Mouse
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Mouse

Ein Wechselbad der (zurückgenommenen) Gefühle

Von Jochen Werner

Minnie (Katherine Mallen Kupferer) und Callie (Chloe Coleman) waren beste Freundinnen, aber „Minnie Mouse“ hat Callie nie zu Minnie gesagt. Trotzdem bejaht Minnie die Frage von Callies Mutter Helen nach dem vermeintlichen Spitznamen. Denn Callie ist kurz zuvor bei einem Autounfall gestorben, und Helen hat in ihrer verzweifelten Trauer ein Medium konsultiert, um mit ihrer verblichenen Tochter in Kontakt zu treten. Und sehnt sich nun nach einer Bestätigung, dass all der ins Blaue geratene Unfug, der ihr bei der Séance serviert wurde, tatsächlich von ihrer geliebten Callie kommen könnte.

Man könnte den Titel des Films des amerikanischen Regieduos Kelly O’Sullivan und Alex Thompson folgerichtig als den Versuch Minnies verstehen, ihre eigene innere „Mouse“, die es in der Beziehung zu Callie nie gab, Realität werden zu lassen – auch wenn das schüchterne, von Selbstzweifeln geplagte Mädchen tatsächlich etwas Maushaftes an sich hat. Im Zentrum des Films steht die Beziehung Minnies zur Mutter ihrer verstorbenen Freundin, zu der sie sich in der gemeinsamen Trauer hingezogen fühlt. Am liebsten würde sie gleich in Callies leerstehendes Zimmer einziehen, steht einmal gar unangekündigt mit gepackter Tasche vor Helens Tür. Da dämmert es dieser bereits, dass die Nähe, in die sich die beiden Trauernden recht rückhaltlos hineinwerfen, nicht unbedingt eine gesunde ist.

Im Trauerverarbeitungsdrama von „Mouse“ findet auch eine zärtlich erzählte lesbische Liebesgeschichte ihren Platz. Go Cats Go
Im Trauerverarbeitungsdrama von „Mouse“ findet auch eine zärtlich erzählte lesbische Liebesgeschichte ihren Platz.

Für Minnie ist das gutbürgerliche Haus Helens aber auch deshalb ein willkommener Fluchtpunkt, weil sie sich in ihrer eigenen Familie ohnehin fehl am Platz fühlt. Ihre alleinerziehende Mutter arbeitet in einer Veterinärspraxis hart für wenig Geld. Sie kümmert sich mitfühlenden Herzens um herrenlose Hunde ebenso wie um ein ebenso zugelaufen erscheinendes Baby, zu dem Minnie einmal verwundert einfällt, sie habe jetzt wohl einen kleinen Bruder. Zur Mutterschaft fehlt ihr keinesfalls der Wille, wohl aber so manches elterliche Talent: Minnies Zuhause ist unter jenen prekären US-amerikanischen Familien einzureihen, von denen US-Vizepräsident J. D. Vance (der damals noch kein faschistischer Machtpolitiker war, sondern der Feuilleton-Liebling der linken Intelligenzija) in seinen Memoiren „Hillbilly Elegy“ schrieb, sie äßen mittags bei Taco Bell und abends bei Wendy’s.

Natürlich kann diese komplizierte Flucht in eine von Trauer und Schmerz bestimmte Mutter-Tochter-Ersatzbeziehung nicht gutgehen. Und auch der rote Faden, der sie zunächst noch zusammenbindet – der Gesangsunterricht für Minnie, die bei einer (reichlich grotesken) Schulaufführung unbedingt ein Lied für Callie singen will, mangelndem Gesangstalent zum Trotz – löst sich allmählich auf. Gut, dass sich „Mouse“ auch Zeit nimmt für sekundäre Handlungsstränge, darunter eine wirklich süße und auf charmanteste Weise unproblematische lesbische Liebesgeschichte zwischen Minnie und Kat (Iman Vellani), einer jungen Frau, die ebenfalls eine Verlusterfahrung mit sich trägt.

Gefühliger Indie-Standard – oder wird es doch noch düster?

Diese Liebesgeschichte macht die zweite gemeinsame Regiearbeit von Kelly O’Sullivan und Alex Thompson zu einer Art Wechselbad unterschiedlichster Emotionen, die größtenteils glaubwürdig wirken und durchaus auf das Publikum überspringen. „Mouse“ ist in erster Linie ein betont einfühlsamer Film, der sich bemüht, nicht zu dick aufgetragen. Diese Art von zurückgenommener Lo-Fi-Gefühligkeit reiht sich zwar durchaus ein in einen gewissen Emo-Mainstream innerhalb des amerikanischen Indiewood-Kinos – aber gar so originell oder gar bahnbrechend muss ein Film wie „Mouse“ ja auch gar nicht sein.

Obwohl: Ein paar Momente gibt es dann doch darin, in denen für kurze Augenblicke eine andere, dunklere Tonlage aufzublitzen scheint. In denen man den Eindruck hat, von nun an könnte sich auch eine zynischere, boshaftere, herablassendere Perspektive auf die Protagonist*innen Bahn brechen. Im Blick auf die verhasste Mitschülerin Cara (Audrey Grace Marshall) etwa, die aus der Trauer um die verstorbene Callie eine unangenehm narzisstische Selbstdarstellung macht. In Minnies Mutter auch, wenn der Film sie durch die Augen ihrer Tochter betrachtet, die den prekären Redneck-Klischees zu entfliehen hofft und die Verachtung in ihrem Blick kaum zu verbergen versucht.

Verurteilt wird hier niemand

In diesen Momenten erinnert „Mouse“ fast ein wenig an die Werke des US-amerikanischen Independent-Regisseurs Todd Solondz („Happiness“) und es deutet sich ein anderer, dunklerer Film an. Aber dann wiederum scheint es so, als würde sich der Film aktiv gegen die Finsternis entscheiden, um seine Figuren auch in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit liebenswert und, vielleicht noch wichtiger, liebesfähig zu belassen.

Und kompliziert sind sie alle. Niemand handelt hier stets gut oder sympathisch oder rational oder nachvollziehbar, so ganz verurteilen mag „Mouse“ aber niemanden von ihnen. Nichtmal die schwer erträgliche Cara wird so ganz und gar verworfen. Und wie könnte man auch über diese Menschen urteilen, angesichts von Tod und Trauer und Verlust und ihren jeweils ganz eigenen Beschädigungen? Der Tod ist groß, wir sind die Seinen.

Fazit: Ein einfühlsames Indie-Drama über Tod und Trauer und Verlust, das seine düsteren Themen mit einer hoffnungsvoll-charmanten lesbischen Jugendliebesgeschichte verknüpft. Manchmal wirkt „Mouse“ etwas arg konventionell-gefühlig, aber am Ende lässt er seinen Figuren doch eine gewisse Widerborstigkeit, die dem Film mitunter überraschende Ecken und Kanten verleiht. Sehenswert!

Wir haben „Mouse“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Panorama seine Weltpremiere gefeiert hat.

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