Die weit weniger wirkungsvolle "The Substance"
Von Michael BendixAls die Medizinstudentin Hana (Midori Francis), Protagonistin aus Natalie Erika James‘ Abnehm-Horror „Saccharine“, durch ihren Social-Media-Feed scrollt, wird sie dort mit Videos regelrecht bombardiert, die ihr verschiedene Angebote in Bezug auf ihren eigenen Körper machen. Die Schule der Body Positivity legt ihr nahe, sich mit ihrem Äußeren nicht nur zu arrangieren, sondern es zu umarmen. Die Apologeten der Selbstoptimierung wiederum locken mit Diätplänen, Fitnesskursen und Abnehmpillen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Hana aber bereits für einen Weg entschieden: Sie will sich, wie sie später sagen wird, zum Besseren verändern.
„Es ist mein Körper“, ruft sie ihrer besorgten Freundin und Kommilitonin Josie (Danielle Macdonald) entgegen, und hat damit natürlich zweifellos recht. Inwieweit ihr Wunsch, ein paar Kilos weniger auf die Waage zu bringen, jedoch ausschließlich aus ihr selbst entspringt, oder ob es sich dabei nicht doch eher um ein Produkt internalisierter Idealvorstellungen handelt, ist die andere Frage. Ihr Körper mag ihr gehören, die Deutungshoheit darüber aber besitzen mittlerweile andere. Von den daraus entstehenden Unsicherheiten profitiert längst eine Milliardenindustrie.
Carver Films
Um endlich abzunehmen – und womöglich auch, um der heimlich angehimmelten Fitnesstrainerin Alanya (Madeleine Madden) näherzukommen –, meldet sich Hana als Versuchskaninchen in einem neuen Zwölf-Wochen-Trainingsprogramm an. Zeitgleich trifft sie in einer Bar auf ihre ehemalige Mitschülerin Melissa (Annie Shapero), die damals für ihr Übergewicht gemobbt wurde, inzwischen aber schlank und normattraktiv ist. Ihr früheres Ich sei tot, erklärt Melissa – dank eines Wundermittels namens „das Graue“, von dem sie Hana direkt ein paar Tabletten mit nach Hause gibt. Ihre Behauptung, dass man dank dieser Pillen deutlich an Gewicht verliere, ohne dabei auf seine Ernährung achten zu müssen, scheint sich schnell zu bewahrheiten.
Neugierig, wie das möglich ist, analysiert Hana im Unilabor die Zusammensetzung des Präparats – und macht eine erschreckende Entdeckung: „Das Graue“ besteht zum Teil aus menschlicher Asche. So fasst Hana einen radikalen Entschluss: Heimlich entwendet sie einzelne Knochen des Leichnams einer adipösen, von den Studierenden wenig geschmackvoll „Big Bertha“ getauften Frau, die ihre sterblichen Überreste als Körperspende zur Verfügung gestellt hat – und stellt fortan zu Hause ihre eigene Version des „Grauen“ her. Tatsächlich hat sie ihr Wunschgewicht von 60 Kilogramm bald schon unterschritten. Doch das ist nicht der einzige Effekt der fragwürdigen Kur: Hana wird im Schlaf von unkontrollierten Fressanfällen und im Wachzustand von unheimlichen Visionen heimgesucht.
An sich wäre es nicht weiter problematisch, dass Regisseurin und Drehbuchautorin Natalie Erika James („Relic“) es von vornherein versäumt, Hanas Entscheidung plausibel zu machen. Anders als der wegen grober inhaltlicher Parallelen oft etwas hilflos als Vergleich angeführte „The Substance“ erkennt „Saccharine“ das in seiner Prämisse schlummernde Potenzial zu Absurdität und Entgrenzung allerdings nicht. James erzählt ihre Geschichte um eine junge Frau, die spontan zu einer Art Kannibalin wird, um der Unzufriedenheit mit ihrem Körper entgegenzuwirken, mit manchmal geradezu lähmendem Ernst. Offenbar ist der Film ihr Versuch, an den grassierenden Elevated-Horror-Trend anzuknüpfen, während ihn der matte Look und der Mangel an inszenatorischem Profil im selben Moment als Direct-to-Streaming-Produktion entlarven.
Die Stilmittel wirken allzu vertraut – von verfremdenden Detailaufnahmen über unheilvolle Zeitlupen bis hin zum dräuenden Score, der sich teils aus Loops menschlicher Keuch- und Atemgeräusche zusammensetzt. Über den Modus des reinen Anteasens entwickelt sich „Saccharine“ aber kaum hinaus. James verschleppt nahezu jede Möglichkeit, ihr Szenario zuzuspitzen, und lässt die meisten Schreckmomente auf derselben Note enden. Zugleich ist der Film zwar überdeutlich um sein Thema herum konzipiert, tut sich aber trotzdem zwei lange Stunden schwer damit, einen Fokus zu finden.
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Immer wieder macht das Drehbuch neue, die Handlung weiter zerdehnende Nebenschauplätze auf, die wohl Aufschluss über Hanas psychische Konstitution geben sollen. So arbeitet „Saccharine“ beispielsweise umständlich auf eine Enthüllung über Hanas Verhältnis zu ihrem abwesenden Vater hin, die ihn kurz im Territorium von Darren Aronofskys Kammerspiel „The Whale“ landen lässt – einen Mehrwert bleibt er dabei jedoch schuldig. Auch nach zwei Dritteln ist er derweil noch damit beschäftigt, sein auf wackeligen Beinen stehendes Regelwerk zu erklären, anstatt die Grundidee an irgendeinen interessanten Punkt zu treiben.
Wie „Saccharine“ einen Großteil seiner Schockwirkung daraus bezieht, dass die Fettleibigkeit von „Bertha“ auf immer monströsere Weise ausgestellt wird, ist im Kontext seiner grundsätzlich körperpositiven Haltung nur bedingt schlüssig – auch wenn es natürlich nahe liegt, ihre Erscheinung als Zerrbild von Hanas Körperdysmorphie zu lesen. Und doch liegt in der wuchtigen Präsenz der Toten, die Hana nur in Spiegelungen wahrnimmt und deren durch Verwesung deformierte Gestalt etwa in der Biegung eines Löffelrückens grotesk verformt wird, zumindest theoretisch die Qualität dieses Body-Horrors. Man hätte ihr einen besseren Film gewünscht.
Fazit: Trotz hochaktuellen Parallelen zu Ozempic & Co. wenig zwingend inszenierter Body-Horrorfilm, der selbst nach viel zu langen zwei Stunden noch nicht so recht weiß, was er eigentlich erzählen will.
Wir haben „Saccharine“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Berlinale Special seine Europapremiere feiert.