Zeitreise im Luxushotel
Von Janick NoltingDie große österreichische Dokumentaristin Ruth Beckermann („Favoriten“) stellt ihrem neuen Film ein Zitat des Soziologen Pierre Bourdieu voran: „Von den Dingen anders zu berichten heißt, andere Dinge zu berichten.“ Die Verschiebung im Wie verändert das Was und umgekehrt. Aber was genau heißt das für die Form eines Dokumentarfilms? Wie lässt sich das „Andere“ überhaupt definieren? Was müsste man dafür ein-, was ausblenden? Welche Narrative gilt es zu zerlegen, um sie neu zu konstruieren – und welche Eingriffe geben sich dabei zu erkennen? „Wax & Gold“ sucht eine sehr offene und lose verbundene filmische Struktur, um sich diesen Fragen zu widmen. Beckermann hat sich dafür einen besonderen Schauplatz ausgesucht und sich im noblen Hilton Hotel in Addis Abeba einquartiert.
Ihre Begegnungen mit Gästen und Personal werden zum Ausgangspunkt einer zweijährigen Spurensuche und gedanklichen Zeitreise, die Beckermann zwischen 2022 und 2024 angestellt hat. Im Kern steht die Frage: Wie ist es um den Mythos des äthiopischen Kaisers Haile Selassie bestellt, der das Haus in den 1960er-Jahren eröffnet hat? Selassie, der Negus Negeste, König aller Könige, der große Reformator, der über 40 Jahre lang regierte, hat Ruth Beckermann schon in jungen Jahren beeindruckt, wie sie in Voice-Over-Texten im Film verrät. Sie rekonstruiert dessen Verdienste, dessen Einfluss auf die Rastafari-Kultur und so weiter und so fort. Zugleich gibt es da dieses Buch, das „Wax & Gold“ als Fixpunkt immer wieder in den Mittelpunkt rückt. „König der Könige: Eine Parabel der Macht“ von Ryszard Kapuściński, erstmals erschienen im Jahr 1978.
Ruth Beckermann Filmproduktion
Kapuścińskis Studie hat damals Beckermanns schillerndes Bild des Monarchen erschüttert und die Abgründe und Kehrseiten von dessen Macht aufgezeigt. Also beginnt die Regisseurin, mit anderen Menschen in Dialoge zu treten, Informationen zu suchen. Was ist das eigentliche Vermächtnis von Haile Selassie? Wie lässt sich Kapuścińskis Parabel auf die Gegenwart anwenden und welche unerforschten Gebiete der Geschichte und all ihrer politischen Erzählungen treten dabei zu Tage? Aber auch: Lässt sich dem Text überhaupt trauen? Was davon ist Fiktion, wo beginnt und endet ein eigentliches und uneigentliches Sprechen? Wo sitzt die Parabel wiederum ihren eigenen Zuschreibungen und Projektionen auf?
Den Eindruck des Durcheinanders wird man in diesem Film nicht los. Wahrscheinlich will Beckermann das auch gar nicht. Ihre erkundende Neugier lässt sich weder auf eine simple These noch eine klare Argumentation, einen festen Anfang und ein festes Ende reduzieren. Abgesehen von der Rahmung des Ein- und Auscheckens im Hotel natürlich. Beckermann verbindet Auszüge aus den Gesprächen, die sie führt, mit altem Archivmaterial, Reden, Spielfilmszenen. Sie zeigt unter anderem, wie Geschichte zu Kunst wird und umgekehrt, wie der Schauplatz benutzt und zum Teil auch missbraucht wird.
Menschliche Gewalt und deren Nachwirkungen lassen sich hier nicht ausklammern. Ein wichtiger Teil des Films ist sein Blick auf die immer noch nicht vollends aufgearbeiteten Verbrechen der italienischen Faschisten in Äthiopien. Beckermann will dabei ebenso das Verdrängte der österreichischen Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur offenlegen und welche stillschweigende Komplizenschaft sich dabei womöglich zu erkennen gibt. Immerzu wächst der Film also in seinen gedanklichen und räumlichen Übergängen, in denen nicht nur unterschiedliche Zeitzonen, sondern auch historische Schichten zerfließen.
