So habt ihr den King garantiert noch nie gesehen!
Von Michael MeynsSchon das Universal-Logo deutet an, was da gleich auf uns zukommt: Nicht klassisch dezent erscheint der Schriftzug vor der stilisierten Erdkugel, sondern grell leuchtend, dazu mit glitzernden Diamanten besetzt. Bling-Bling ist schließlich nicht umsonst das Markenzeichen der Filme von Baz Luhrmann, der mit „Romeo + Julia“ und „Moulin Rouge“ berühmt wurde und in Elvis Presley schließlich die ultimative Projektionsfigur für seine Faszination für Oberflächenreize, Pathos und Camp fand: Sein aufwändiges Biopic „Elvis“ machte vor vier Jahren Austin Butler endgültig zum Star!
Aus dem für seinen Spielfilm zusammengetragenen Recherchematerial hat Luhrmann nun mit „EPiC: Elvis Presley in Concert“ zudem noch einen Konzertfilm geformt, der weniger einer Dokumentation als einer Hagiografie gleichkommt. Zwischentöne oder gar Kritik am King sollte man in diesen 90 Minuten nicht erwarten. Aber warum auch: Wer Elvis’ dunkle Seite erleben möchte, kann sich stattdessen besser Sofia Coppolas „Priscilla“ anschauen. In „EPiC“ hingegen geht es ganz um die Legende, den Star, den Performer, den unwiderstehlichen Charmeur, dem Luhrmann in spektakulären Bildern und sattem Sound huldigt.
Universal Pictures
Weltberühmt ist Elvis Presley vor allem als Sänger, dabei war er in den 1960er Jahren vor allem als Filmstar erfolgreich. Nach seinem Militärdienst, den er zwischen 1958 und 1960 unter anderem in Deutschland absolvierte, drehte er im kommenden Jahrzehnt sagenhafte 27 Filme! Da blieb für Live-Auftritt naturgemäß kaum Zeit. Um aber trotzdem wieder auf der Bühne stehen zu können, nahm Elvis 1969 ein Engagement im gerade eingeweihten International Hotel in Las Vegas an – und sorgte damit für eine Sensation: Fünf Tage die Woche spielte er zwei ausverkaufte Shows pro Abend, vor Berühmtheiten wie Sammy Davis Jr. oder Cary Grant – und vor einem Publikum, das für kurze Zeit die Aura des Superstars spüren wollten.
Lange Zeit als verschollen gegoltene Aufnahmen von diesen Shows und ihrer Vorbereitung bilden nun das Rückgrat von „EPiC“, wobei sich Luhrmann in seinem ersten Dokumentarfilm mit stilistischen Extravaganzen erstaunlich zurückhält und stattdessen ganz seinem Star die Bühne überlässt. In den ersten Minuten wird zunächst noch die Elvis-Biografie abgehakt, allerdings in einem Wahnsinnstempo. Es ist ja auch keine Überraschung, dass der farbverrückte Luhrmann nicht die allergrößte Begeisterung entwickelt für schwarz-weiße TV-Aufnahmen aus dem tristen Deutschland, in denen Elvis etwas traurig und verloren in einem überdimensionierten Parka neben einem Panzer steht.
In der Hollywoodzeit wird zwar alles viel greller, aber eben auch einförmiger – egal ob als Arzt, Rennfahrer oder Cowboy, irgendwie sind doch alle Elvis-Filme mehr oder weniger gleich. So kommt „EPiC“ schnell bei dem Elvis an, der auch Luhrmanns kreativen Vorlieben am nächsten kommt: dem Las-Vegas-Elvis! Legendär sind die Konzerte, die Elvis in der Spieler-Stadt gab, perfekt choreografierte Auftritte, die aber dennoch spontan wirkten.
Das war auch kein Zufall, denn Elvis wusste um die spezielle Verbindung, die er mit seinem Publikum eingehen konnte, die aber jeden Abend aufs Neue entstehen musste. „Spielt jeden Song so, als wäre es das erste Mal“, gibt Elvis seiner Band mit auf den Weg. Nur keine Routine, nicht wie von der Stange sollten die Nummern klingen, auch wenn er Hits wie „In The Ghetto“, „Love Me“ oder „Suspicious Minds“ über die Jahre bestimmt Tausende Male spielte.
Universal Pictures
Doch nicht nur an den Gesichtern der Zuschauer*innen lässt sich die ekstatische Begeisterung ablesen, auch die Musiker und Backgroundsänger wirken, als könnten sie es in manchen Momenten kaum fassen, mit diesem Menschen auf derselben Bühne zu stehen. Wie ein Gottesdienst wirken die Konzerte oft – mit Elvis als Prediger, der mit seinem Publikum spielt. Selbst kleine Gesten sorgen für gewaltige Ekstase, wenn Elvis zwischen Pathos und Albernheiten wandelt, auch mal einen Ton verfehlt und dadurch für einen Moment menschlich wirkt.
Kein Wunder, dass Elvis vom Gospel ebenso inspiriert war wie vom Blues, auch wenn der gottesfürchtige Gesang und die hypersexualisierten Auftritte in einem (vermeintlichen) Widerspruch stehen. Solche Rätsel in Elvis’ Charakter aufzulösen, dafür ist Baz Luhrmanns „EPiC: Elvis Presley in Concert“ ganz sicher nicht geeignet. Aber dafür kommt man hier einem der größten Performer des 20. Jahrhunderts so nahe wie selten zuvor.
Fazit: Baz Luhrmann kann offensichtlich nicht von Elvis Presley lassen. Vier Jahre nach seinem fulminanten Biopic „Elvis“ widmet er dem legendären Sänger nun einen hagiografischen Dokumentarfilm, der zwar dem Mythos Elvis nichts Neues hinzufügt, aber dank spektakulär restauriertem Archivmaterial und beeindruckendem Sound Elvis so lebendig wirken lässt wie seit seinem Tod nicht mehr.