Der Film, für den viele von euch schon letztes Jahr ins Kino gegangen sind (und dann etwas ganz anderes gesehen haben)
Von Christoph PetersenIm vergangenen Jahr hat es Mascha Schilinski mit ihrem zweiten Langfilm „In die Sonne schauen“ nicht nur in den Cannes-Wettbewerb geschafft, sondern dank des Festival-Hypes (samt Einreichung als deutscher Oscar-Kandidat) auch mehr als eine Viertelmillion Zuschauer*innen in die Kinos gelockt. Ein Wahnsinnsergebnis für einen derart herausfordernden Film, der experimentell und verstörend von all dem (weiblichen) Schmerz erzählt, der sich im Laufe von 100 Jahren in einem Vierseitenhof in der Altmark ansammelt. Der Protagonist ist dabei der Ort selbst – und das gleich über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Genau ein Jahr später feierte nun ein weiterer deutscher Film in Cannes seine Weltpremiere …
… und der stellt schon in seinem Untertitel klar, dass er offenbar Ähnliches im Sinn hat: „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ erzählt ebenfalls anhand eines einzigen Ortes von 100 Jahren deutscher Geschichte – diesmal allerdings nicht in der Altmark, sondern an einem Seegrundstück am Scharmützelsee. Trotzdem hat sich Goldene-Palme-Gewinner Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“) nicht etwa von seiner jungen Kollegin inspirieren lassen. Stattdessen basiert „Heimsuchung“ auf einem DER deutschen Romane der letzten 25 Jahre – und dieser erfährt 18 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung gerade auch noch aus einem ganz praktischen Grund einen gewaltigen Aufmerksamkeitsschub.
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts will ein Großbauer (Detlev Buck) das Grundstück am märkischen Meer eigentlich an seine Tochter Klara vererben. Aber als diese vor der Ehe schwanger wird, teilt er es in zwei Parzellen und verkauft sie. So errichtet ein Architekt (Lars Eidinger), der gern mit dem NS-Architekten Albert Speer zusammen ein neues Berlin entwerfen würde, 30 Jahre später für seine Verlobte (Susanne Wolff) erstmals ein Haus auf dem Grund. Zugleich geht das Nachbargrundstück an einen jüdischen Tuchfabrikanten (Ulrich Matthes), der es zwar vor allem als Geldanlage für seine Familie erworben hat, aber trotzdem zumindest ein kleines Badehaus für die Sommerausflüge bauen lässt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kann der Architekt zunächst auch unter sowjetischer Führung Karriere machen, fällt dann jedoch in Ungnade. In der DDR zieht schließlich eine erfolgreiche Schriftstellerin (Martina Gedeck) in das Haus, das später am liebsten ihre Enkelin Marija (Maria Matschke Engel), die Erzählerin und Alter Ego der „Heimsuchung“-Autorin Jenny Erpenbeck, übernehmen würde. Aber nach dem Fall der Berliner Mauer meldet sich plötzlich die Erbengemeinschaft der früheren Besitzerin …
Man müsste die vergangenen 20 Jahre literaturtechnisch schon hart gepennt haben, um den sagenhaften Aufstieg der Ost-Berliner Autorin Jenny Erpenbeck nicht mitbekommen zu haben. Gerade ihr Roman „Heimsuchung“ wurde selbst in den USA schwer abgefeiert – und später vom britischen Guardian sogar unter die 100 besten Bücher des 21. Jahrhunderts gewählt. Zudem gewann Erpenbeck erst 2024 den renommierten International Booker Prize – und das als erste deutsche Autorin überhaupt. Aber nicht nur deshalb erlebt „Heimsuchung“ gerade jetzt ein Revival auf den deutschen Theaterbühnen – und nun eben erstmals auch einen Auftritt auf der großen Leinwand.
