Braucht es eine Neuauflage des Klassikers?
Von Gaby SikorskiAls Benchmark für kommende Jane-Austen-Kinoverfilmungen gilt seit 1995 „Sinn und Sinnlichkeit“ von Ang Lee – nach einem oscarprämierten Drehbuch von Emma Thompson, die neben Kate Winslet, Hugh Grant und Alan Rickman auch eine der Hauptrollen gespielt hat. Erstaunlicherweise war das nach zwei TV-Fassungen des ikonischen Romans tatsächlich die erste Kinoversion – und sie wurde direkt zur Leinwandlegende: vielfach preisgekrönt mit einem Academy Award, mehreren British Film Awards, zwei Golden Globes und, nicht zu vergessen, dem Goldenen Bären der Berlinale 1996. FILMSTARTS vergab dafür sensationelle 4,5 Sterne. Und so muss sich jede neue Verfilmung des Stoffes an dem mittlerweile zum Klassiker gereiften opulenten, romantischen (und sehr unterhaltsamen) Kostümdrama messen lassen.
Wobei die große Frage lautet: Was ist anders und in welchen Belangen ist der neue „Sinn und Sinnlichkeit“ von „Blue Jean“-Regisseurin Georgia Oakley der Version von 1995 womöglich sogar überlegen? Die Geschichte handelt nach wie vor von drei Schwestern, die nach dem Tod ihres Vaters zusammen mit der Mutter ihr schönes Landhaus in Sussex verlassen müssen, um in ein schäbiges Cottage in der tiefsten Provinz zu ziehen. Der Grund: Frauen haben im England der Regency-Ära kein Erbrecht. Deshalb hat der Sohn aus der ersten Ehe des Verstorbenen alles geerbt. Dieser Sohn John (Tom Brooke) ist sowohl in der literarischen Vorlage als auch in beiden Filmen ein habgieriger, rückgratloser Mistkerl; seine Frau Fanny (Stacy Martin) ist ihm intellektuell überlegen: ein egozentrisches, hochgradig manipulatives Weibsstück. Mrs. Dashwood (Caitríona Balfe) und ihre Töchter bleiben mittellos und obdachlos zurück, sie sind auf Almosen von Verwandten angewiesen.
Universal Pictures
Der sicherste Weg für die Schwestern, um der Armut zu entkommen, ist zu dieser Zeit die Ehe mit einem möglichst wohlhabenden Mann. Es geht also eigentlich nicht um Liebe, es geht ums Heiraten. Die älteste Schwester Elinor (Daisy Edgar-Jones, „Der Gesang der Flusskrebse“) ist pragmatisch, sie begegnet allen Herausforderungen des Lebens mit Selbstbeherrschung und emotionaler Zurückhaltung. Doch Elinor verliebt sich, und zwar ausgerechnet in den liebenswert schüchternen Edward Ferrars (George MacKay), der schon anderweitig gebunden ist, obwohl er sich ebenfalls zu Elinor hingezogen fühlt. Elinor findet sich damit ab und versteckt ihren Liebeskummer hinter ihrer gewohnt beherrschten Fassade.
Ganz anders ihre Schwester Marianne (Esmé Creed-Miles, bekannt durch die Titelrolle in der Amazon-Serie „Hanna“): Sie ist impulsiv und schwärmerisch, dabei lehnt sie die Konventionen ihrer Zeit offen ab. So verknallt sie sich Hals über Kopf in den charmanten Willoughby (Frank Dillane), ein echter Hallodri, den sie dem langweiligen Colonel Brandon (Herbert Nordrum) vorzieht, der sich offenkundig um sie bemüht. Der Originaltitel lautet „Sense And Sensibility“, was nicht „Sinn und Sinnlichkeit“ bedeutet, sondern eher „Verstand und Gefühl“. Die beiden Protagonistinnen Elinor und Marianne repräsentieren genau das: Elinor den Verstand und Marianne das Gefühl. Die dritte Schwester Margaret (Bodhi Rae Breathnach, „Hamnet“) spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Sie ist erst 13 und damit zu jung für den Heiratsmarkt.
