Wolfram
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Wolfram

Ein traumwandlerischer Western

Von Michael Meyns

Seit er für seinen ersten Film „Samson & Delilah“ auf dem Filmfestival in Cannes mit der Caméra d’Or für das Beste Debüt ausgezeichnet wurde, gilt der Australier Warwick Thornton als die Stimme der Aborigines. Bis dahin waren die Ureinwohner*innen des Kontinents meist nur Subjekt in Filmen von weißen Regisseur*innen, Thornton erzählt hingegen auf Augenhöhe, zumal er auch für die stets eindringliche Kameraarbeit seiner Filme selbst verantwortlich zeichnet. So auch bei „Wolfram“, einer losen Fortsetzung seines großen Erfolgs „Sweet Country“. Es handelt sich dabei weniger um eine direkte Weiterführung, sondern eher um eine weitere Geschichte in derselben Welt. Es geht also wieder in die 1930er Jahre im Northern Territory Australiens, wo Aborigines in sklavenähnlichen Verhältnissen leben und im Bergbau schuften müssen. Eine harsche Welt, die Thornton diesmal jedoch nicht ganz so düster wie beim Vorgänger inszeniert. Stattdessen schlägt der Film trotz der vielen Toten einen erstaunlich optimistischen Ton an.

Anfang der 1930er Jahre im Northern Territory, der an Bodenschätzen reichen Region im Norden Australiens. Die Aborigine-Geschwister Kid und Max verdingen sich in einem Bergwerk und müssen in die engen Tunnel kriechen, um an das wertvolle Mineral Wolfram zu kommen, mit dem die weißen Siedler viel Geld verdienen. Das wollen auch die beiden Outlaws Casey (Erroll Shand) und Frank (Joe Bird), die ihrem Verwandten Mick (Thomas M. Wright) ihre Anwesenheit aufnötigen. Mick lebt in einer einsamen Hütte zusammen mit seinem inzwischen 18-jährigen Sohn Philomac (Pedrea Jackson), der wichtigsten Verbindung zum Vorgängerfilm „Sweet Country“. Bald führt das Schicksal Kid, Max und Philomac zusammen, die sich in einer von weißen Rassisten beherrschten Welt durchschlagen müssen. Gleichzeitig sucht die Aborigine-Frau Pansy (Deborah Mailman) ihre Kinder, die ihr vor Jahren von ihrem prügelnden Ehemann weggenommen wurden …

Wie immer bei Warwick Thornton sind auch die grandiosen Aufnahmen in „Wolfram“ über jeden Zweifel erhaben. Bunya Productions
Wie immer bei Warwick Thornton sind auch die grandiosen Aufnahmen in „Wolfram“ über jeden Zweifel erhaben.

Traumzeit nennen die Aborigines ihren Blick auf die Welt, den Kosmos und all das, was sie umgibt. Für sie reichen sich Ereignisse nicht linear aneinander, stattdessen glauben sie an eine raum- und zeitlose Welt, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft quasi gleichzeitig existieren. Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, haben sich im Boden und dem Land eingeschrieben. Sie sind also auch heute noch spürbar, weswegen gerade dem Land an sich – ähnlich wie bei den Native Americans in Nordamerika – ein besonderer, spiritueller Wert zugeschrieben wird. Warwick Thornton, selbst dem Kaytetye-Volk zugehörig, variiert die Traumzeit in seinem Film. Er erzählt keine klare, lineare Geschichte, sondern entfaltet ein Geflecht an Figuren, das auf mysteriöse, fast magische Weise verbunden scheint und einer Art Traumlogik folgend zusammenfindet. L

Lange bleiben die Verhältnisse der Charaktere unklar, werden Verbindungen nur angedeutet, scheinen die Figuren nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich weit voneinander entfernt. Manchmal sehen wir Pansy vor Gesteinsformationen, an denen zuvor (oder danach?) auch andere Figuren vorbeigekommen sind. Offenbar sieht sie im Schlaf oder einer Vision, was sich hier zugetragen hat (oder noch zutragen wird). Und all das ist fast immer mit Gewalt verbunden, mit beiläufigen Morden der Weißen an den Aborigines, an den Black Fellows, wie es abfällig heißt. Dieses Grauen ist dem Land eingeschrieben, auch heute noch, weswegen es für die modernen Aborigines so wichtig ist, die Kontrolle über das Land ihrer Vorfahren zu besitzen. Ein Land, das – man ist versucht zu sagen unglücklicherweise – reich an Rohstoffen ist, unter anderem an Wolfram und Gold.

Kein typisches Sequel

Auch hier ähnelt die Geschichte dem, was im amerikanischen Westen geschah: Siedler*innen erschlossen das Land, das nur scheinbar unberührt war, beuteten die Rohstoffe aus, ohne Rücksicht auf Verluste. Diese dunkle Seite der australischen Geschichte war lange nicht im Kino präsent, doch das hat sich in den letzten Jahren glücklicherweise geändert. Trotzdem ist „Wolfram“ nicht nur eine Variation, sondern in gewisser Weise sogar ein Gegenstück zum Vorgänger „Sweet Country“.

Der war nämlich trotz des Titels alles andere als süß, sondern geradezu schonungslos brutal. Auch das Ende war dementsprechend düster. Fast schon lieblich wirkt dagegen „Wolfram“, der seine Brutalität meist außerhalb des Bildes stattfinden lässt und der trotz des offensichtlichen Elends, in dem die Figuren leben, auch viel Hoffnung durchscheinen lässt. Nicht alle Weißen sind beinharte Rassisten, etliche verhalten sich ihnen gegenüber menschlich. Vor allem aber gibt es eine dritte Gruppe: chinesische Migranten. Einerseits selbst Außenseiter, andererseits auch nicht rechtlos wie die Ureinwohner*innen, finden die Aborigines bei ihnen unerwartete Fürsorge. Am Ende führt Thornton seine Geschichte in der gleißenden Sonne der australischen Steppe zu einem erstaunlich versöhnlichen Schluss, der angesichts der historischen Realität vielleicht etwas süßlich wirkt, aber warum nicht: Auch in Australien ändern sich die Dinge, wird der Blick auf die Vergangenheit differenzierter, bekommen bislang oft unterdrückte Stimmen Raum. Ein wenig Hoffnung darf man da gewiss verbreiten.

Fazit: In seinem Outback-Western „Wolfram“ variiert der Aborigine-Filmemacher Warwick Thornton Themen und Motive seines Erfolgsfilms „Sweet Country“. Er zeigt eine von der sklavereiartiger Ausbeutung geprägte Welt, die er erneut atemberaubend in Szene setzt – diesmal allerdings mit einem überraschenden Maß an Optimismus.

Wir haben „Wolfram“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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