Nachtflug nach L.A.
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Nachtflug nach L.A.

Ein einstündiges Über-den-Wolken-Märchen voller Herz

Von Björn Becher

Wenn man irgendwas von John Travolta über seine Schauspielkarriere hinaus weiß, dann ist es wohl seine Leidenschaft für das Fliegen. Er besitzt Pilotenscheine und kann sogar Passagiermaschinen wie eine Boeing 707 navigieren. Er hat persönlich mehrere Flugzeuge und sogar ein Domizil auf einem Privatflugplatz mit direktem Taxiway zum Haus. Er wurde auch als besonderer Botschafter der Luftfahrtkultur ausgezeichnet. Das Fliegen faszinierte den „Pulp Fiction“-Star seit seiner Kindheit, als er in New Jersey in der Nähe des Flughafens aufwuchs.

Wenn die „Grease“-Legende mit 72 Jahren jetzt seine erste Regie-Arbeit veröffentlicht, kann diese natürlich nur ein Thema haben: „Nachtflug nach L.A.“ ist die immense Liebe und Begeisterung für das Fliegen jede Sekunde anzumerken – und genau das zeichnet den gerade einmal einstündigen Film aus. Basierend auf eigenen Jugenderinnerungen, die er bereits 1997 als Kinderbuch „Propeller One-Way Night Coach“ veröffentlichte, hat der Superstar nicht nur ein sehr persönliches, sondern auch trotz aller Schwächen ans Herz gehendes Debüt veröffentlicht.

Jeff wird sich seinen Traum vom Fliegen erfüllen! AppleTV
Jeff wird sich seinen Traum vom Fliegen erfüllen!

Am 28. Dezember 1962 beginnt für den acht Jahre alten Jeff (Clark Shotwell) das Abenteuer seines Lebens. Mit seiner Mutter Helen (Kelly Eviston-Quinnett) zieht er von New York nach Los Angeles, weil sie dort trotz ihrer 49 Jahre noch auf eine späte Schauspielkarriere hofft. Und für die Reise darf der Junge, der die Abflugpläne des nächsten Flughafens studiert hat, das erste Mal in seinem Leben an Bord eines Flugzeugs gehen.

Und es könnte nicht besser laufen. Weil aus Kostengründen kein Direktflug mit einem der modernen Jets in Frage kommt, nimmt man die Reise mit einer alten TWA-Propellermaschine in Angriff, die von der Ostküste bis zur Westküste ein halbes Dutzend Stopps einlegt. Nicht nur auf diesen erlebt Jeff bei seinem magischen Abenteuer eine Menge, sondern vor allem in der Maschine selbst. Dort werden ihn nicht nur Stewardessen (Olga Hoffmann und Ella Bleu Travolta) verzaubern, sondern auch das Essen für eindringliche Erinnerungen sorgen wird.

So sieht ein Achtjähriger die Welt

Man kann einige Aspekte von „Nachtflug nach L.A.“ zerpflücken. Dass John Travolta die Gelegenheit bekommen hat, im mittlerweile als Hotel dienenden TWA Flight Center zu drehen, dann aber die Besonderheiten eines der architektonisch eindrucksvollsten Orte der Welt nicht nutzt, wirkt wie ein Versäumnis. Und wenn der Schauspieler durchweg selbst als Off-Sprecher der Adaption des eigenen Kinderbuches zu hören ist, meint man bisweilen ein bebildertes Audiobook vor sich zu haben und fragt sich mehrfach auch, warum wir erzählt bekommen, was wir gleichzeitig auch selbst sehen. Doch all das passt zu diesem Projekt, das kein klassischer narrativer Spielfilm, sondern mehr eine Erinnerung durch Kindheitsaugen ist.

Da ist es nur logisch, dass der eindrucksvolle Airport nur mit ein paar Aufnahmen bedacht wird. Denn auch wenn Aspekte davon, wie die Lautsprecheransagen, Jeff begeistern, ist dieser Ort doch nur eine nötige Durchlaufstation, um sein geliebtes Flugzeug zu besteigen. Dass der kleine Junge und seine Mutter dabei ganz alleine in der großen Abflughalle unterwegs sind, liegt auch – im Gegensatz zu einigen wirklich schlechten CGI-Bildern - nicht etwa daran, dass Travolta, der das Projekt aus eigener Tasche finanziert hat, Geld sparte. Für ihn, der sich mit der Geschichte an seinen ersten eigenen Flug erinnert, gab es damals einfach keine anderen Menschen.

Jeff trifft einen Piloten – und den kennen wir doch... AppleTV
Jeff trifft einen Piloten – und den kennen wir doch...

Travolta schrieb die Geschichte ursprünglich für seine eigenen Kinder – und so versteht er jetzt auch seine Erzählerrolle. Auch wenn das Geschehen nur teilweise autobiografisch ist, ist es eine Reminiszenz an ein schönes Erlebnis aus der Kindheit. Und das verklärt man mit mehreren Jahrzehnten Abstand natürlich auch ein wenig. Der „Face/Off“-Kultschauspieler lässt das explizit einfließen, indem sein Film nach und nach immer stärker zum Märchen wird. Er lässt sogar einen Riesen auftreten – auch wenn Jeff für den keine Augen hat. Die Stewardessen wirken derweil wie Feen, die Mutter und Sohn ganz besondere Wünsche erfüllen.

Über allem liegt der wohlige Mantel der Nostalgie und die richtige Prise Humor. Augenzwinkernd blickt Travolta zurück auf eine Zeit, in der sich nach dem erfolgreichen Start erst einmal eine Zigarette angesteckt wurde. Für stetige Lacher sorgen der Running Gag um Hähnchen Cordon Bleu oder der unterschiedliche Blick des Erzählers Travolta und des kleinen Jeff auf die amourösen Abenteuer der Mutter. Selbst ein kurzer tonaler Bruch mit einer KZ-Überlebenserzählung, die leicht deplatziert wirken könnte, zerreißt das Dahingleiten der Erzählung nicht. Man merkt einfach auch hier, wie persönlich wichtig es Travolta war, auch diese Kindheitserinnerung zu behalten.

Fazit: Man sollte von „Nachtflug nach L.A.“ keinen typischen Spielfilm erwarten, sondern bekommt eine märchenhaft-verklärte Kindheitserinnerung von John Travolta präsentiert. Die ist aber so voller Herz, dass sie zu berühren weiß.

Wir haben „Nachtflug nach L.A.“ beim Filmfestival von Cannes gesehen, wo er seine Weltpremiere in der Sektion Cannes Première gefeiert hat.

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