Salvation
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Salvation

Wie Gewalt entsteht

Von Christoph Petersen

Man kann kaum glauben, dass „Salvation“ auf einem realen Vorkommnis basiert. Das liegt aber nicht etwa an dem fatalen Ausmaß der entsetzlichen Geschehnisse, sondern an der geradezu perfekten Anordnung, die man für eine Parabel über die Brüchigkeit vermeintlicher Zivilisation kaum stimmiger hätte erfinden können: Zwei Clans, zwei Dörfer, ein ärmeres oben in den Bergen, ein wohlhabenderes unten im Tal – und eine lange gärende Fehde, die unausweichlich auf ihre finale Eruption zusteuert.

Burning Days“-Regisseur Emin Alper inszeniert in berauschend schönen Bildern eine unfassbar grausame Geschichte, bei der man auch deshalb immer wieder tief schlucken muss, weil sich so vieles davon so unglaublich nah anfühlt. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Handlung in einer episch-zerfurchten Gegend irgendwo in der Abgelegenheit der türkischen Berge angesiedelt ist. Man kann diese klare Analyse, wie furchtbar nah selbst die schlimmsten Massaker der menschlichen Natur zu liegen scheinen, jedenfalls kaum einfach so von sich wegschieben.

Mesut (Caner Cindoruk) ist von Hass und Paranoia zerfressen. Wird er sein ganzes Dorf mit in den Abgrund reißen? Liman Film
Mesut (Caner Cindoruk) ist von Hass und Paranoia zerfressen. Wird er sein ganzes Dorf mit in den Abgrund reißen?

Als vor Jahren die Anschläge in der Region zunahmen, übernahmen die Hazeran die Rolle von Dorfbeschützern. Die ehemaligen Bediensteten und Bauern mussten im Kampf gegen die Terroristen zwar viele Verluste einstecken, haben jedoch – an der Seite der staatlichen Truppen – inzwischen einen weitgehenden Sieg davongetragen. Aber jetzt, wo die Gegend wieder sicherer ist, kehren auch die zuvor in die Stadt abgewanderten Bezari in das Dorf im Tal zurück. Sie verlangen die Übergabe ihrer Felder, die ihnen offiziell gehören, während der Abwesenheit jedoch von den Hazeran bewirtschaftet wurden.

Die Frustration in dem ohnehin ärmlichen Bergdorf wächst, die – mitunter auch gewaltsamen – Zwischenfälle nehmen zu. Der gemäßigte Ortsvorsteher Sheikh Ferit (Feyyaz Duman) versucht alles, um die Situation am Überkochen zu hindern – sogar zur Herausgabe von strafverdächtigen Männern an die Behörden ist er bereit. Ganz anders sein älterer Bruder Mesut (grandios: Caner Cindoruk), der vor lauter Wut, Eifersucht und Paranoia längst nicht mehr schlafen kann – und seine nächtlichen, albtraumhaften Visionen als Auftrag deutet, die verhassten Bezari ein für alle Mal auszulöschen …

Eine konsequente Fortführung seines Debüts

In seinem Spielfilmdebüt erzählte der anatolische Autor und Regisseur Emin Alper schon mal eine ähnliche Geschichte – allerdings 2012 noch eine Nummer kleiner: „Beyond The Hill“ handelt von einem pensionierten Forstwirt, der fürchtet, dass ihm (angeblich) auf der anderen Seite des Hügels hausende Nomaden seinen Landsitz streitig machen wollen. Als er gemeinsam mit seinen Söhnen gegen die (womöglich gar nicht existierenden) Feinde loszieht, steuert das mit den Elementen eines Spannungs-Western gespickte Treiben schnell in eine Paranoia-Spirale, bei der es ausgeschlossen scheint, dass sie noch mal ein gutes Ende nehmen wird.

In „Salvation“ ist es nun nicht ein einsamer alter Mann mit seinen Söhnen, sondern gleich ein ganzes Dorf, das sich fast komplett in den Hass hineinsteigert. Aber die Ähnlichkeiten liegen trotzdem auf der Hand, gerade weil sich Alper auch diesmal wieder ausdrucksstarker Genre-Mittel bedient: Wenn es den schlaflosen Mesut nachts durch das Dorf treibt, erinnern die verwinkelten Gassen und Treppen, an denen ständig schattige Gestalten vorbeihuschen, womöglich nicht von ungefähr an das Wien aus „Der dritte Mann“, einem der Paranoia-Klassiker schlechthin.

Schatten, Geister und ein ganz realer Massenmord

Aber Mesut erspäht nicht nur potenzielle Verräter in den Schatten. Einmal beobachtet er auch, wie ein unsichtbarer Geist sein Haus betritt, seine schlafende Frau Gülsüm (Özlem Taş) entkleidet und vor seinen Augen Sex mit ihr hat. Mesut ist zerfressen von Eifersucht, weil er einfach nicht darüber hinwegkommt, dass seine Frau früher einmal bei einem Bezari angestellt war und im Dorf seitdem Gerüchte über angebliche sexuelle Ausschweifungen kursieren.

Als ein Arzt bei einer Untersuchung feststellt, dass die schwangere Gülsüm Zwillinge bekommen wird, ist für Mesut klar – das zweite Kind ist ein Kind des Teufels, das habe sein Großvater schon immer gesagt. Aber das Erschreckende ist ja nicht, dass ein Mann offensichtlich dem Wahnsinn anheimfällt, sondern wie er ein ganzes Dorf mit in den Abgrund reißt. Einfach nur, weil seine paranoiden Wahnvorstellungen dazu passen, worauf ohnehin gerade alle ihren Zorn und ihre Frustrationen fokussieren – mehr als eine charismatische Wuttirade braucht es da gar nicht, bis endgültig alle Dämme brechen.

In der zweiten Hälfte schleichen sich (unnötige) Längen ein

Man kann da leicht eine ganze Reihe von Parallelen zur aktuellen Weltlage und dem Umsichgreifen von Verschwörungstheorien ziehen. Aber wenn man so richtig mitgerissen wird von der sich zunehmend schneller drehenden Spirale, wenn sich die immer heftiger brodelnde Gewalt mit aller Kraft ein Ventil sucht, als wäre sie das Magma unter der Erde, tritt Alper auf die Bremse.

Dann streut er noch einmal einen längeren Dialog oder ein weiteres wunderschönes Bild ein, als wolle er uns explizit daran erinnern, dass wir gerade einen erlesenen Festivalfilm aus dem Berlinale-Wettbewerb schauen. Ich glaube allerdings nicht, dass die Message von „Salvation“ weniger gut gezündet hätte, wäre das Gaspedal in der zweiten Hälfte stärker durchgetreten worden. Im Gegenteil.

Fazit: „Salvation“ zeigt eindrücklich, wie sich Hass, Wut, Paranoia und (Aber-)Glaube zu einer unausweichlich scheinenden Gewalteruption sondergleichen hochschaukeln. Emin Alpers ungebrochener Hang zu schönen Bildern bremst seine erschreckend aktuelle Erzählung vor allem in der zweiten Hälfte allerdings wiederholt aus.

Wir haben „Salvation“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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