Full Phil
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Full Phil

Kristen Stewart veranstaltet einen Mukbang

Von Christoph Petersen

Die schreiende junge Frau (Emma Mackey), die durch das schienbeinhohe Morastwasser flüchtet, dreht sich immer wieder um. Allerdings wohl weniger, um zu schauen, ob das Sumpfmonster schon nähergekommen ist. Stattdessen muss die Schauspielerin darauf achten, dass sie nicht zu schnell läuft, damit der Typ im Gummikostüm noch hinterherkommt. „Full Phil“ von Quentin Dupieux beginnt als Schwarz-Weiß-Parodie auf 50er-Jahre-Monsterfilme wie „Der Schrecken vom Amazonas“. Aber das B-Movie ist nur ein Film im Film, den sich Madeleine (Kristen Stewart) auf einem tragbaren DVD-Player (oldschool!) in ihrer Pariser Suite ansieht – und zu dem sie in der kommenden Stunde immer wieder zurückkehrt. Ihr entfremdeter Vater Philip Doom (Woody Harrelson), ein reicher Geschäftsmann, hat den Trip gebucht, um wieder eine Verbindung zu seiner Tochter aufzubauen.

Bislang läuft das allerdings noch nicht so gut. Obwohl in ihrem Teil der Suite ein eigenes Bad ist, hat sie die Toilette ihres Vaters benutzt – und die ist jetzt verstopft. Natürlich könnte man einfach den Zimmerservice rufen, aber das ist Philip zu peinlich. Es folgt ein harmloser Streit, doch ein paar laute Worte und ein geworfenes Tablett rufen das Hotelpersonal auf den Plan. Die Etagenkellnerin Lucie (Charlotte Le Bon) weigert sich, das Zimmer zu verlassen – sie habe ein ungutes Gefühl und würde lieber auf Nummer sicher gehen. Jegliche Beschwerden über die Situation verpuffen: Lucie habe im letzten Monat einen Pädophilen dingfest gemacht, weshalb die Belegschaft ihrem Instinkt seither blind vertraue. Philip windet sich unter der ständigen Beobachtung und Madeleine stopft schiere Essensmassen in sich hinein. Doch während seine Tochter einfach nicht satt zu werden scheint, kriegt Philip schon bald seine Hose nicht mehr zu – und draußen auf den Straßen toben bürgerkriegsähnliche Massenproteste …

Woody Harrelson streitet, Kristen Stewart frisst – und das Publikum hat die beste Zeit! Copyright 2026 - CHI-FOU-MI PRODUCTIONS - ARTEMIS PRODUCTIONS - SAMSA FILM
Woody Harrelson streitet, Kristen Stewart frisst – und das Publikum hat die beste Zeit!

Philip war sicher nicht der beste Papa, aber das hat er nicht verdient. Woody Harrelson („Triangle Of Sadness“) spielt den gut meinenden, aber kommunikativ überforderten Vater vollkommen uneitel als wohl ärmstes Würstchen der Welt. Man möchte ihn fast in den Arm nehmen und mit Haferschleim füttern – stünde er nicht ohnehin schon kurz vor dem Platzen. Apropos Würstchen: Auch zwei doppelte Hotdogs zieht sich Kristen Stewart („Love Lies Bleeding“) in den wie im Fluge vergehenden 78 Minuten rein. Dazu kommen Berge von Tarts, Pommes, Kuchen und eine sehr stattliche Lammkeule – alles ohne Besteck, nur mit den Fingern, selbst der Kartoffelbrei.

Wie hoch auch immer ihre Gage für „Full Phil“ gewesen sein mag (und wahrscheinlich macht sie für solche besonderen Projekte eh einen Sonderpreis): Hätte sie die Szenen stattdessen als Mukbang-Video auf OnlyFans hochgeladen, hätte sie dort sicherlich alle bestehenden Einnahmenrekorde pulverisiert. Dem Monster-Horror-Anteil mit dem Komiker-Duo Tim Heidecker und Eric Wareheim („Tim And Eric’s Billion Dollar Movie“) geht zwar spätestens dann ein wenig die Luft aus, wenn die Parodie vom „Der Schrecken vom Amazonas“ auf „Frankenstein“ umschwenkt. Aber das gnadenlos-absurde Hotelzimmertreiben, das den klar überwiegenden Teil von „Full Phil“ ausmacht, ist nicht nur auf eine schmerzliche Weise saukomisch, sondern auf eine völlig verquere Art auch überraschend berührend.

Geniestreiche wie am Fließband

Der einst unter dem Künstlernamen Mr. Oizo weltberühmte Elektromusiker Quentin Dupieux haut mittlerweile bis zu drei Filme pro Jahr raus – und fast jeder davon hat ein derartig einzigartiges Konzept, wie es die meisten Filmemacher*innen wohl nicht ein einziges Mal in ihrer Karriere hinbekommen. Das reicht von telepathisch mordenden Autoreifen („Rubber“) bis zu Riesenfliegen im Kofferraum („Eine Fliege kommt selten allein“). Aber „Full Phil“ fällt eher in die Kategorie seines Films „Unglaublich, aber wahr“, in dem ein lange verheiratetes Paar im Keller ein Loch entdeckt, das einen zwölf Stunden in die Zukunft katapultiert, aber zugleich drei Tage jünger macht – eine fantastische Versuchsanordnung, bei der absurde Komik auf bittere Tragik trifft.

Fazit: Man kann weiterhin nur staunen, mit welchem Tempo „Rubber“-Mastermind Quentin Dupieux eine abgefahren-geniale Idee nach der anderen auf die Leinwand bringt – und in Kristen Stewart und Woody Harrelson hat er zwei Kompliz*innen gefunden, denen man anmerkt, dass sie so RICHTIG, RICHTIG BOCK auf das Projekt hatten. Wenn man gemein wäre, könnte man anmerken, dass „Full Phil“ ja eigentlich nur ein auf Spielfilmlänge aufgeblasener berühmter Sketch von Monty Python ist – aber das wäre viel zu kurz gegriffen. Dafür steckt zwischen dem grandios unterhaltsamen Wahnsinn doch zu viel herzerwärmende Weisheit.

Wir haben „Full Phil“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er als Mitternachtsfilm seine Weltpremiere gefeiert hat.

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