Steven Spielberg sorgt – mal wieder! – für staunende Augen
Von Pascal ReisZumindest, dass es in Steven Spielbergs „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ in irgendeiner Form um Außerirdische gehen würde, stand von Anfang an fest. Schließlich wurde das Projekt schon früh als UFO-Film gehandelt. Was genau Spielberg jedoch vorhatte, blieb konsequent im Dunkeln. Eine auf maximale Geheimhaltung ausgelegte Marketingkampagne hielt sämtliche Details unter Verschluss – inklusive des Titels. Eine Mischung aus kryptischen Andeutungen und verheißungsvollen Slogans wie „Everything Will Be Revealed“ ließ die Gerüchteküche brodeln. Einige Fans waren sogar überzeugt, es könnte sich bei dem neuen Film um eine späte Fortsetzung des Science-Fiction-Klassikers „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ handeln.
Eine derart offensiv auf Mysterien setzende Werbung weckt naturgemäß nicht nur die Neugier, sondern treibt auch die Erwartungen schnell in astronomische Höhen – und genau darin könnte für viele Zuschauerinnen und Zuschauer die größte Stolperfalle liegen. Aber selbst wenn Steven Spielbergs Rückkehr zum klassischen Science-Fiction-Kino letztlich deutlich weniger rätselhaft ausfällt, als die Marketingmaschinerie lange suggerierte, erweist sich „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ am Ende als ein bemerkenswert stimmiges, mit denkwürdigen Momenten gespicktes Blockbuster-Resümee eines noch immer visionären Filmemachers.
Universal Pictures
Margaret Fairchild (Emily Blunt) arbeitet als Wettermoderatorin bei einem Fernsehsender in Kansas City, träumt jedoch von einer Karriere als ernstzunehmende Journalistin. Während einer Live-Sendung wird sie plötzlich von einem rätselhaften Phänomen heimgesucht, das sich keiner wissenschaftlichen Erklärung zu fügen scheint. Während die Behörden alles daran setzen, den Vorfall unter Verschluss zu halten, wächst in Margaret der Verdacht, dass weit mehr dahintersteckt, als offiziell zugegeben wird.
Zur selben Zeit versucht der Aktivist Dr. Daniel Kellner (Josh O'Connor), die Öffentlichkeit über die Wahrheit zu informieren. Der ehemalige Cybersicherheitsexperte saß einst wegen eines Hackerangriffs im Gefängnis und arbeitet inzwischen für die geheime Nichtregierungsorganisation WARDEX, die Informationen über UFOs und außerirdisches Leben sammelt und archiviert. Deren Leiter Noah Scanlon (Colin Firth) verfolgt jedoch ganz andere Ziele: Er möchte dieses Wissen unbedingt weiter vor der Welt verborgen halten …
Hätte sich nicht gerade der Titel des Films Letter für Letter über die gesamte Leinwand erstreckt, könnte man gleich zu Beginn glauben, im falschen Kinosaal gelandet zu sein. „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ schmeißt das Publikum nämlich mitten hinein in ein Wrestling-Match. Die Kamera nimmt dabei die Perspektive eines Kämpfers ein, der quer durch den Ring geprügelt wird. In den Zuschauerrängen sitzt derweil Daniel, der das brutale Spektakel inmitten einer frenetisch jubelnden Menge nahezu regungslos verfolgt.
Schon in diesen ersten Minuten zeigt sich die große Stärke von Steven Spielberg, Figuren nicht über Dialoge, sondern durch Bewegung und Bilder zu beschreiben. Dass Daniel dem Kampf lediglich beiwohnt, weil hier eine Übergabe stattfinden soll, wird schnell deutlich. Spielberg benötigt aber trotzdem nur wenige Einstellungen, um das Misstrauen, die permanente Anspannung und den unbeugsamen Aktivismus seiner Hauptfigur greifbar zu machen. Gleichzeitig gelingt ihm ein nahezu nahtloser Übergang in ein Fluchtszenario, das weite Teile von „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ prägt und sich über die Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden konsequent verdichtet.
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Hier offenbart sich bereits jene besondere Qualität, für die Steven Spielberg seit mehr als fünf Jahrzehnten steht: die Verbindung aus überwältigendem Schauwert und emotionaler Wahrhaftigkeit. Auch „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ liefert spektakulär inszeniertes Blockbuster-Kino. Besonders eine Sequenz, in der ein Güterzug ein Auto über die Schienen schleift, während auf dem benachbarten Gleis ein weiterer Zug heranrast, entwickelt eine Wucht, die regelrecht in den Kinositz drückt. Hier muss dann auch die behände Kameraarbeit – inklusive der immer wieder fantastisch eingesetzten One Shots – des zweifachen Oscargewinners Janusz Kaminski („Schindlers Liste“, „Der Soldat James Ryan“) besonders lobend hervorgehoben werden. Ein absoluter Genuss.
Gleichzeitig bleibt der Film fest bei seinen Figuren verankert und bezieht seine emotionale Kraft aus ihrer Menschlichkeit. Vor allem hier kommt die ohnehin immer fantastische Emily Blunt ins Spiel. Ihre TV-Meteorologin Margaret, die beruflich mit lustigen Wetter-Tänzchen zu kämpfen hat und eigentlich einer seriösen Karriere nacheifert, ist das Herz des Films. Wie der „Teufel trägt Prada“-Star die völlige Überforderung, die Ängste, aber auch ihr tiefes Verständnis darüber, für etwas Größeres berufen zu sein, porträtiert, bewegt in dieser verletzlich-nahbaren Offenheit ungemein.
