Böse, böse, böse … aber richtig gut!
Von Gaby SikorskiAls Saoirse Ronan mit 23 Jahren für ihre Hauptrolle in Greta Gerwigs Regiedebüt „Ladybird“ gefeiert wurde, brachte sie schon fast 15 Jahre Kameraerfahrung mit. Bereits als Neunjährige spielte sie in einer irischen TV-Serie, vier Jahre später wurde sie als hinterhältige kleine Schwester in „Abbitte“ berühmt – zuletzt war sie u. a. in dem Suchtdrama „The Outrun“ der deutschen „Systemsprenger“-Regisseurin Nora Fingscheidt zu sehen.
Die irisch-amerikanische Schauspielerin wurde vielfach preisgekrönt (darunter mit einem Golden Globe und vier Oscarnominierungen), außerdem inszeniert und produziert sie inzwischen selbst. Und weil von ihr vermutlich sogar noch viel mehr zu erwarten ist, soll hier ein für alle Mal geklärt werden, wie ihr Name ausgesprochen wird, der übrigens „Freiheit“ bedeutet: „Sersche“, mit einem scharfen „S“ am Anfang, einem etwas längeren „E“ in der Mitte und einem kurzen „E“ am Ende (auf YouTube gibt’s sogar eine Anleitung von ihr selbst).
Jetzt spielt Saoirse Ronan die Hauptrolle in „Bad Apples“: die junge Lehrerin Maria, die in ihrer Arbeit aufgeht, aber mit einem ihrer Schüler große Schwierigkeiten hat. Das wird gleich zu Beginn deutlich, als sie mit ihrer 4. Klasse eine Saftfabrik besucht. Während ein freundlicher Mitarbeiter alles erklärt, wirft ein Kind einen Schuh aufs Förderband zu den Äpfeln und stört damit nicht nur den Schulausflug, sondern auch die Abläufe in der Fabrik. Danny (Eddie Waller) ist ein schwieriger, aber auch pfiffiger Junge, der ständig Unruhe stiftet und dabei immer aggressiver wird. Sein alleinerziehender Vater Josh (Robert Emms) schuftet Tag und Nacht als Paketbote und ist mit seinem Sohn überfordert. Inzwischen terrorisiert Danny die ganze Klasse und die strebsame Pauline (Nia Brown) stößt er sogar über das Treppengeländer.
Maria fühlt sich verantwortlich, weil sie einen Moment nicht aufgepasst hat. Eigentlich wissen alle Bescheid, aber niemand weiß Rat – weder die Direktorin noch der Vertrauenslehrer. Als Lehrerin müsse sie halt auch mit schwierigen Kindern zurechtkommen. Aber als Maria auf den herumstromernden Danny trifft, der seine Zerstörungswut an parkenden Autos austobt, ist das das erste Glied in einer Kette von unvorhersehbaren Ereignissen, die für beide fatale Folgen haben – und am Ende sitzt Danny angekettet in Marias Keller. Das ist aber wiederum nur der Beginn einer ebenso abstrusen wie folgerichtig konstruierten Geschichte über eine Lehrerin, die das Richtige tun möchte, dabei aber alles immer schlimmer macht – und über ein Kind, das keiner mag und keiner will …
Sony Pictures Germany
Die zu Beginn fotogen auf einer Plantage hängenden Äpfel fallen im Verlauf des Films von den Bäumen, locken Würmer an und verfaulen. Trotzdem ist der Film mit seinem offenkundig symbolischen Titel tatsächlich eine Komödie, wenn auch eine sehr, sehr böse. Dazu kommen Thrillerelemente, denn „Bad Apples“ ist auch richtig spannend – mit einem Schuss Gesellschaftssatire, die es in sich hat! Der Humor ist boshaft bis grimmig und vor allem tiefschwarz. Von Anfang an schwingt eine unterschwellige Bedrohung mit, erst leise flüsternd und dann – wie der Score – immer lauter wummernd: „Wenn das mal gut geht …“ Die Entwicklungen sind dabei kaum vorhersehbar, es gibt mindestens drei vollkommen unerwartete Wendungen – und irgendwann lautet die wichtigste Frage: „Kommt Maria aus dieser Sache wieder raus?“ Und wenn ja: „Wie soll das überhaupt noch gehen?“
Der schwedische Regisseur Jonatan Etzler hat nach einem Drehbuch der US-Autorin Jess O'Kane den Roman „De Oönskade“ verfilmt. Der Titel heißt übersetzt: „Die Unerwünschten“, in Deutschland publiziert wurde das Buch bislang nicht. Für den Film wurde die Handlung leicht angepasst, so ist Maria im Buch Direktorin und es gibt gleich eine ganze Gruppe aggressiver Kinder, nicht nur einen Jungen. Trotzdem bleibt der Charakter der Gesellschaftssatire deutlich sichtbar. Im Mittelpunkt steht eindeutig Maria als Person, die sich durch die Umstände und ihre eigenen Handlungen von der Idealistin zur Kriminellen entwickelt – und das sehr wohl auch weiß! Saoirse Ronan spielt Maria in einem furiosen Balanceakt zwischen Entschlossenheit, Angst und Erstaunen. Manchmal scheint es, als ob sie sich über sich selbst und ihre Taten wundert.
