So muss (junges) deutsches Kino sein!
Von Björn SchneiderFilme über psychische Störungen und mit seelisch erkrankten Figuren erfordern auf Seiten der Macher stets ein besonderes Feingefühl – insbesondere bei Komödien. Dürfen seelische Probleme und Themen wie Suizid sowie essenzielle Lebenskrisen inhaltliche Bestandteile von Komödien sein? Darf man über psychisch Kranke lachen? Die Antworten auf diese Fragen lauten ganz klar: Ja, solange man die Handelnden nicht der Lächerlichkeit preisgibt und man bei allem Witz auch die komplexen Hintergrundgeschichten der Betroffenen mit dem nötigen Ernst beleuchtet. Immerhin macht – kluger – Humor vieles leichter im Leben, und dies lässt sich gleichsam und gerade auf die Bewältigung von psychischen Krankheiten übertragen. Getreu dem Motto: der Depressivität und den Triggern frech ins Gesicht lachen! Schließlich stärken Humor und Lachen die seelische Gesundheit und können die aus dem Lot geratenen inneren Befindlichkeiten wieder ins Gleichgewicht bringen. Und wenn es nur kurzzeitig ist...
Auf der Suche nach mentaler Stabilität sind auch Katharina (Lea Drinda), Ricky (Safinaz Sattar), Victoria (Sonja Weißer) und Malou (Zoe Stein). Sie sind die vier in einer betreuten Wohngruppe lebenden Hauptfiguren des beachtlichen Regie-Erstlings „Danke für nichts“ der Berlinerin Stella Marie Markert. Der Produzentin und Filmemacherin gelingt mit ihrem unbekümmerten Mix aus Coming-of-Age, Großstadtballade und Tragikomödie (mit dem Schwerpunkt auf Komödie) eines der besten Debüts in diesem Jahr! Ein angenehm beiläufig inszenierter Film, der durch eine unverkrampfte Erzählweise und ganz, ganz viel Zuneigung für seine Figuren überzeugt.
Four Guys Film
Katharina, Ricky, Victoria und Malou sind Vertreterinnen der Gen Z und leben gemeinsam in einer betreuten Wohngruppe im Berliner Prenzlberg. Dort haben sie ihr eigenes, anarchisches System abseits der Erwachsenenwelt geschaffen. Ein Gegenentwurf zu allem, was sie ablehnen: Eltern, Schule, gesellschaftliche Normen, Regeln aller Art. Mit ihrem Sozialarbeiter Ballack (Jan Bülow) als halbherzigem Aufpasser kommen sie eigentlich ganz gut durch den Alltag. Doch die selbst gewählte Ordnung gerät allmählich ins Wanken, als die individuellen Probleme und Bedürfnisse der vier zunehmend miteinander kollidieren und unvereinbar scheinen.
Die Protagonistinnen, die Teil dieses sozialen Wohnprojekts für Jugendliche sind, wachsen einem schnell ans Herz. Da ist Malou, die mit fünf Jahren das Sprechen eingestellt hat. Dass sie eigentlich hochbegabt ist, hat bis heute keiner so wirklich mitbekommen. Die emotional instabile, dauermelancholische Katharina wollte eigentlich nie erwachsen werden und bis zum 18. Geburtstag erfolgreich Suizid begehen. Für sie ist der Tod, wie es an einer Stelle süffisant heißt, der anzustrebende „Zustand absoluter Vollkommenheit“. Nun wird sie in zwei Wochen volljährig – und ihr „Lebensziel“ droht zu scheitern. Die queere, unangepasste Ricky wiederum lebt seit ihrem 13. Lebensjahr ohne Eltern in Deutschland und muss die Nachricht verdauen, dass ihr Aufenthaltsstatus gefährdet ist. Und dann wäre da noch die bipolare, exzentrische Victoria, ein Paradebeispiel für Wohlstandsverwahrlosung und immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Bestätigung – meist in Form flüchtiger Affären und oberflächlicher Flirts.
Trotz der Schwere der Themen – und obwohl Katharina, Ricky, Victoria und Malou ihr Leben bisweilen als arg trost- und richtungsloses Umherdriften wahrnehmen – bietet „Danke für nichts“ ein angenehm leichtes, natürliches Seherlebnis. Das ist in erster Linie auf den fantastischen, authentisch aufspielenden Cast zurückzuführen. Gemeinsam (oder notfalls auch alleine) versuchen die vier Jugendlichen, sich irgendwie durchs Leben schlagen und durch diese Welt zu kommen. Eine Welt, die sie, das wird während der zahlreichen Besuche bei den Ämtern mehr als einmal deutlich, längst abgeschrieben hat. Dass man den vier Jungdarstellerinnen so gerne zuschaut, liegt an der Feinfühligkeit und Furchtlosigkeit, mit der sie in ihre Rolle schlüpfen.