Tatsächlich stellt sich „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ ganz in die Tradition jener von jedem Anflug von Zynismus befreiten Science-Fiction-Visionen, die bereits „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und „E.T. - Der Außerirdische“ ausgezeichnet haben. Ob zwischen diesen Filmen tatsächlich eine konkrete inhaltliche Verbindung besteht, soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden. Als zutiefst menschliche Erzählungen über Empathie, Verständnis und die Hoffnung auf Verständigung sind sie jedoch auf spiritueller Ebene unverkennbar miteinander verwandt.
Im selben Moment geht Spielberg hier noch einen Schritt weiter. „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ versteht sich nicht nur als Plädoyer für Mitgefühl, sondern auch als leidenschaftliches Bekenntnis zum Recht der Menschheit, grundlegende Wahrheiten über das Universum zu erfahren. Die Suche nach Erkenntnis wird dabei zu einem zutiefst humanistischen Anliegen: Institutionen und Organisationen, die Informationen zurückhalten, sind in den Augen des 79-jährigen Filmemachers finstere, fast schon terroristische Mächte, die Angst, Kontrolle und Abschottung propagieren.
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Auch wenn „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ über weite Strecken wie ein klassischer Spielberg-Blockbuster wirkt, der so oder so ähnlich auch schon in den 1990er-Jahren hätte entstehen können, ist er zugleich fest in der Gegenwart verankert. Mit seiner unverkennbar aktivistischen Haltung knüpft er unmittelbar an die geopolitischen Verwerfungen der Gegenwart an. Die Welt, die Spielberg zeichnet, steht spürbar am Rand des Abgrunds. Kriege, Desinformation und ein tiefgreifender Vertrauensverlust gegenüber Behörden bilden den Handlungshintergrund einer fragmentierten Weltordnung.
Bemerkenswert ist dabei, dass sich diese Themen weniger in expliziten Kommentaren niederschlagen, sondern vor allem in der Gestaltung des Films selbst ihren Ausdruck finden. Die permanente Unruhe, die unterschwellige Anspannung und das Gefühl einer aus den Fugen geratenen Welt spiegeln sich immer wieder in der Ästhetik von „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ wider. Die lebendigen 35-Millimeter-Aufnahmen besitzen eine auffallend kühle, raue und häufig von Regen durchzogene Anmutung. Das mag auf den ersten Blick ungewohnt trist erscheinen, folgt jedoch einer klaren stilistischen Idee: Die Bilder sollen nicht von einer Welt erzählen, die auf eine Offenbarung wartet, sondern von einer, die längst den Glauben daran verloren hat.
Gerade über das letzte Drittel soll kein Wort zu viel verloren werden, denn ich möchte sicher nicht dazu beitragen, dass die groß aufgebaute Mystery-Marketingkampagne am Ende völlig für die Katz war. Ein Eindruck aus der Berliner Pressevorstellung fängt die Wirkung des Finales ohnehin besser als jede Szenenbeschreibung ein: Im größten Saal vom Zoo Palast, der so voll war wie schon lange bei keiner Pressevorführung mehr, machte sich eine beinahe andächtige Stille breit, als Steven Spielberg die letzten Minuten seines Films einläutete. Was hier zu fühlen war, glich einer bewegenden Form des Nachhausekommens – als würde ein Regisseur nach Jahrzehnten noch ein letztes Mal zu jenem Staunen, jener Hoffnung und jener Menschlichkeit zurückfinden, die sein Werk seit jeher auszeichnen.
Das macht es leichter, über die sicherlich vorhandenen Schwächen von „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ hinwegzusehen. Gemeint sind nicht nur die bereits in den Trailern auffällig künstlich wirkenden computergenerierten Tier-Effekte. Gerade weil der Film ansonsten auf wunderbar atmende Analogaufnahmen setzt, wirken diese Momente wie ein Fremdkörper und nehmen der visuellen Kraft etwas von ihrer Tiefe.
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Hinzu kommt ein bisweilen überraschend ausgeprägter Hang zur religiösen Aufladung, wie man ihn eher aus dem Werk des Spielberg-Epigonen M. Night Shyamalan („Signs – Zeichen“) kennt. Zudem legt der Film eine Vorliebe für ausführliche Exposition an den Tag. Wiederholt verliert sich „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ in regelrechtem Infodumping, das dem Film unnötig die Luft aus den Segeln nimmt. Gerade das irritiert, weil Steven Spielberg über Jahrzehnte hinweg bewiesen hat, dass kaum jemand besser darin ist, Geschichten durch Bilder statt durch Worte zu erzählen.
Fazit: Mit „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ kehrt Steven Spielberg eindrucksvoll zum Science-Fiction-Genre zurück. Bisweilen überwältigend inszeniert, tief in den Gefühlswelten seiner Figuren verwurzelt und von einem unerschütterlichen Glauben an die Menschlichkeit getragen. Kein Meisterwerk, aber bewegendes, spektakuläres und ausdrücklich persönliches Blockbuster-Kino – dafür ist die größtmögliche Leinwand ein absolutes Muss.