Die Kultusministerien der Länder haben sich nämlich gemeinsam auf „Heimsuchung“ als Pflichtlektüre fürs Deutschabitur 2026, 2027 und 2028 festgelegt. Und weil der Roman trotz seiner trügerischen Kürze sprachlich ganz schön überfordernd sein kann, gerade wenn in einer der markantesten Passagen ewig lang über die geologischen Schichten des Grundstücks philosophiert wird, nutzen viele Schüler*innen die Chance, sich auch abseits der Buchseiten noch mal einen Überblick über die Handlung zu verschaffen: Ich selbst habe jedenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr so viele Teenies im Theater gesehen wie vor einigen Wochen bei einer „Heimsuchung“-Aufführung am Deutschen Theater.
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Zumindest in dieser Hinsicht wird „Heimsuchung“ den Anforderungen voll gerecht: Von der absätzelangen Bodenanalyse sind bei Lars Eidinger in der Verfilmung nur noch zwei, drei kurze Sätze übriggeblieben. Stattdessen wird besonders deutlich gezeigt, wenn Briefmarken mit den Konterfeien von Adolf Hitler oder Erich Honecker aufgeklebt werden. Ein altes „Mensch ärgere dich nicht“-Spielbrett und andere Zeitmarker werden ebenfalls möglichst prominent in Szene gerückt. Mit der Ausstattung, vor allem dem herrschaftlichen Haus, das zu Beginn erst einmal gebaut und am Ende auch wieder abgerissen wird, geht Schlöndorff alles andere als subtil um. Die zentralen Themen wird so garantiert niemand verpassen – und sei es nur wegen der (über-)deutlichen Filmmusik …
… oder den hineingeschnittenen Originalaufnahmen von Naziparaden, Bombenruinen und Mauerklopfern, die das Ein-Ort-Konzept nur unnötig aufweichen. Größere Abweichungen vom Roman sind trotzdem selten, aber an einigen Stellen doch auffällig genug, um daraus eine eigene Aufgabe für die Abiklausur zu basteln: Am markantesten ist dabei sicherlich die schon im Roman zentrale Szene, in der die Frau des Architekten von einem jungen Soldaten der Roten Armee vergewaltigt wird. In der Kinoadaption bekommt sie – auch dank des grandiosen Spiels von Susanne Wolff – noch mal eine ganz andere Note. Die psychologisch mit Abstand spannendste – und sicherlich gewagteste – Sequenz.
Wie „In die Sonne schauen“ ist auch „Heimsuchung“ in gewisser Weise eine Geistergeschichte. Schon in der ersten Szene, deren ausbleichende Schwarz-Weiß-Kameraarbeit historischen Fotografien nachempfunden ist, erinnern die vom See aufsteigenden Nebelschwaden fast schon an einen Vertreter des Gothic-Horror-Genres. Und die Figur des mysteriösen, offenbar nicht alternden Gärtners (Wigand Witting) tut ihr Übriges. Aber letztendlich ist „Heimsuchung“ wohl einfach der Film, den die meisten vermutlich schon letztes Jahr sehen wollten.
Denn seien wir ehrlich: „In die Sonne schauen“ wurde von der (internationalen) Filmkritik – mich eingeschlossen – so sehr gehypt, dass am Ende viele ins Kino gegangen sind, die einfach von der 100-Jahre-Idee angefixt waren, aber dann mit dem Film mal so gar nichts anfangen konnten. „In die Sonne schauen“ zählt zu den Top 3 Filmen, was die „Wie könnt ihr so was nur empfehlen?“-Mails an die FILMSTARTS-Redaktion betrifft – und zumindest die wird es beim sehr viel Arthouse-kompatibleren „Heimsuchung“ ganz sicher nicht geben!
Fazit: Volker Schlöndorff beschränkt sich weitestgehend darauf, den epischen Roman mit einer absoluten Starbesetzung sowie aufwändigen historischen Kostümen, Sets und Autos zu bebildern, während er die nicht immer leicht verdauliche Sprachgewalt der Vorlage auf ein weit weniger komplexes Niveau zurückfährt. Die in den kommenden drei Jahren mit dem Stoff zwangskonfrontierten Abiturient*innen werden es ihm sicherlich danken – und das ist jetzt gar nicht mal so gehässig gemeint, wie es im ersten Moment vielleicht klingen mag.
Wir haben „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere im offiziellen Programm gefeiert hat.