Ihnen gegenüber stehen gestandene, seit vielen Jahrzehnten aus Film und TV bekannte Darsteller*innen. Dazu zählen Sophie Rois („Die Schule der magischen Tiere“) als wenig empathische und herrlich zynische Psychotherapeutin und Kathrin Angerer („Gundermann“) als unfreundliche, voreingenommene Behörden-Vertreterin. Aber es ist am Ende Jan Bülow („Lindenberg! Mach dein Ding“) in der Rolle des Betreuers Ballack, der den Vogel abschießt! Er wirkt notorisch unmotiviert und desinteressiert, bringt auch schon mal deftige Sprüche unterhalb der Gürtellinie. Nach außen macht er, stets mit Fluppe in der Hand und schmieriger Frisur, auf dicke Hose. In Wahrheit aber ist er selbst ein gebrandmarktes Kind mit eigenen Traumata – und setzt sich, wenn es drauf ankommt, bedingungslos für die vier Mädchen ein.
Four Guys Film
Mit Charme und entwaffnendem Witz erzählt Markert in ihrem in verschiedenen Kapiteln aufgeteiltem Film unter anderem von bürokratischen Hürden und vorurteilsbehafteten, notorisch pessimistischen Beamten („Rickys Integration ist gescheitert“). Hinzu kommen der alltägliche Frust und all die Grabenkämpfe, denen sich Katharina, Ricky, Victoria und Malou in ihrer Anarcho-WG stellen müssen. Mit souveräner Eleganz schlägt die Story dabei wunderbare Haken – erwartbar ist hier nichts.
Markert taucht zudem tief ein ins Leben im Kiez. Wir begleiten die vier „Anti-Heldinnen“ in ihrem Alltag aus Verpflichtungen, Behördengängen, Therapiestunden und Abhängen. Hauspartys und ausgedehnte Shopping-Touren durch alternative Second-Hand-Läden in Prenzlauer Berg verschaffen die nötige Ablenkung. Beachtlich für ein Debüt: Mit traumwandlerischer Sicherheit meistert die Regisseurin jederzeit den Spagat zwischen humorvoll-überdrehten Hirngespinsten, kreativen Einfällen (etwa das Durchbrechen der vierten Wand oder der schwarzhumorige Off-Kommentar) und emotionaler, würdevoller Betrachtung der Lebensrealitäten der vier Hauptpersonen.
Und zum Schluss noch ein Wort zur Musik. Der Verfasser dieser Besprechung hat schon lange keinen (deutschen) Film mehr gesehen, dessen Soundtrack und Songauswahl so zielsicher und ausgelassen erscheinen. So überträgt „Danke für nichts“ zum Beispiel bei den Rückblenden in die Kindheit und frühen Jugendjahre der Hauptfiguren die jeweiligen charakterlichen Besonderheiten wunderbar treffend auf die Tonspur. Während bei Madonna-Fan Ricky Synthie-poppige, verspielte 80s-Songs ertönen, vernehmen wir bei Katharinas Szenen eher minimalistische, von Schwermut durchzogene Elektro-Sounds.
Zwischendurch hören wir den punkigen Elektropop der Berliner Stereo Total und den schwergängigen, aber stimmungsvollen Blues-Rock von Freigeist Lou Reed. Und dass in der Liebe und im gegenseitigen Respekt füreinander ohnehin die Lösung für so ziemlich alles liegt, wusste bereits Deutschpop-Legende und Songpoet Rio Reiser. Zu den Klängen seines wohl stärksten Songs (nicht „Junimond“!) kulminieren die Emotionen und Konflikte am Ende in einem ebenso ergreifenden wie durch und durch hoffnungsfrohen Schlussakkord, der lange im Gedächtnis bleibt.
Fazit: Mit „Danke für nichts“ gelingt Stella Marie Markert ein erfrischender, beachtenswerter Regie-Einstand über vier unangepasste Jugendliche, die sich weigern, in eine aus Normen, Regeln und Engstirnigkeit bestehende Welt hineinzuwachsen. Diese von vorn bis hinten amüsante und unkonventionelle Erzählung zählt zu den stärksten Film-Debüts in diesem Jahr und betrachtet darüber hinaus das herausfordernde Thema der psychischen Erkrankung mit Respekt und Ernsthaftigkeit. So muss (junges) deutsches Kino sein!