche Reaktion aus. Das ist fast so beklemmend wie die Momente am Hofe, wo Mutter und Sohn schon seit Jahren auf jedes einzelne Wort und jede einzelne Geste achten müssen, um den lauernden Freiern keinen Angriffspunkt zu offenbaren. Und dann unternimmt „Die Odyssee“ in der Hütte von Circe (Samantha Morton) sogar einen kurzen Abstecher in das neugegründete Genre des Mukbang-Bodyhorrors.

Von Särgen und Spiegeln

Apropos Aufwand und Bildgewalt: „Die Odyssee“ ist der erste Film der Geschichte, der DURCHGÄNGIG mit 15-Perf-70-mm-IMAX-Kameras gedreht wurde. Normalerweise kommt dieses spezielle Großformat nur in Actionszenen oder bei Landschaftspanoramen zum Einsatz – und zwar aus dem ganz einfachen Grund, dass die Kameras so verdammt laut sind, dass sich die Schauspielenden beim Sprechen selbst kaum verstehen würden. Christopher Nolan und sein oscarprämierter Kameramann Hoyte van Hoytema („Dunkirk“) haben deshalb einen noch gewaltigeren Plastiksarg als Geräuschschutz für die ebenfalls schon gewaltigen Analogkameras bauen lassen. Allerdings führte das direkt zum nächsten Problem: Denn nun sahen sich die Stars bei ihren Dialogen einer Plastikwand gegenüber – und selbst wenn die meisten von ihnen es längst gewöhnt sind, bei CGI-Aufnahmen mit einem Tennisball als Gegenüber zu interagieren, widerspräche so ein Vorgehen natürlich Christopher Nolans Streben nach maximaler Authentizität. So wurde neben den Geräuschsärgen direkt noch ein komplexes Spiegelsystem entwickelt, um den Darstellenden zu ermöglichen, sich beim Spielen anzusehen, ohne sich tatsächlich gegenüberzustehen.

All das klingt erst mal nach dem (überflüssigen) Aufwand eines Perfektionisten. Aber es zahlt sich tatsächlich aus: Im späteren Verlauf gibt es eine Dialogszene zwischen Penelope und ihrem Sohn Telemachos darüber, ob jetzt nicht doch die Zeit gekommen ist, einfach einen der Freier zum Manne zu nehmen. Im simplen Schuss-Gegenschuss-Modus geschnitten, entwickeln allein die Gesichter von Tom Holland und Anne Hathaway in diesem Moment eine Bildgewalt wie in den meisten anderen Filmen selbst eine in die Luft gejagte Kleinstadt nicht. Und dann passiert auch noch, woran auch ich zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr geglaubt hätte: Nach etwa zwei Stunden legt Christopher Nolan seinen streng-unterkühlten Gestus plötzlich ab und serviert seinem Publikum ein mitreißend-kathartisches Finale, das sich gewaschen hat. Da waren selbst all jene wieder mit an Bord, die der Film zwischenzeitig ein Stück weit verloren hatte – und zwar sowas von!

Fazit: Schon im Vorverkauf hat sich gezeigt, dass sich das Publikum von „Die Odyssee“ vor allem auf die Vorstellungen im IMAX- oder 70mm-Format stürzt – und tatsächlich: Wenn es sich in diesem Jahr lohnt, für einen Film 50, 100 oder gar 150 Kilometer zu fahren, um ihn in bestmöglicher Qualität zu sehen, dann ist es auf jeden Fall Christopher Nolans Irrfahrt-Epos!

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