Sanguine
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Sanguine

Stress, der gar nicht lautlose Killer!

Von Michael Meyns

Immer mehr Menschen beklagen, dass ihre Work-Life-Balance aus den Fugen geraten ist; Stress ist längst als Auslöser unterschiedlichster Krankheiten anerkannt. Ganz besonders anfällig: Die Beschäftigten in der Notaufnahme eines Krankenhauses, wo gerade junge Ärzt*innen oft extreme Überstunden schieben und stets unter immensem Zeitdruck schuften müssen – obwohl viele ihrer Entscheidungen doch direkt mit Leben und Tod zu tun haben. Kein Wunder also, dass TV-Serien wie „Emergency Room“ oder neuerdings „The Pitt“ dieses Setting für atemlose Erzählungen genutzt haben. Aber das alles ist nichts im Vergleich zur Notaufnahme in Marion Le Corrollers Body-Horror-Exzess „Sanguine“, einer buchstäblich blutdurchtränkten Satire, in der die Anforderungen der modernen Arbeitswelt unerwartete Auswüchse hervorrufen.

Als erste Person ihrer Familie hat es Margot (Mara Taquin) durchs Medizinstudium geschafft. Nun tritt sie eine Stelle als Assistenzärztin einer Notaufnahme an. Ihre Chefin Hélène (Karin Viard) gilt als ebenso brillant wie unberechenbar. Der Stress ist gewaltig, die Anforderungen sind es ebenso. Schon bald bemerkt die Nachwuchsmedizinerin Bluttropfen, die ihr ohne erkennbare Wunde über die Stirn laufen – und eines Morgens wacht sie sogar blutüberströmt auf (von ihrem rot-durchnässten Laken mal ganz zu schweigen). Fieberhaft sucht Margot nach der Ursache. Ihr Kollege Louis (Sami Outalbali) versucht zu helfen, doch seine buddhistischen Atemübungen wirken nur bedingt. Margot findet heraus, dass weitere junge Menschen mit ähnlichen Symptomen behandelt wurden. Manche scheinen die mysteriöse Krankheit sogar gerne anzunehmen, weil sie dafür sorgt, dass man härter und ausdauernder arbeiten kann. Doch dieser scheinbare Vorteil hat einen hohen Preis, wie Margot bald am eigenen Leib erfahren muss …

Ein überspannter Burgerbrater ist das erste Opfer! Windy Production
Ein überspannter Burgerbrater ist das erste Opfer!

In den vergangenen Jahren haben sich im französischen Kino gerade Regisseurinnen am Body Horror versucht. Vor allem Julia Ducournau in „Raw“ und „Titane“ sowie Coralie Fargeat in „The Substance“ haben das Genre aus feministischer Perspektive neu interpretiert – ein Trend, dem sich nun auch Marion Le Corroller anschließt. Ein paar Kurzfilme hat die Franko-Belgierin bereits gedreht, „Sanguine“ ist nun ihr Debütlangfilm, der von einem erstaunlich souveränen Einsatz filmischer Mittel geprägt ist. Gleich die erste Sequenz deutet an, dass es hier hart und blutig werden wird: In einem Burgerladen dreht ein junger Verkäufer völlig durch, als ein nerviger Influencer unbedingt etwas bestellen will, das nicht auf der Karte steht. Die Sekunden ticken, der Manager drängt auf Eile, die Kundschaft wartet, Störungen sind in diesem System nicht vorgesehen. Der Stress entlädt sich in einem Gewaltausbruch mit anschließendem Selbstmord, wenn der Amokläufer seinen eigenen Schädel wieder und wieder und wieder auf eine Tischplatte knallt (jedes Mal mit einer neuen, zunehmend zermatschten Maske).

Da wird direkt klargemacht: Le Corroller macht garantiert keine Gefangenen! Und so geht es weiter, in den engen Korridoren der Notaufnahme, die mit ihrem markanten Weiß-Rot-Design deutlich an „The Shining“ erinnern. Bald ist auch Margot unter den Opfern und versucht, sich selbst zu behandeln, aber kaum einer der weiteren Betroffenen will Auskunft geben. Erst ein gestresster, da schlecht bezahlter freier Journalist (ein Einfall, der bei der Pressevorführung für wissendes Lachen sorgte) bringt sie auf die Spur (aber damit nicht unbedingt auf den Weg zur Rettung). Ein, zwei Mal scheint sich Le Corroller zwar in Nebenhandlungen zu verlieren, besonders eine sich anbahnende Affäre zwischen Margot und ihrer Kollegin Pauline (Kim Higelin) wirkt unnötig. Aber gerade im letzten Drittel findet sie wieder auf den Weg zurück und steigert sich zu einem grandiosen Exzess.

Dabei mischt die Regisseurin auf gelungene Weise harten Body Horror rund um richtig schön ekelige Mutationen, die über die Körper wuchern, mit einer Gesellschaftssatire, in der die beruflichen (Über-)Forderungen einen hohen Preis einfordern. Irgendwann lassen sich die Arbeitsschritte schlichtweg nicht mehr beschleunigen und rationalisieren – und wenn man es doch versucht, zeigt „Sanguine“ auf eindrucksvoll-abgefuckte Weise, was dann passieren kann!

Fazit: Verpackt in erstklassigen, unbarmherzigen Body-Horror mutiert der moderne Arbeitsplatz in der bitterbösen Gesellschaftssatire „Sanguine“ zum waschechten Albtraum.

Wir haben „Sanguine“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er als Mitternachtsfilm seine Weltpremiere gefeiert hat.

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