Un Poeta
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Un Poeta

Einer der lustigsten Filme des Jahres

Von Jochen Werner

„Wie läuft es mit dem Alkoholproblem?“, wird Oscar Restrepo (Ubeimar Rios), der Protagonist von Simón Mesa SotosUn Poeta“, einmal von einer eher missgünstigen Schwester gefragt. „Es läuft schlecht“, antwortet Oscar genervt, aber sehr ehrlich, und das ist tatsächlich nicht zu übersehen. Zu oft wacht er morgens auf der Straße auf, nach einer berauschten Nacht in der Gesellschaft tendenziell obdachloser Trinkerfreunde. Oscar selbst hat nur deshalb ein Dach über dem Kopf, weil er mit Mitte 50 wieder bei seiner betagten Mutter eingezogen ist. „Ich bin ein Poet“, wirft er seiner Schwester Yolanda an den Kopf, die ihn immer wieder drängt, eine Stelle als Aushilfslehrer anzunehmen. Und tatsächlich hat Oscar einst zwei hochgelobte und preisgekrönte Lyrikbände veröffentlicht – doch das ist Jahrzehnte her und genügt nicht zum Lebensinhalt. „Du bist arbeitslos“, erwidert Yolanda.

Dieser Oscar ist zuerst eine lächerliche Figur, und wir sehen ihr dabei zu, wie sie sich in tendenziell größenwahnsinnigen Vorstellungen von der edlen Dichterexistenz suhlt und gleichzeitig immer wieder aufs Neue am tristen Alltag scheitert. Als ihn der Leiter des örtlichen Literaturhauses zur erbetenen Förderung der Verkaufszahlen in eine Fernsehsendung schickt, landet er im Frühstücksfernsehen neben einem YouTube-Rapper. Auch die Beziehung zu seiner entfremdeten Teenagertochter, die Oscar gern wieder intensivieren möchte, wird nicht besser, sondern steuert immer mehr in Richtung Eskalation und endgültigem Bruch.

Oscar Restrepo (Ubeimar Rios) ist gescheiterter Dichter, Alkoholiker und wohnt mit Mitte 50 wieder bei seiner Mutter – trotzdem gibt ihn der Film nie ganz der Lächerlichkeit preis. Epicentre Films
Oscar Restrepo (Ubeimar Rios) ist gescheiterter Dichter, Alkoholiker und wohnt mit Mitte 50 wieder bei seiner Mutter – trotzdem gibt ihn der Film nie ganz der Lächerlichkeit preis.

Das größte Kunststück, das dem kolumbianischen Regisseur Simón Mesa Soto mit „Un Poeta“ gelingt, ist es, Oscar in all seiner Lächerlichkeit und seinen menschlichen Fehlern und Schwächen zu zeigen, ohne dass der Blick auf diesen Antihelden jemals zynisch oder mitleidlos wird. Eine Albtraumvision des eigenen Daseins als alternder, gescheiterter Künstler sei dieser Oscar, so sagt Mesa Soto selbst. Das beinhaltet zweierlei: einmal die Abscheu davor, so wie diese Figur zu enden. Und andererseits die grundsätzliche Möglichkeit, dass ebendiese Zukunft für einen selbst im Raum steht.

Oscar hat etwas Gnomenhaftes und er ist ein Zerrbild, ja. Aber er ist auch ein Alter Ego – und somit jemand, den man nicht so einfach loswird und dem man ein gewisses Maß an Liebe schlichtweg schuldig ist. Folgerichtig gibt ihm der Plot des Films zumindest eine Gelegenheit zur Rehabilitation. Denn schließlich zwingt ihn Yolanda doch noch, die ungeliebte Stelle als Lehrer anzutreten.

Ist die poesiebegabte Yurlady (Rebeca Andrade) tatsächlich der Schlüssel zu Oscars Erlösung – oder projiziert der Lehrer doch ein wenig zu viel in seine Schülerin hinein? Epicentre Films
Ist die poesiebegabte Yurlady (Rebeca Andrade) tatsächlich der Schlüssel zu Oscars Erlösung – oder projiziert der Lehrer doch ein wenig zu viel in seine Schülerin hinein?

Er beginnt diese zwar sogleich mit einem desaströsen, aber noch unentdeckten Fehltritt, als er – vom Schnaps in der Thermoflasche angeheizt – vor der lachenden Schulklasse zu einem seiner lallend-grölenden Rants über „die Poesie“ ansetzt. Doch zugleich entdeckt Oscar ein unerwartetes Talent: Die Schülerin Yurlady (Rebeca Andrade) stammt aus einer armen Familie und schreibt Notizbuch um Notizbuch voll mit Gedichten, in denen sie ihr Leben, ihre Träume und Wahrnehmungen verarbeitet. Diese Gedichte findet Oscar so gut, dass er in ihrer Publikation und der Förderung von Yurladys Gabe die eigene Chance auf Erlösung erkennt.

Was folgt, ist ein reichlich groteskes Spiel mit ernsthaft empfundener Reue und dem Kampf um Yurladys Zukunft einerseits und der neu wachsenden Verbindung zur eigenen Tochter Daniela (Allison Correa) andererseits. Denn tatsächlich versucht Oscar, sich zu bessern und ein einziges Mal für jemand anderen als nur sich selbst einzusetzen – dass Yurladys Träume jedoch möglicherweise völlig andere sind als die, die ihr so makelbehafteter Lehrer ihr anzubieten hat, und mehr mit Nagelstudios als mit Literaturhäusern zu tun haben, vermag Oscar nicht zu erkennen. Und somit läuft alles auf eine unvermeidliche Eskalation hinaus…

Es muss immer weitergehen

„Un Poeta“ ist allerdings noch nicht zu Ende, wenn sich diese Eskalation ereignet, und das bringt die Perspektive dieses mitunter brutal lustigen, aber doch nicht herzenskalten Films eigentlich ganz gut auf den Punkt. Es gibt immer ein Danach – nach Oscars Erfolgen als junger Dichter steht noch ein langes Leben, mit dem es irgendwie zurechtzukommen gilt. Aber auch nach dem ziemlich katastrophalen Scheitern des großen Plans zur Selbsterlösung geht es unaufhaltsam weiter.

Die Trümmer der eigenen Existenz müssen immer wieder von Neuem aufgeräumt werden, zwischen den missglückten Resultaten kommt hier und da eine gute Intention zum Vorschein, doch dann passiert schon wieder der nächste Schicksalsschlag – und auch dem muss Oscar ins Auge schauen. Es hört nicht auf, denn das ist sein Leben. Und auch wenn wir Oscar in einem tieftraurigen Moment verlassen, sind wir seltsam optimistisch, dass er nicht aufhören wird, sich zumindest weiter daran zu versuchen.

Fazit: Der zweite Film des kolumbianischen Regisseurs Simón Mesa Soto ist einer der lustigsten Filme des Jahres – und schafft es gleichzeitig, seinen makelbehafteten, oft lächerlichen und fortwährend an sich selbst scheiternden Protagonisten nie mit so ganz lieblosem Blick zu betrachten. Das ist kein kleines Kunststück, und diesen in wunderschönen 16mm-Bildern fotografierten Film sollte man keinesfalls versäumen. Egal wie man selbst zur Dichtkunst steht.

Wir haben „Un Poeta“ im Rahmen des Festivals Around the World in 14 Films 2025 gesehen.

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