The Holy Boy
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
The Holy Boy

Die italienische Antwort auf "Midsommar" & Co.

Von Pavao Vlajcic

Italien war Ende der 1950er bis in die 1980er hinein eines der zentralen Produktionsländer für Horrorfilme. In den 1960ern hat es den Markt zusammen mit Großbritannien sogar noch vor den USA dominiert. Natürlich Mario Bava („Blutige Seide“), Dario Argento („Suspiria“), Lucio Fulci („Ein Zombie hing am Glockenseil“), aber auch Namen wie Riccardo Freda („Der Vampir von Notre Dame“), Antonio Margheriti („Asphaltkannibalen“) oder Pupi Avati („Das Haus der lachenden Fenster“) sind Horrorfans seit jeher ein Begriff, haben sich aber spätestens seit dem Aufkommen des DVD-Booms Ende der Neunziger auch bei „ernsthaften“ Kinoliebhaber*innen einen immer größer werdenden Kreis an Fans erobert.

Durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren brach der weltweite Markt für italienisches Kino und speziell Spaghetti-Horror, so ein Spitzname für diese Art des Kinos, nach und nach weg, bis dieses Ende der 1980er nur noch ein Schatten seiner selbst war. Von der einst stolzen Horrortradition merkt man im zeitgenössischen italienischen Kino kaum noch etwas, im Genrebereich wird Italien von Ländern mit einer weit weniger illustren Genre-Tradition wie Frankreich inzwischen quantitativ und qualitativ locker überholt.

Es ist an der Zeit, endlich aufzuwachen

Und doch gibt es immer wieder Versuche, den Dornröschenschlaf des italienischen Genrefilms zu durchbrechen. Da wäre zum Beispiel Gabriele Mainetti („Kung Fu In Rom“), dem mit ungewöhnlichen Konzepten immer wieder ein überraschender Genre-Mix gelingt. Speziell im Horrorbereich kommt dann unter anderen noch Paolo Strippoli hinzu: Dieser machte zunächst mit „A Classic Horror Story“ von sich reden, der ziemlichen Anklang bei Netflix fand. Anschließend lief sein „Piove“ auf vielen Genrefestivals. Und nun also „The Holy Boy“, mit der Premiere in der Mitternachtsschiene des Filmfestes von Venedig zum ersten Mal im Programm eines A-Festivals.

Darin schlägt der chronisch missgelaunte Vertretungslehrer Sergio Rossetti (Michele Riondino) in dem idyllischen kleinen Bergdorf Remis auf. Er soll die Kids im Judo unterrichten und hat, wie sich für einen modernen Horrorfilm gehört, an einem persönlichen Trauma zu knabbern. Seine offensiv zur Schau getragene Miesepetrigkeit kommt im Tal des Lächelns (so der italienische Originaltitel „La Valle Dei Sorrisi“) allerdings nicht gut an.

Abhilfe soll eine Umarmung von Matteo (Giulio Feltri) schaffen – denn eine Berührung des Teenagers, dem titelgebenden „heiligen Jungen“, gilt im Dorf als ultimatives Rezept, um seelische Wunden aller Art zu heilen. Auch bei Sergio scheint wirkt das Ritual. Zeitgleich häufen sich im Dorf seltsame Vorfälle und Sergio vermutet, dass hinter der Fassade des friedvollen Lächelns wahr Abgründe lauern…

Nach einem traumatischen Erlebnis will der Ex-Judochampion Sergio Rossetti (Michele Riondino) in dem Bergdorf vor allem seine Ruhe – aber Trauern ist im Tal des Lächelns besonders ungern gesehen… Fandango / Nightswim / SPOK Films
Nach einem traumatischen Erlebnis will der Ex-Judochampion Sergio Rossetti (Michele Riondino) in dem Bergdorf vor allem seine Ruhe – aber Trauern ist im Tal des Lächelns besonders ungern gesehen…

Es ist einigermaßen faszinierend, dass in Zeiten, in denen sowohl erfahrene Regiegrößen als auch aufstrebende, junge Talente die Schatztruhe des italienischen Horrorfilms entdecken und mal mehr und mal weniger geschickt plündern, diese von den einheimischen Regisseuren weitgehend links liegen gelassen wird. „The Holy Boy“ orientiert sich mit seinen mit breitem Pinsel ausgemalten Metaphern und allzu ausbuchstabierten Traumata eindeutig am elevated horror US-amerikanischen Zuschnitts (von „Hereditary“ bis „Weapons“). Die Farbgebung ist ebenfalls weniger spielerisch barock wie bei den italienischen Klassikern und eher betont trübe und grau. Die selbstbewusste Spielzeit von 122 Minuten fügt sich nahtlos in den Trend ein. Das alles lässt den Film zunächst sehr wie eine Nachahmung erscheinen.

Dennoch macht er durchaus Spaß. Das schauspielerische Ensemble, vor allem Michele Riondino („Die Löwen von Sizilien“) in der Hauptrolle, ist gut aufgelegt. Die düstere Atmosphäre einer durch religiösen Wahn zusammengehaltenen Gemeinschaft, die bisweilen an den Klassiker „The Wicker Man“ erinnert, wird unheilschwanger und bedrohlich eingefangen. Und Strippoli serviert gut getimte Schocks und hält das Publikum durchaus temporeich bei Laune. Gegen Ende gelingen ihm dabei einige eindrückliche, albtraumhafte Bilder. Einige der Zuschauer*innen im Kino in Venedig waren sichtlich verstört.

Das Drehbuch hätte noch einmal überarbeitet und gestrafft gehört

Dramaturgisch kommt der Film allerdings nie richtig zusammen, viele Aspekte werden angerissen und kaum ausgeführt bzw. fallengelassen, so zum Beispiel ein durchaus berührender Subplot um unerwiderte gleichgeschlechtliche Liebe. Man gewinnt dazu immer wieder den Eindruck, dass Strappoli nicht so richtig weiß, was er erzählen will. Letztlich pendelt sich der Film allzu unentschlossen zwischen dramatischem Prätentionshorror und Religionsschocker ein. Dennoch dürfen interessierte Genrefans einen Blick riskieren.

Fazit: Paolo Strippoli hat seinen Handwerkzeugkasten seit dem überraschenden Streaming-Hit „A Classic Horror Story“ sichtlich erweitert und bringt die 122 Minuten spielerisch und ohne Leerlauf über die Bühne. Bleibt nur zu hoffen, dass er seine Handschrift weiterentwickeln und einen eigenständigeren, zwingenderen Entwurf des zeitgenössischen italienischen Horrorfilms kreieren kann. Zu wünschen wäre es ihm.

Wir haben „The Holy Boy“ beim Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Mitternachts-Screening seine Weltpremiere gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren