All of a Sudden
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
All of a Sudden

Manchmal muss man sich die Zeit einfach nehmen

Von Christoph Petersen

Nach mehr als drei Stunden im Kino gab es unter den Besucher*innen der Weltpremiere beim Festival von Cannes vor allem zwei Themen: wie unglaublich glücklich einen der Film macht – und natürlich das Whiteboard! Etwa zur Hälfte von „All Of A Sudden“ hält eine der beiden Protagonistinnen einen nächtlichen Impulsvortrag darüber, warum der Kapitalismus gar nicht anders kann, als sich am Ende selbst zu verschlingen. So richtig mit Whiteboard-Markern, Konzept-Diagrammen und allem, was dazugehört. Klingt schrecklich (oder noch schlimmer: nach Arbeit), ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil:

Wie schon bei seiner dreistündigen Murakami-Verfilmung „Drive My Car“ (5 Sterne von FILMSTARTS), die erst zum Arthouse-Liebling mit sensationellem Box-Office-Ergebnis avancierte und dann mit dem Oscar für den Besten internationalen Film ausgezeichnet wurde, gelingt es Ryūsuke Hamaguchi („Das Glücksrad“) auch diesmal, das Publikum mit purer Menschlichkeit in seinen Bann zu ziehen. Dabei hat er sich für sein neuestes Werk keine Kurzgeschichte und auch keinen Roman zur Vorlage genommen, sondern sich lose von einem ganz besonderen Sachbuch inspirieren lassen.

Da das Wahrnehmungsfeld dementer Menschen stark eingeschränkt ist, hat es sich Marie-Lou (Virginie Efira) angewöhnt, allen Menschen ganz nah und auf Augenhöhe zu begegnen. NEON
Da das Wahrnehmungsfeld dementer Menschen stark eingeschränkt ist, hat es sich Marie-Lou (Virginie Efira) angewöhnt, allen Menschen ganz nah und auf Augenhöhe zu begegnen.

2019 in Japan veröffentlicht und bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt, umfasst „Kyū Ni Guai Ga Waruku Naru" (übersetzt: „Plötzlich wird die Krankheit schlimmer“) 20 Briefe, die sich die unheilbar an Krebs erkrankte Philosophin Makiko Miyano und die medizinische Anthropologin Maho Isono geschickt haben. Es ist ein tiefgreifender philosophischer und persönlicher Austausch über die Sterblichkeit und den Sinn des Lebens, den Hamaguchi mit seiner Co-Autorin Léa Le Dimna in eine Spielfilmhandlung übersetzt hat: Marie-Lou (Virginie Efira) leitet ein Pflegeheim in Paris und kämpft voller Inbrunst darum, ihr Team von ihrer Vision zu überzeugen.

Mit der Humanitude-Methode will sie die Autonomie und Würde der kognitiv stark eingeschränkten Patient*innen radikal in den Mittelpunkt stellen, was allerdings auch mehr Zeit, Offenheit und Risiken bedeutet. Eines Tages lernt sie den Theaterstar Gorō (Kyōzō Nagatsuka) und dessen Regisseurin Mari (Tao Okamoto) kennen. Die beiden sind mit einem Stück auf Tournee, in dem es um die Abschaffung psychiatrischer Kliniken geht. Viele der darin verhandelten Ideen sprechen Marie-Lou auf einer so persönlichen Ebene an, dass sie und Mari bei einem Spaziergang weiter darüber diskutieren. Dabei erfährt Marie-Lou auch, dass ihre neue Freundin unheilbar an Krebs erkrankt ist …

Mehr Menschlichkeit wagen!

