Down and Out in Paris
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
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Down and Out in Paris

Freiwillig ins Prekariat

Von Michael Bendix

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten 20 Jahren drastisch verändert. Im Zuge der neoliberalen, auf Deregulierung und Flexibilisierung setzenden Arbeitsmarktpolitik hat sich vor allem die sogenannte Gig Economy als neues Modell herausgebildet, bei dem klassische Arbeitsverhältnisse durch meist über digitale Plattformen vermittelte Einzelaufträge ersetzt werden – die Bandbreite reicht von handwerklichen Tätigkeiten über Fahrdienste bis hin zu Lieferungen aller Art. Wo Selbstbestimmung versprochen wird, ist das Ergebnis in der Realität meist eher Selbstausbeutung. Die Beschäftigen müssen nicht nur mit stark schwankenden Einkommen, sondern auch mit unzureichender sozialer Absicherung leben.

Der britische Sozialrealist Ken Loach hat sich mit „Sorry We Missed You“ bereits im Jahr 2019 der Problematik des Gig Work anhand der zwar fiktiven, aber wahrscheinlich Millionen Arbeitsschicksalen sehr nahekommenden Geschichte eines Paketboten in Newcastle gewidmet. In ihrem jüngsten Film widmet sich nun auch die französische Regisseurin Valérie Donzelli („Das Leben gehört uns“) diesem Thema. Während der hoch verschuldete Protagonist bei Loach als Opfer der Finanzkrise 2008 aber tatsächlich keine Wahl hatte, schlittert die Hauptfigur von „At Work“ selbstgewählt ins Prekariat – bei ihr handelt es sich nämlich um den real existierenden, früher durchaus erfolgreichen Fotografen Franck Courtès, der seinen gutbezahlten Job trotz zweier Kinder freiwillig aufgab, um sich stattdessen als so gut wie nicht bezahlter Schriftsteller durchzuschlagen.

Die Schwierigkeit, Schriftsteller zu bleiben

Diese Jahre der an Askese heranreichenden Entbehrung sollten sich auszahlen: Sein dritter veröffentlichter Roman „À pied d’œuvre“, auf dem „At Work“ basiert, wurde 2024 mit dem prestigeträchtigen Literaturpreis „Prix du roman d’entreprise et du travail“ ausgezeichnet. Aber wir erleben Paul, gespielt von Bastian Bouillon („Der Graf von Monte Christo“) im Film erst einmal an seiner tiefsten Stelle: Als Fotograf hat er in manchen Monaten bis zu 8.000 Euro verdient. Doch dann entdeckte er seine schriftstellerischen Ambitionen und beschloss darüber, seinen Brotjob an den Nagel zu hängen.

Nach mittlerweile zwei Büchern, die zwar wohlwollend besprochen wurden, sich aber schlecht verkauft haben, hängt inzwischen aber auch seine Zukunft als Autor am seidenen Faden. Seiner Lektorin gefällt sein gerade fertiggestellter dritter Roman nicht, er sei zu autobiografisch und in einer angesichts des Dauerfeuers schlechter Nachrichten ohnehin in Resignation gefangenen Gegenwart außerdem viel zu negativ. „Schriftsteller werden ist das eine“, sagt Paul einmal aus dem Off, „doch Schriftsteller bleiben eine ganz andere Sache.“

Paul (Bastian Bouillon) schlägt sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs durch, um sein viertes Buch schreiben zu können. Christine Tamalet
Paul (Bastian Bouillon) schlägt sich mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs durch, um sein viertes Buch schreiben zu können.

Seine Exfrau ist mit Sohn und Tochter gerade nach Kanada gezogen. Paul ist pleite und hat seinen Vorschuss bereits ausgegeben, Flüge zu seinen Kindern sind für ihn unerschwinglich. Ein weiteres Buch muss her, doch wovon leben in der Zwischenzeit? Um zumindest irgendeine Art von Einkommen, zugleich aber weiterhin Zeit zum Schreiben zu haben, meldet sich der struggelnde Literat auf einer Jobplattform an, die auf einem reichlich perfiden Prinzip beruht: Die Arbeitssuchenden können sich auf von Privatpersonen ausgeschriebene Aufträge bewerben, wobei derjenige den Zuschlag bekommt, der das wenigste Geld für die Arbeit verlangt.

Für einen Hungerlohn bringt Paul nun also Spiegel an der Wand an, kürzt mit einer Heckenschere den Rasen, reinigt Bidets oder baut Möbel auf – fast immer unter der Beobachtung seiner trotz des minimalen finanziellen Aufwands teils unverhältnismäßig kritischen Kund*innen...

Ein Job nach dem anderen

Viel mehr passiert erst einmal nicht in „At Work“: Paul nimmt Jobs an, Paul muss sich vor Familie und Freunden für seinen Lebensstil rechtfertigen, Paul schreibt ein paar Seiten – wobei bis zum Ende nicht ganz klar wird, ob er das Schreiben wirklich liebt oder sich nicht vielmehr vor allem gern als Schriftsteller sieht, weil er sich davon Anerkennung erhofft. Schon früh äußert er sich verachtend über seinen Vater, der nie etwas anderes gekannt habe als traditionelle Büroarbeit – ein „Schriftsteller-Vater“ wäre ihm lieber gewesen. Dass seine Kinder nicht bewundernd zu ihm aufblicken, nagt wiederum offensichtlich an ihm.

Überall ist Paul umgeben von Leben, die er gern hätte, aber nicht haben kann, und solchen, die er haben könnte, aber nicht will – ein ständiger innerer Transitzustand. Auch wenn man mit ihm fühlt, wenn er etwa nach getaner Niedriglohn-Pflanzarbeit auf dem Balkon eines geräumigen Pariser Altbau-Appartements entdecken muss, dass es noch einen zweiten Balkon gibt, ist er keine bedingungslos sympathische Figur. Eine interessante allerdings leider auch nicht, denn Donzelli ist kaum interessiert daran, eventuelle Ambiguitäten auszuformen.

Didaktisch und ungelenk

Nahezu jede Szene und Situation in „At Work“ hat eine exemplifizierende Funktion. Kaum ein Dialog dreht sich nicht in irgendeiner Form um Pauls berufliche Entscheidung und ihre Folge, und wer am Ende noch immer nicht verstanden hat, wie Gig Economy funktioniert, bekommt es via Voiceover nochmal in aller Ausführlichkeit erklärt. Doch Donzellis Ansatz ist nicht nur didaktisch, sondern in letzter Konsequenz auch verklärend, wenn sie Paul zum großen Sieger eines pervertierten, Armut fördernden Systems macht.

Die visuelle Schlichtheit ihres alltagsrealistischen Szenarios bricht die Filmemacherin immer wieder mit kurzen, körnigen, blitzartig die Handlung unterbrechenden Handkamerabildern auf, was aber eher planlos wirkt. Wenn Paul am Ende endlich das langersehnte Lob von seinem entfremdeten Sohn bekommt und die Kamera bedächtig auf sein tränennasses Gesicht schneidet, wird offenbar, dass es Donzelli schlussendlich weniger um soziale Wirklichkeiten als um Genugtuung für ihren Protagonisten geht. Warum man sich dafür interessieren sollte und wieso sich „At Work“ dann über weite Strecken so pädagogisch anfühlen muss, bleibt hingegen unklar.

Fazit: Regisseurin Valérie Donzelli will etwas über eine pervertierte Arbeitswelt und den unbedingten Drang zum Kunstschaffen erzählen, doch „At Work“ ist vor allem didaktisches, weitgehend eintöniges Problemkino.

Wir haben „At Work“ beim Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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