Leben und Lernen in Zeiten des Krieges
Von Michael MeynsSeit 2022 befindet sich die Ukraine im Krieg, so heißt es in Deutschland meist. Für viele Ukrainer*innen, gerade jene, die in den Grenzregionen zu Russland leben, dauert der Krieg allerdings schon seit 2014 an, als Russland die Krim und Regionen im Ostern der Ukraine überfiel. „Ihr habt praktisch eure ganze Schulzeit im Krieg verbracht“, sagt dann auch ein Soldat, der bei der Abschlussfeier einer Schulklasse spricht, die am Ende von Kateryna Gornostais eindrucksvollem, im Wettbewerb der Berlinale uraufgeführten Dokumentarfilm „Timestamp“ ihre Abiturzeugnisse überreicht bekommen. Ein Jahr lang beobachtete die Regisseurin den Versuch, das Schulsystem trotz ständigem Fliegeralarm und halb zerbombten Schulgebäuden am Laufen zu halten, so etwas wie Normalität herzustellen. Sie filmte Grundschüler*innen und Abiturklassen – und formte das Material zu einem beeindruckenden Dokument der Resilienz der ukrainischen Zivilbevölkerung.
Zwischen März 2023 und Juni 2024 drehte Kateryna Gornostais in unterschiedlichen Regionen der Ukraine, vor allem jenen, die in relativer Nähe der Frontlinie liegen. In Bucha, einer Stadt in der Nähe der Hauptstadt Kyjiw, läuft das Leben an einem Sommertag beschaulich ab: Eltern verabschieden ihre Kinder an der Schule, die Sonne scheint, der Krieg scheint weit weg. Doch je näher man der Front kommt, desto spür- und vor allem sichtbarer wird er. In Saritschne, nur 18 Kilometer von der Frontlinie entfernt, ist die Schule zerstört, eine Tafel hängt noch an der Wand, das Unterrichtsmaterial liegt verstreut und zerstört am Boden. Wie soll unter diesen Bedingungen ein auch nur ansatzweise normaler Schulunterricht stattfinden?
Oleksandr Roshchyn
Per Zoom zum Beispiel, wie er in einer anderen zerstörten Stadt stattfindet: Die Lehrerin steht vor einer Tafel, auf der mathematische Formeln zu sehen sind, der Computer ist vor ihr aufgebaut, die Schüler finden sich online zum Unterricht ein. Dass die Tafel in Wahrheit in keinem Klassenraum, sondern im Freien an einer frei stehenden Mauer hängt, weil der Rest der Schule zerbombt wurde, sieht nur das Kinopublikum. Bisweilen fast schon surreale Bilder hat Gornostai bei den Dreharbeiten gefunden, die sie einfach für sich stehen lässt. Bis auf gelegentlich allzu markante Musik verzichtet sie auf stilistische Zuspitzung, die auch gar nicht nötig erscheint, um das Absurde der Situation zu betonen.
Gerade in den Grundschulklassen wird zwar größtenteils nichts anderes unterrichtet als in Friedenszeiten, doch bei den älteren Schüler*innen ist der Krieg auch Unterrichtsstoff: In einer Werkklasse werden Metallstäbe geformt, die zur Verstärkung von Bunkern dienen, in einer Technikklasse an Drohnen gearbeitet und das Fernsteuern jener Technik geübt, die von der Ukraine zum Widerstand gegen die russischen Truppen genutzt wird. In den unteren Klassen wird den Kindern wiederum spielend beigebracht, bloß kein herrenlos herumliegendes Spielzeug aufzunehmen, denn in einem Ball oder einem Teddy könnte sich Sprengstoff befinden.
So wird der Krieg trotz aller Versuche, eine gewisse Normalität zu suggerieren, doch zum Teil der Realität. Was er natürlich ohnehin ist, wie die regelmäßigen dröhnenden Sirenen andeuten, die vor Luftangriffen warnen. Erstaunlich ruhig reagieren Schüler*innen und Lehrer*innen, wenn der Unterricht einmal mehr unterbrochen wird und die Klassen in den Luftschutzbunker gehen. Beeindruckend wirkt die Ruhe, ja Gelassenheit der Schüler*innen, zeigt aber andererseits auch, wie erschreckend normal und routiniert das Leben im Krieg in den östlichen Regionen der Ukraine inzwischen geworden ist.
Wie die Schüler*innen, gerade die älteren, die bald die Schule beenden, wirklich zum Krieg stehen, würde man gerne erfahren. Angesichts des Kriegsrechts, das in der Ukraine herrscht und der damit verbundenen Einschränkung der Meinungsvielfalt, finden sich in „Timestamp“ zwangsläufig keine kritischen Stimmen, so es sie denn gibt. Wenn eine Abiturklasse da gefragt wird, welche Rollen im Militär sie übernehmen wollen, antworten gerade die Jungs mit geradezu spielerischer Begeisterung, welchem Bataillon sie dienen und ob sie lieber Panzer fahren oder einen Düsenjet fliegen wollen.
Oleksandr Roshchyn
Nur selten scheint eine gewisse Skepsis durch, wenn ein Mädchen etwa eine Soldatin fragt, wie diese denn mit den Erlebnissen an der Front umgeht, mit der ständigen Präsenz des Todes. Ein paar Tage später wird auch dieses Mädchen in Sonntagskleidung und geschminkt ihr Abiturzeugnis entgegennehmen, mit ihren Freund*innen feiern und die Realität des Krieges vielleicht für ein paar Momente vergessen. Es sind nicht zuletzt solche ganz normal wirkenden Momente, die Kateryna Gornostais Film zu einem berührenden Dokument über den Alltag in der Ukraine machen, der trotz allem von der Hoffnung geprägt ist, dass der Krieg irgendwann einmal vorbei sein und wieder ein wirklich normales Leben möglich sein wird.
Fazit: Auf den ersten Blick scheint es Wichtigeres zu geben, als während eines Krieges Schulen weiterzubetreiben. Doch wie Kateryna Gornostai in ihrem eindrucksvollen Dokumentarfilm „Tiemstamp“ zeigt, sind es gerade die Schüler*innen, die trotz des Krieges zur Schule gehen und Abitur machen, die die Hoffnung repräsentieren und als Verbindung in die Zukunft der Ukraine fungieren – hinein in eine Zeit, in der der Krieg hoffentlich vorbei sein wird.
Wir haben „Timestamp“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.