Ihr sanftes, blasses Renaissance-Gesicht, das zu Beginn verhärmt, viel zu jung und viel zu schmal wirkt, scheint mit der Zeit an Farbe zu gewinnen. Sie blüht auf, ebenso wie ihre Klasse, die von Dannys Abwesenheit in jeder Beziehung profitiert. Und irgendwie schafft es die grandiose Darstellerin wieder, dass man sie mag – trotz der zahlreichen, wenn auch meist unbeabsichtigten Fehler, die sie begeht. Und da ist auch Mitleid: mit ihr und mit ihrer Situation, in die sie sich selbst gebracht hat – und irgendwann auch mit Danny. Wenn Jonatan Etzler dann in einem atemstockenden (und dabei sehr komischen) Vor-Finale einen dritten Übeltäter präsentiert, verblassen Marias und Dannys Taten sogar gegenüber der Konsequenz des alltäglichen Bösen.
Danny ist sicherlich ein „Systemsprenger“ – für seine Situation und für seine Zukunft gibt es keine einfachen Lösungen, und vielleicht gibt es sogar überhaupt keine. Mit seinen zehn Jahren steht Danny schon außerhalb der Gesellschaft – und die Chancen, dass er jemals wieder Einlass findet, sind äußerst gering. Wenn eine idealistische Lehrerin wie Maria es trotzdem immer wieder von Neuem mit ihm versucht, dann tut sie das, weil niemand verloren gehen sollte auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Aber im Fall von Danny könnte sie irren, und möglicherweise sind Kinder auch gar nicht so gut, wie sie es gerne hätte. Denn Danny ist nicht einfach nur ein Lausebengel, der mit ein bisschen mehr Liebe, Zuwendung und Freundlichkeit auf den rechten Weg findet. Nein, dieser Junge ist wirklich gefährlich. Eddie Waller spielt ihn als schlaues, impulsives Kind, das hinterhältig und vollkommen unberechenbar ist. Was wird er sich wohl als Nächstes ausdenken?
Sony Pictures Germany
Dabei geht es zwar nicht vorrangig um die Abrechnung mit einem mangelhaften und veralteten Bildungssystem, sondern um individuelle Probleme, dennoch bewahrt sich der Film einen kritischen Blick für soziale Umstände und Verwerfungen. Eher beiläufig werden dabei die familiären Verhältnisse der Kinder gezeigt. Von Beginn an wirkt das alles bedrohlich, nur die leichte Musik deutet mit ihrem Gehüpfe an: „So schlimm wird es vielleicht gar nicht …“ Doch der Ton verschärft sich im Lauf der Handlung, von der hier so wenig wie möglich preisgegeben werden soll. Der Humor ist dabei so bitterböse, dass nicht nur einmal das Lachen im Hals stecken bleibt. Da bleibt nur die leise Hoffnung, dass sich zwischen Maria und Danny womöglich doch noch ganz vorsichtig eine Beziehung bildet. Doch Vorsicht, denn Jonatan Etzler treibt das Spiel mit den Erwartungen wirklich konsequent auf die Spitze …
Fazit: Ein extrem spannender, aufregender, nie vorhersehbarer Film über eine Lehrerin auf Abwegen, der zu kontroversen Diskussionen über Schule, Kindererziehung und aktuelle gesellschaftliche Umbrüche geradezu einlädt – gut so!