„All Of A Sudden“ nimmt sich zunächst viel Zeit, uns Einblicke in das private Pflegeheim „Le Jardin Des Cyprès“ (auf Deutsch: „Der Zypressengarten“) zu geben. Marie-Lou ist zu 100 Prozent von ihrer Methode überzeugt, stößt aber auch auf Widerstände, vor allem bei den erfahrenen Schwestern, die schon länger dabei sind. Alle vier Monate gibt es eine Humanitude-Schulung für zehn Angestellte: immer mit den Patient*innen Blickkontakt aufnehmen, ihnen zureden, sie berühren – und sie möglichst oft in eine aufrechte Position bringen, was zugleich aber auch das Risiko eines Sturzes erhöht. Manche sehen das als unpraktisch und alltagsfern: Wer aus der Schulung kommt, schafft danach in der Frühschicht sein Pensum nicht mehr – und der Nachmittagsdienst muss dann drunter leiden. Humanitude (eine Wortschöpfung aus den Begriffen „Menschlichkeit“ und „Haltung“) sei einfach zu langsam, heißt es dann.

Hamaguchi tut gut daran, die Widerständler*innen nicht als Bösewichte abzustempeln, sondern ihre Einwände ernst zu nehmen. Trotzdem ist Virginie Efira („Parallel Tales“) als Marie-Lou eine absolute Naturgewalt, bei der man sofort versteht, warum nicht nur ihr Stellvertreter Vincent (Jean-Charles Clichet) ihr für ihre Vision wohl überall hin folgen würde. Aber so richtig findet „All Of A Sudden“ zu sich, wenn sie nach dem Stück mit Mari vom Théâtre 13 zur Seine schlendert. Wie gesagt basiert der Film auf einem Briefwechsel – und in den Dialogen hat man mitunter das Gefühl, die Figuren würden sich jetzt gerade tatsächlich den kompletten Inhalt der Schriftstücke erzählen. Und das ist nicht nur deshalb unglaublich eindrucksvoll, weil man kaum glauben kann, dass Virginie Efira erst für diesen Film Japanisch gelernt hat.

Nicht nur Marie-Lou und Mari (Tao Okamoto) werden diese Nacht vermutlich nie mehr vergessen, auch beim Kinopublikum wird sie sicher noch lange nachwirken. NEON
Nicht nur Marie-Lou und Mari (Tao Okamoto) werden diese Nacht vermutlich nie mehr vergessen, auch beim Kinopublikum wird sie sicher noch lange nachwirken.

Die Diskussionen zwischen der westlichen Anthropologin (die in Japan studiert hat) und der östlichen Philosophin (die in Frankreich studiert hat) stecken voller Weisheit, Empathie und Offenheit – und man versteht (wie die beiden wohl auch selbst) sofort, dass hier zwei verwandte Seelen zueinandergefunden haben. Man wünscht sich fast, das würde nie mehr aufhören – und zum Glück schließt sich Mari an, als Marie-Lou die Nachtschicht für einen verhinderten Kollegen übernehmen muss. Die Gespräche dieses Abends nehmen fast die Hälfte der kompletten Laufzeit von „All Of A Sudden“ ein – und trotzdem ist es keine Sekunde langweilig, sondern jederzeit tief berührend. Da kann einen nicht einmal das Whiteboard schocken.

Nach dieser Nacht scheint sowas wie Menschlichkeit endlich wieder greifbar. Nicht nur für die beiden Frauen oder das Personal im Pflegeheim, sondern direkt für das Publikum im Kinosaal. Wer in diesem Moment auf die Uhr schaut, schiebt ganz sicher keine Panik, dass immer noch 90 Minuten übrig sind, sondern erfreut sich des warmen Gefühls, des Krebses und des Sterbens zum Trotz noch weiter Zeit mit diesen Menschen verbringen zu dürfen. „All Of A Sudden“ ist einer der ganz seltenen Filme, bei denen man sich des Gefühls nicht erwehren kann, dass sie unsere Welt ganz konkret zu einem besseren Ort machen.

Fazit: Im kapitalistischen Alltag bleibt für Menschlichkeit kaum Zeit. Warum das der Fall ist, wird uns sogar in einem Impulsvortrag am Whiteboard erklärt. Ein besonderes Glück also, dass sich Ryūsuke Hamaguchi diese Zeit nach „Drive My Car“ auch in „All Of A Sudden“ einfach trotzdem nimmt. Nach 3 Stunden und 15 Minuten kommt man jedenfalls nicht etwa abgeschlafft, sondern ganz leichtfüßig und voller Hoffnung aus dem Kino.

Wir haben „All Of A Sudden“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.

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