Kokuho - Meister des Kabuki
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Kokuho - Meister des Kabuki

Der erfolgreichste japanische Realfilm aller Zeiten!

Von Janick Nolting

Das Schöne und das Schreckliche verschmelzen bereits in Kikuos Kindheitstrauma zu einer Einheit. Regisseur Sang-il Lee („The Unforgiven“) inszeniert eine der dunkelsten Stunden im Leben des Heranwachsenden in irritierend hübschen Bildern. Draußen schimmert die Nacht in bläulichen Farben. Der Schnee rieselt vom Himmel und wird irgendwann durch eine Zeitlupe noch weiter verlangsamt. Drinnen tobt derweil die Gewalt. Ein Überfall. Dann geht es vor das Haus. Ein Sterbender liegt in der Ecke des Bildes, während sich sein rotes Blut im Pulverschnee wie auf einer weißen Leinwand ausbreitet.

Kokuho – Meister des Kabuki“ beginnt als brutale Tragödie. Kikuos Vater, ein Yakuza-Boss, wird 1964 in Nagasaki vor den Augen des Jungen ermordet. Fortan ist der Teenager auf sich allein gestellt. Aufgrund seiner Begabung für die darstellenden Künste zieht es ihn nach Osaka. Dort angekommen, nimmt ihn der angesehene Darsteller Hanjiro Hanai (Ken Watanabe) unter seine Fittiche, um ihn in der Kunst des Kabuki-Theaters auszubilden. Mit fortschreitendem Alter wächst Kikuo (Ryō Yoshizawa) zu einem aufstrebenden Star heran, doch die Konflikte lassen nicht lange auf sich warten. Inmitten seines Lebenstraums gerät er mit seinem Freund und Rivalen Shunsuke (Ryūsei Yokohama), dem Sohn seines Lehrmeisters, aneinander …

Im Kabuki zählt bei jeder noch so vermeintlich kleinen Bewegung absolute Kontrolle und Präzision. 24 Bilder
Im Kabuki zählt bei jeder noch so vermeintlich kleinen Bewegung absolute Kontrolle und Präzision.

Sang-il Lee und die Drehbuchautorin Satoko Okudera erzählen diese Geschichte in einem epischen Rahmen, unterteilt in mehrere Kapitel. Die Handlung erstreckt sich gleich über ein halbes Jahrhundert. „Kokuho – Meister des Kabuki“ entfaltet sich als filmischer Bildungsroman über die Lehrjahre, den Aufstieg und die Konkurrenz der beiden jungen Protagonisten Kikuo und Shunsuke. Fast drei Stunden dauert diese Adaption des Romans „Kokuho“ von Shuichi Yoshida. Eine erste Fassung soll sogar die Vier-Stunden-Marke geknackt haben. Und man kann direkt ketzerisch mutmaßen: Vielleicht wäre eine noch längere Laufzeit tatsächlich die bessere Entscheidung gewesen!

So ambitioniert und überbordend das Theater-Epos erdacht ist, so kleinteilig zerfällt es dann doch hin und wieder in seine einzelnen Episoden und Schlaglichter aus den unterschiedlichen Jahrzehnten. Es ist eine sehr bruchstückhafte, bisweilen allzu funktional wirkende Form, die „Kokuho“ dadurch annimmt. Sie erlaubt immer nur kurz und vielleicht etwas zu wenig Zeit, in den Lebensumständen und im Alltag der Figuren zu schwelgen. Bei einer derart umfangreichen Künstler- und Milieustudie und einem solchen historischen Panorama wäre genau das aber eigentlich angebracht.

Sind selbst drei Stunden noch zu kurz?

Das soll dennoch nicht den Eindruck schmälern, dass man hier ein ästhetisch herausragendes, mitreißendes Werk erleben kann, das in Japan mit mehr als 13 Millionen Besucher*innen zu einem riesigen Kassenschlager avancierte und 2026 sogar eine Oscar-Nominierung für sein Make-up und die Frisuren erhielt. Tatsächlich setzen einige der faszinierendsten Momente das Schminken und Kostümieren selbst in Szene.