Und er assoziiert munter weiter, kommt von einem Thema zum nächsten und wieder zurück, bis die ganze kapitalistische Gegenwart unsicher wird. Zwischendrin lässt Beckermann ihre Gesprächspartner*innen Auszüge aus „König der Könige“ vortragen. In solchen Momenten könnten sich eigentlich ähnlich kontroverse und spannende Auseinandersetzungen mit der Literatur anschließen, wie in Beckermanns „Mutzenbacher“-Projekt. Dieses Mal bleibt die Literatur aber nur ein Versatzstück und Mittel von vielen. „Wax & Gold“ hätte ein klarerer Fokus durchaus gut zu Gesicht gestanden.
Ruth Beckermann Filmproduktion
Es wirkt ein wenig so, als habe Beckermann möglichst viele Facetten, Spuren und Pfade ihres Prozesses im fertigen Film unterbringen wollen, auch wenn diverse Teile dessen etwas hilflos verstreut vor einem ausgebreitet werden. In der Kürze und der Rasanz, mit der all die Themenfelder und Dialoge abgegrast werden, bleibt wenig Zeit, den Protagonist*innen und ihren Perspektiven auf die einzelnen Sachverhalte gebührend Raum zu geben. Vieles bleibt dadurch blass, flüchtig.
Dazu entpuppen sich einige Off-Kommentare, etwa bezüglich eines Verschwindens von Fakten in unserer Gegenwart, eher als Raunen, denn als kluge Argumente. All die Anstöße, die Beckermann geben will, lassen sich dadurch immer weniger einfangen. Und doch lässt sich im selben Moment kaum absprechen, dass ihr mit dieser Überfrachtung des Films immer wieder eindringliche Momente gelingen. Etwa, wenn sie sich mit den Auswüchsen des Neokolonialismus und menschlichen Stereotypen befasst. Sie zeigt beispielsweise über eine Tanzperformance in archaisch inszenierten Kostümen und Maskeraden das Geschäft mit dem Klischee und letztlich mit dem Rassismus.
Überhaupt verdient „Wax & Gold“ Achtung dafür, wie Beckermann immer wieder auch der eigenen Wahrnehmung und Perspektive misstraut, wie sie auf die eigenen Fallen von Eigen- und Fremdwahrnehmung verweist. Fettnäpfchen bleiben dabei nicht aus, aber Beckermann lässt viel Reflexionsvermögen erkennen, diese Fettnäpfchen transparent zu machen. Sie vertraut darauf, dass genau das Unabschließbare ihres Films dessen Stärke sein kann.
Und folgende klug gewählten Bilder verfangen dann doch, obwohl ein Großteil dieses überbordenden Dokumentarfilms etwas konfus an einem vorbeirauscht: die Fahrt durch die abendliche Stadt, während sich Lichter und Konturen in der Scheibe spiegeln. Beides gibt es dort zu sehen: eine tatsächliche Stadt im Wandel sowie deren Trugbilder und Lichtgespinste, die sich einer klaren Greifbarkeit entziehen, sondern nur auf das Subjektive, dessen Widersprüche und mediale Spuren zurückweisen. So wie es nur das Kino zum Erscheinen bringen kann.
Fazit: Ruth Beckermanns Dokumentarfilm über das Hilton Hotel in Addis Abeba und den äthiopischen Machthaber Haile Selassie ist ebenso anregend und vielschichtig wie frustrierend und zerfasert geraten. Das grobmaschige gedankliche Netz von „Wax & Gold“ wächst immer weiter, lässt aber leider zu selten Zeit und Raum zum Verweilen und tieferen Nachdenken.
Wir haben „Wax & Gold“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Berlinale Special seine Weltpremiere gefeiert hat.