Die späte Verfilmung eines vergessenen Fantasy-Klassikers
Von Helena BergDie „Fünf Freunde“-Serie ist längst zum multimedialen Franchise angewachsen, und auch mit „Hanni & Nanni“ hat Autorin Enid Blyton die Kindheit mehrerer Generationen geprägt. Um ein deutlich weniger bekanntes Werk aus ihrer Feder handelt es sich jedoch bei der „Wunderweltenbaum“-Saga, deren erster Band im Jahr 1939 erschienen ist.
Wer mit der insgesamt vier Teile umfassenden Fantasy-Reihe bisher nicht in Berührung gekommen ist, hat 87 Jahre später die Möglichkeit, die Abenteuer rund um das titelgebende Zaubergewächs auf der Leinwand zu entdecken. Das Drehbuch stammt dabei von Simon Farnaby, der zuletzt schon mit „Wonka“ und „Paddington 2“ bewiesen hat, wie man traditionsreiche Kinderbuch-Stoffe in die Moderne überträgt, ohne den Charme der Vorlage einzubüßen. Auch die Geschichte von „Der Wunderweltenbaum“ verpflanzt er nun weitgehend überzeugend in die Gegenwart.
Leonine
Die Nudeln stehen auf dem Tisch, die Kinder hängen am Handy, die Eltern sind erschöpft von der Arbeit und sehnen sich heimlich nach nichts anderem, als einfach in Ruhe eine Flasche Wein zu öffnen: Diese Szene dürfte für viele Menschen Alltag sein. Das gilt auch für die Thompsons, bestehend aus Mutter Polly (Claire Foy, „The Crown“), Vater Tim (Andrew Garfield, „Spider-Man“) und den Geschwistern Beth (Delilah Bennett-Cardy), Joe (Phoenix Laroche) und Fran (Billie Gadsdon).
Doch als Polly entdeckt, dass der von ihr entwickelte Hightech-Kühlschrank seine Nutzer*innen ausspioniert, trifft die Großstadtfamilie eine radikale Entscheidung: Sie zieht aufs Land, wo Tim die Tomatensoße seiner italienischen Vorfahren herstellen und die voneinander isolierten Familienmitglieder wieder zusammenbringen will. Leider entpuppt sich der angemietete Bauernhof aber als bruchreife Scheune, und die Kinder werden eindringlich vor einem verbotenen Teil des Waldes gewarnt, in dem merkwürdige Dinge vor sich gehen sollen. Ausgerechnet die kleine Fran wagt sich dennoch hinein – statt gruseliger Gestalten findet sie allerdings den Wunderweltenbaum vor ...
Stellt man sich vor ihn, schließt die Augen und sagt dreimal hintereinander „Ich glaube an Magie“, öffnet er seine Äste und offenbart ein magisches Reich. In seinem Stamm wohnen etwa ein wütender Kobold (Hiran Abeysekera), die Fee Seidenhaar (gespielt von „Bridgerton“-Star Nicola Coughlan), der Anführer Mondgesicht (Nonso Anozie, „Game Of Thrones“) oder der Pfannenmann (Dustin Demri-Burns). Ganz oben in der Baumkrone wiederum trifft man auf Frau Wasch (Jessica Gunning), die dort nicht nur unentwegt ihre Wäsche schrubbt, sondern auch den Zugang zum Himmel bewacht. Direkt über ihrem Waschplatz befindet sich nämlich ein Wolkenloch, an dem täglich ein neues magisches Land andockt. Die kleine Fran staunt nicht schlecht, als sie über eine Leiter in verschiedene fantastische Welten gelangt – von einem Süßigkeitenland, in dem Marshmallows wachsen, bis hin zum Geburtstagsland, in dem es Puderzucker schneit und man sich jeden Tag etwas wünschen kann.
Eine Besonderheit des von Regisseur Ben Gregor („Fatherhood“) inszenierten Films ist, dass der Baum und die magischen Länder genauso real erscheinen wie die Geldsorgen der Erwachsenen – und beide Welten Einfluss aufeinander haben: Nur durch die Fantasie der Kinder kann der Traum der Erwachsenen Wirklichkeit werden. Trotz seiner klaren Botschaft und einiger moralischer Lektionen geht der Spaß in „Der Wunderweltenbaum“ aber nie verloren – dafür sorgen gelungene Wortwitze, tolle Kostüme sowie das durchgehend spielfreudige Ensemble. Überraschend treffsicher setzt der farbenfrohe Familienfilm sogar feministische Akzente. Zu den Stärken des Films zählt die Dynamik zwischen Teenagerin Beth und der Fee Seidenhaar, die den männlichen Bewohnern des Baumes endlich einmal gehörig die Meinung sagen.
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Umso irritierender wirken vor diesem Hintergrund einige rassistische und stereotype Darstellungen. So verkauft ein Native American den Kindern einen Pflanzentrunk und will dafür kein Geld haben. Hier hätte man das Drehbuch besser noch einmal kritisch gegenlesen sollen – denn der Fantasie sind zwar keine Grenzen gesetzt, Klischees aber sehr wohl. Auch bei der Darstellung des Landlebens dürften manche Zuschauer*innen eher schmunzeln als zustimmend nicken: Teenagerin Beth beschwert sich beispielsweise darüber, dass ein gleichaltriger Junge nur über seine Gummistiefel reden will.
Über fast all diese Schwächen hilft jedoch die wunderbar eingespielte Familiendynamik hinweg. Wo ein Familienmitglied den Mut verliert, fängt das nächste an zu singen. Wenn Papa Tim sich in seinen Träumereien verliert, holt ihn Mama Polly zurück auf den Boden der Tatsachen, ohne jemals zur Spaßbremse zu werden. Teenagerin Beth hingegen lernt, Verantwortung zu übernehmen, ohne ihren Geschwistern die Freude zu rauben. Gemeinsam mit Joe und Fran dürfen wir uns über schlafende Flugzeuge, allwissende Männer mit Rauschebärten und menschengroße Feen ohne Flügel amüsieren. Schade ist nur, dass man die Botschaft des Films nicht direkt mit aus dem Kinosaal nehmen kann. Gegen Großstadttrott und Handysucht ist das Landleben keine Patentlösung, und von Wunderweltenbäumen können die meisten von uns nur träumen. Aber vielleicht ist genau das die Lösung: Träume – und Nudeln mit sehr guter Tomatensoße.
Fazit: Fantasievolle und moderne Adaption des Kinderbuchklassikers, die einige unnötige Stereotype allerdings besser hätte vermeiden sollen. Trotz aller magischen Wunderwelten bleibt die warmherzige Familie das eigentliche Herzstück der Geschichte.