Verstand und Gefühl werden als widerstrebende Dimensionen menschlichen Handelns auch in der Neuverfilmung gegenübergestellt, aber nicht so offensiv wie bei Ang Lee. Der „Life Of Pi“-Regisseur spielte noch stärker mit den Gegensätzen – Elinor und Marianne, Sussex und Derbyshire, Landhaus und Cottage. Georgia Oakley hat sich für weniger Hollywood und mehr Realismus entschieden. Das beginnt schon bei der Farbgebung in sanften Erdtönen sowie den Kleidern der Mädchen, die mitunter schäbig aussehen. Die Natur ist hier ebenfalls keine bloße Dekoration, sondern sie wird in einer engen Beziehung zu den beiden Mädchen gezeigt. Zudem zeigt ein Blick auf die Besetzungsliste: Hier fehlen die ganz großen Stars, stattdessen setzt Georgia Oakley auf weniger bekannte Gesichter aus der britischen Filmszene. Insgesamt ist der Cast deutlich jünger als bei Ang Lee – seinerzeit spielte Emma Thompson mit Mitte 30 die neunzehnjährige Elinor, und Alan Rickman als Colonel Brandon ging schon stark auf die 50 zu. Aber der Cast leistet gute Arbeit: Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles sind jeweils für sich sehr präsent – und sie spielen fantastisch gut zusammen als liebenswerte Schwestern, die trotz aller Unterschiede harmonieren.
Auch die Männerwelt wird würdig vertreten: George MacKay sieht tatsächlich in einigen Nuancen Hugh Grant ähnlich – und er forciert diesen Eindruck noch durch ein charmantes Stirnrunzeln hier und ein schiefes Lächeln dort; ein liebenswerter, etwas gehemmter Kerl. Der norwegische Schauspieler Herbert Nordrum spielt den Colonel deutlich weniger autoritär als Alan Rickman, verfügt aber über eine ähnlich virile Ausstrahlung. Die Regisseurin und ihre Drehbuchautorin Diana Reid verzichten daneben aber (leider) auf eine so dynamische, humorvolle Leichtigkeit der Personenzeichnung wie bei Ang Lee, stattdessen setzen sie auf die authentische Darstellung der Frauenrollen, die wiederholt mit den gesellschaftlichen Gepflogenheiten der Regency-Ära kollidieren. Elinor und Marianne laufen häufig sehr unangepasst mit offenen langen Haaren herum, was ihnen einen schönen, wilden Look verleiht, aber nicht nur unpraktisch ist, sondern auch zumindest ungewöhnlich für damalige Verhältnisse.
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Hier sind die Schwestern auf Augenhöhe, wo bei Ang Lee die ältere dominiert. Elinors unterdrücktes Liebesleid wirkt diesmal weniger pflichtbewusst – man sieht ihr tatsächlich an, wie sie leidet. Die moderne, vielleicht auch zeitgemäße Inszenierung der Frauenfiguren mit ihren immer leicht rebellischen Ideen bei gleichzeitiger romantischer Sehnsucht nach tiefen Gefühlen und echter Hingabe, auch „Yearning“ genannt, entspricht dem Zeitgeist. Doch bei Ang Lee ist die Fallhöhe extremer: Die Ausbrüche der Frauen wirken bei ihm stärker und überraschender, weil sie das enge Korsett der gesellschaftlichen Zwänge sprengen, während sie bei Georgia Oakley schon von Anfang an zeigen dürfen, dass sie ihren eigenen Kopf haben und sich nicht so leicht fügen. Doch der größte Unterschied zwischen den Filmen, der letztlich für die schwächere Bewertung der Neuverfilmung verantwortlich ist, liegt im Gesamteindruck.
Wo Ang Lee mit britischem Humor und stilvollem Understatement ein in sich geschlossenes, wenn auch romantisch verklärtes Bild zeichnet – siehe die ungeheuer dekorativen Landschaftsaufnahmen und die opulenten Kostüme –, geht es bei Georgia Oakley deutlich weniger elegant und vornehm zu. Bei den Tänzen wird es sehr rustikal, man patscht sich an, die Herren heben die Damen sogar in die Luft, wobei sie fröhlich herumhopsen und dabei ungeniert ihre Knöchel und Waden zeigen. Das lässt sich leicht als Leidenschaft interpretieren, war aber seinerzeit absolut tabu. Und der Reiz einer solchen Veranstaltung lag für die unverheiratete Damenwelt eben gerade nicht darin, viel zu zeigen, sondern sich zurückzuhalten und mit ganz kleinen, diskreten Andeutungen dafür zu sorgen, dass die Herren scharf gemacht wurden. Dieses Prinzip scheint Georgia Oakley entweder abzulehnen oder gar nicht erst zu verstehen. Hier fehlt die Raffinesse. Und das gibt dem Film insgesamt eine etwas plumpe Offensichtlichkeit, die vielleicht zeitgemäß, aber nicht besonders romantisch ist.
Fazit: Georgia Oakleys Neuverfilmung kann mit dem ikonischen Film von Ang Lee nicht mithalten, bietet aber immerhin einen gewissen Naturalismus, der weniger von britischer Eleganz geprägt ist als vom unbedingten Willen, eine möglichst zeitgemäße Interpretation des Stoffs zu bieten.