Damit beginnt „Kokuho“ sogar: mit einer taktilen Nahaufnahme eines entblößten Nackens. Ein Pinsel nähert sich und trägt kühle, weiße Farbe auf. Ein Zucken geht durch den Darsteller. Die Biografie und Kunst vor und hinter den Kulissen werden hier immer auch als Akt verstanden, der sich in das Körpergedächtnis einschreibt.

Hanjiro Hanai (Ken Watanabe) unterweist seine beiden Schüler in der hohen Kunst des Kabuki-Theaters. 24 Bilder
Hanjiro Hanai (Ken Watanabe) unterweist seine beiden Schüler in der hohen Kunst des Kabuki-Theaters.

Es ist ein komplexer Stoff, den „Kokuho“ bei alldem ausbreitet. Familiendramen werden miteinander verflochten, Eifersüchteleien, Machtkämpfe, die historischen Umwälzungen in Japan in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Kernkonflikt mutet dabei etwas konventionell und klischeehaft an. Er bezieht sich auf nichts weniger als den Preis von Ruhm und Ehre. „Kokuho“ fragt und lässt seine Figuren zweifeln, wie sich ihre Kunst, Träume und Karrieren auf das Umfeld, das eigene Sein und letztlich das familiäre Gefüge auswirken. Im selben Moment gelingen dem Film damit aber auch beeindruckende Spiegelungen, die zum Glück an den entscheidenden Stellen auf äußere Einordnungen oder Kommentare verzichten. Stattdessen lassen sie das Publikum einfach zusehen, empfinden, deuten.

Das betrifft hauptsächlich die Theateraufführungen, und die sind spektakulär auf Film gebannt. „Kokuho“ macht die Kunstform des Kabuki-Theaters, das ursprünglich im 17. Jahrhundert entstand, in seinen Einzelheiten und Ritualen lesbar. Gerade für westliche Sehgewohnheiten und ein klassisch dramatisches Theaterverständnis ist da natürlich eine interessante Fremdheitserfahrung vorprogrammiert! Man bekommt hier viel Zeit, das gestische Inventar, den Umgang mit Lauten, die kontrollierten Bewegungen, die expressiven Maskeraden und Kostüme sowie die ganze ausgestellte Künstlichkeit zu bestaunen.

"Kokuho" lässt das Theater für sich sprechen

Dazu gehört auch das Spiel mit Geschlechterrollen – und schon ist man wieder bei der Einschreibung in die Körper angelangt. „Kokuho“ beleuchtet vor allem das Spiel und künstlerische Handwerk der sogenannten Onnagata. Also der Männer, die in weibliche Rollen schlüpfen. Immer wieder zeigt er, wie die Figuren dafür proben, sich verstellen, Haltungen einnehmen, eine andere Stimme nutzen. Wenn die Männer dann die Bühne betreten, findet „Kokuho“ imposante Einstellungen. Der Kameramann Sofian El Fani fängt die Aufführungen in zahlreichen Totalen und weiten, ruhig geführten Aufnahmen ein. Die räumlichen Dimensionen und die Breite der geschaffenen Tableaux auf der Bühne werden so visuell spürbar.

Natürlich nutzt er ebenso die Intimität der Close-ups und damit eine Nähe, die dem filmischen Medium vorbehalten ist. Die einzelnen Kabuki-Szenarien werden wiederholt über knappe Texttafeln verständlich gemacht. Aber wie subtil das Bühnengeschehen dann immer wieder die Handlung des Films in sich aufsaugt und nach außen projiziert, das verlangt nicht nur konzentrierte Beobachtungsgabe, sondern ist zum Teil höchst raffiniert und anregend in Szene gesetzt. „Kokuho“, was übersetzt so viel heißt wie „Nationalschatz“, verlässt sich am Ende ganz darauf, seine Charakterdramen in der porträtierten Kunstform aufgehen und diese für sich sprechen zu lassen. Damit bleibt final eine Erinnerung an die Wucht des physischen Spiels übrig.

Fazit: „Kokuho – Meister des Kabuki“ rast manchmal etwas oberflächlich durch seine episch aufgespannte Geschichte eines Jungen auf dem Weg zum Theater-Star. Als Historien- und Künstlerdrama über getriebenen Ehrgeiz und den Preis des Ruhms gelingen ihm dennoch viele bildgewaltige Szenen, die einen Eindruck von der Faszinationskraft des traditionsreichen Kabuki-Theaters vermitteln.

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