We Are The Fruits Of The Forest
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
We Are The Fruits Of The Forest

Der Totenwald ist voll

Von Jochen Werner

Der kambodschanische Dokumentar- und sehr gelegentliche Spielfilmregisseur Rithy Panh ist in internationalen Filmfestivalkreisen vor allem bekannt geworden als der wesentliche Chronist der Gräuel, die sein Land unter den Roten Khmer erdulden musste. In erschütternden, mal mehr, mal weniger experimentellen dokumentarischen Versuchsanordnungen wie „S 21, die Todesmaschine der Roten Khmer“ oder „The Missing Picture“ zog Panh eine schonungslose Bilanz der kommunistischen Schreckensherrschaft unter dem in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre regierenden Diktator Pol Pot.

Mit seinem neuen Dokumentarfilm „We Are The Fruits Of The Forest“ wendet sich Panh nun einem neuen Thema zu. Die indigene Bevölkerungsgruppe der Bunong lebt im Osten Kambodschas traditionell in und mit der Natur und den Wäldern – eine Lebensweise, die in der modernen Welt zunehmend unmöglich wird. Die Gesetze des Marktes, so erfahren wir vom Erzähler des Films, dem Bunong Pa Kreb, versteht man dort nicht. Mal solle man dieses anbauen, mal jenes: Cassava, Kaffee, Reis, Gummibäume. Und wenn dann alles erntereif sei, seien die Preise längst wieder in den Keller gegangen. Er baue an, was man ihm sagt, so Kreb, und dennoch könne er seine Schulden bei der Bank nicht begleichen.

Die Bunong sind eins mit der sie umgebenden Natur – doch in der modernen Welt sind sie dazu gezwungen, an der Zerstörung ihres eigenen Lebensraums mitzuwirken. ARTE France
Die Bunong sind eins mit der sie umgebenden Natur – doch in der modernen Welt sind sie dazu gezwungen, an der Zerstörung ihres eigenen Lebensraums mitzuwirken.

Rithy Panh begleitet seinen Erzähler und dessen Volk für eine Weile durch ihre Existenz, irgendwo zwischen uraltem Brauchtum und modernisierten Arbeitsweisen. Dazu zählt etwa das Abholzen riesiger Bäume im Regenwald, die nicht mehr in tagelanger, harter Arbeit von den Bunong-Männern gefällt werden müssen, sondern innerhalb von Minuten mit der Kettensäge zu Fall gebracht und direkt vor Ort zu Brettern und Planken verarbeitet werden. Dass der Wald, der ihnen heilig ist und der einst ihren Lebensraum ebenso markierte wie das Reich ihrer Mythologie, somit immer weiter schrumpft und stirbt, ist ihnen bewusst – eine Alternative zu dieser Zerstörungsarbeit haben sie nicht.

„We Are The Fruits Of The Forest“ ist ein pessimistischer Film. Pa Kreb erscheint als ausgesprochener Kritiker jeglicher Modernisierung, und das allmähliche Verschwinden der kulturellen Traditionen der Bunong schmerzt ihn zutiefst. Die Rituale und Arbeitsweisen seiner Vorfahren schwinden ebenso wie ihre spirituellen Vorstellungswelten – immer mehr Bunong treten sogar zum Christentum über und stellen Kreuze auf. Das ist überhaupt das Allerschlimmste – bei Festen kommt der Sound mittlerweile aus der Boombox statt von den traditionellen Gong-Instrumenten, und noch jeder vormoderne Aberglaube wird im Verlust seiner Wirkmacht angemessen betrauert.

Dokumentarfilmer Rithy Panh macht in „We Are The Fruits Of The Forest“ oft nichts anderes, als seinen Protagonisten bei der Verrrichtung ihrer Arbeit zuzuschauen. ARTE France
Dokumentarfilmer Rithy Panh macht in „We Are The Fruits Of The Forest“ oft nichts anderes, als seinen Protagonisten bei der Verrrichtung ihrer Arbeit zuzuschauen.

Im Kern ist aber die Geschichte, die Rithy Panh hier erzählt, vorrangig eine ökonomische. Einst, so erzählt es Pa Kreb im Off-Kommentar, war der Wald überall und gehörte niemandem. Die Bunong konnten ihre Felder anlegen, wo immer sie wollten, und verschiedene Wälder waren verschiedenen Zwecken gewidmet. Heute besitze jeder Land als Privatbesitz, Zäune stünden überall, und die Bunong seien gezwungen, das wenige Land, das ihnen zur Bewirtschaftung zur Verfügung stünde, über Gebühr zu bebauen und somit auszulaugen. Selbst der Totenwald sei voll, und er selbst werde sich nicht mehr dort begraben lassen können.

Nun sind das ja alles keine ganz neuen Themen, und der Untergang traditioneller Lebensweisen ist im internationalen (Dokumentar-)Kino durchaus bereits des Öfteren hinlänglich betrauert worden. Fesselnd bleibt „We Are The Fruits Of The Forest“ über weite Strecken trotzdem, wohl gerade weil er auch in seiner Inszenierung weitgehend klassisch bleibt. Den Bunong bei der Arbeit zuzuschauen, oder bei dem, was von ihren Bräuchen und Ritualen noch übrig geblieben ist, eröffnet ein Fenster in eine Welt, die im Verschwinden begriffen ist. Zwar spielt Rithy Panh durchaus mit Stilmitteln, die bereits aus den experimentelleren unter seinen früheren Werken bekannt sind. Die Splitscreens, mit denen er Archivaufnahmen von den historischen Bunong, gefilmt unter anderem vom französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss, in den Film integriert, können allerdings getrost als dekorativ eingeordnet werden und tragen nichts Wesentliches zum Dargestellten bei.

Ein Bild, das Rätsel aufgibt

Dann ist da aber noch dieses eine Bild, das schlaglichtartig immer wieder aufblitzt und das Gezeigte zerschneidet. Eine junge Frau schaut da in die Kamera, ihr Blick undeutbar. Was kommt darin zum Ausdruck – Trauer, Wut, Kampfgeist? Und was genau liegt in diesem Blick, das Rithy Panh derart in seinen Bann schlägt, dass er dieses bis zum Schluss rätselhafte Bild zum Strukturelement seines Films erwählt? Wie lässt es sich fassen, dieses geradezu Barthes’sche Punctum, das den Filmemacher augenscheinlich ergriffen und mitgerissen hat? Wir werden mit dieser Frage leben müssen, denn Panh selbst löst es nicht auf und lässt uns am Ende mit diesem einen enigmatischen, insistierenden Bild allein.

Fazit: Der kambodschanische Dokumentarfilmregisseur Rithy Panh lässt für seinen neuen Film die Schrecken der Roten Khmer, dessen bedeutendster Chronist er über viele Filme geworden ist, ruhen und wendet sich der indigenen Ethnie der Bunong zu, die im kambodschanischen Bergland zwischen Tradition und Moderne leben. In „We Are The Fruits Of The Forest“ erzählt er keinen neuen oder noch nie formulierten Konflikt, bietet aber durchaus fesselnde Einblicke in eine verschwindende Kultur.

Wir haben „We Are The Fruits Of The Forest“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Forum gezeigt wird.

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