Alzheimer mal ganz anders
Von Christoph PetersenDie Grundidee ist schon mal genial: Es klingelt an der Tür. Die Kunstlehrerin Hanne (Dagmar Manzel, „Schtonk“) öffnet. Draußen steht Kurt (Harald Krassnitzer, „Tatort“) und erklärt, er habe seine Schlüssel vergessen. Nachdem er an ihr vorbei hineingehuscht ist, bleibt Hanne wie angewurzelt stehen und schaut drein, als hätte sie gerade einen Geist gesehen. Tatsächlich waren die beiden mal verheiratet, allerdings ist das schon Jahrzehnte her. Hanne lebt inzwischen mit dem pensionierten Pfarrer Bernd (August Zirner, „Ein ganzes Leben“) zusammen. Kurt hingegen leidet an Alzheimer, weshalb er sich an die Scheidung nicht mehr erinnern kann und fest davon ausgeht, dass die Ehe fortbesteht.
Doch nur weil die Prämisse des Regiedebüts von Welf Reinhart auf Anhieb so neugierig stimmt, heißt das ja noch lange nicht, dass am Ende nicht doch wieder der immergleiche Betroffenheitsbrei dabei herauskommt. Aber Pustekuchen! „Der verlorene Mann“ ist zum Glück kein Arthouse-Kitsch von der Stange, sondern begeistert mit einer unerwarteten Ménage-à-trois (auch wenn es nie zum Äußersten kommt). Bei dieser beglückenden WG-Utopie wünscht man sich wirklich ganz fest, dass es für alle gut ausgeht, selbst wenn jeder insgeheim weiß, dass das bei einer solch tückischen Demenzerkrankung kaum längerfristig so weiterlaufen kann.
Filmwelt
Hanne wird den Überraschungsgast jedenfalls nicht mehr so leicht los. Seine erwachsene Tochter Samira (Lene Dax) ist aktuell im Ausland und ohnehin völlig überfordert. Die Tagesklinik, aus der Kurt (mal wieder) entwischt ist, will ihn auch nicht zurücknehmen; ein Ausweichheim öffnet erst am nächsten Tag – und hat dann auf einmal doch keinen Platz mehr frei. Kurt bleibt also erst mal – und das speziell auch auf das selbstlose Betreiben von Bernd hin: So einen Pfarrer wünscht man sich! Sogar einer dauerhafteren WG-Gemeinschaft stimmt er zu, solange er das Recht behält, ein Veto einzulegen, wenn es nicht mehr funktioniert. Reibungsfrei geht es schließlich nicht ab, wenn sich Kurt in der Nacht immer wieder ins Bett schleicht und sich an „seine“ Frau kuschelt.
Schon vorab hatte ich eine Nutzerkritik gelesen, in der das Trio aus „Der verlorene Mann“ mit dem Liebesdreieck aus Luca Guadagninos „Challengers – Rivalen“ verglichen wird. Das ist offensichtlich eine augenzwinkernde Übertreibung – denn derart orgiastisch wie zwischen Zendaya, Mike Faist und Josh O’Connor auf dem Tennisplatz geht es in der spontanen Senioren-WG natürlich nicht zu. Aber selbst wenn in „Der verlorene Mann“ nie mehr als gekuschelt wird, steckt trotzdem ein Fünkchen Wahrheit in dem unerwarteten Vergleich: Schon früh sehen wir, dass es beim geistlichen Bernd im Bett offenbar nicht mehr so läuft – und mit Kurt kommt nun jemand ins Haus, der anpackt, in die Natur geht, Dinge mit den Händen erledigt. Der eine ist Klavierspieler, der andere Klavierbauer – und Hanne findet das wohl eigentlich beides ziemlich gut.
Filmwelt
Im Bus sitzt Hanne auf dem Schoß von Bernd und hält die Hand von Kurt. Da liegt zumindest ein Hauch von Utopie in der Luft! Fast möchte man in Richtung Leinwand rufen: „Dann knutscht halt endlich!“ Aber auch so zelebriert „Der verlorene Mann“ das Rebellieren eben im Kleinen: Gleich zu Beginn wird Hanne von einer Kollegin aus dem Unterricht geholt – im deutschen Film eigentlich ein todsicheres Zeichen dafür, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Aber hier verstecken sich die Kolleginnen einfach nur zum Rauchen im Werkraum – und einen dummen Spruch von den gar nicht dummen Schüler*innen gibt’s nach der Rückkehr auch noch dazu.
Sowieso punktet „Der verlorene Mann“ mit einem – gerade angesichts der „schweren“ Thematik – wunderbar leichten, angenehm trockenen Humor: Als Hanne von der Alzheimererkrankung spricht, drückt der missverstehende Kurt seinem Nebenbuhler Bernd ganz selbstverständlich sein Mitleid aus. Und wenn’s dann doch mal ernst werden soll, funktioniert auch das: Im wohl eindringlichsten Moment des Films stößt Hanne ihren mal wieder übergriffigen Ex von sich, bis ihr dieser – ebenfalls zunehmend frustriert und verzweifelt – schließlich seine Hand reicht: „Wo kann ich dich berühren? Zeig’s mir!“ Solche Momente sind in „Der verlorene Mann“ so grandios gespielt wie geschrieben.
Fazit: Ein Demenz-Film ganz weit weg vom üblichen Betroffenheits-Kitsch. Statt des üblichen Alzheimer-Allerleis gibt es feinen Humor, ganz viel Empathie und sogar ein erstaunliches Maß an Horniness. Da drückt man fest beide Daumen – selbst wenn man längst ahnt, dass diese von einer tiefen Mitmenschlichkeit geprägte Utopie kaum von Dauer sein kann.