Yo - Love Is A Rebellious Bird
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Yo - Love Is A Rebellious Bird

Ein übergroßes Leben im Maßstab 1:3

Von Christoph Petersen

Die ersten zwei- bis dreimal werden sicherlich die meisten darauf „hereinfallen“. Da sehen wir etwa das Wohnzimmer des klitzekleinen Hauses von Yolanda Shea (kurz: Yo) im kalifornischen Städtchen Pacific Grove. Aber statt einer Person kommt plötzlich eine überdimensionierte Hand durch die Tür, um den Tee auf den Tisch zu stellen. Der Arm gehört der Regisseurin Anna Fitch, die später noch öfter riesenhaft im Hintergrund über den Hausdächern auftauchen wird. Kennengelernt haben sich die Frauen 1997. Shea war damals bereits 73, Fitch erst 24, aber verstanden haben sie sich sofort. Nach dem Tod ihrer Freundin hat die Filmemacherin deren Häuschen mit allen Details im Maßstab 1:3 täuschend echt nachgebaut – zum langsamen Abschiednehmen und um den bereits im letzten Lebensjahr von Yo begonnenen Dokumentarfilm „Yo (Love Is A Rebellious Bird)“ zu vollenden.

Fitch hat mit ihrem Co-Regisseur/Ehemann Banker White bereits einen ebenfalls durch und durch subjektiven, ähnlich experimentierfreudigen Dokumentarfilm gedreht: „The Genius Of Marian“ (2013) handelt von Fitchs Stiefmutter, die nach ihrer Alzheimer-Diagnose noch ein Buch über ihre eigene Mutter schreiben will, bevor sich die Erinnerungen endgültig auflösen. Aber als Vorbereitung für „Yo (Love Is A Rebellious Bird)“ war eine frühere Arbeit womöglich sogar noch wertvoller: Nach ihrem Entomologie-Studium hat Fitch nämlich zunächst Naturdokumentationen über das Leben von Insekten fürs Fernsehen produziert. Gleich für ihre erste Arbeit „Living With Bugs: War Of Two Worlds“ (2002) wurde sie mit einem Emmy prämiert. Große Bilder in winzigen Welten zu kreieren, das gelingt auch in „Yo (Love Is A Rebellious Bird)“ immer wieder.

Anna Fitch richtet die letzten Details in ihrem 1:3-Modell des Häuschens ihrer verstorbenen Freundin. Mirabel Pictures
Anna Fitch richtet die letzten Details in ihrem 1:3-Modell des Häuschens ihrer verstorbenen Freundin.

Auch in „Yo (Love Is A Rebellious Bird)“ kommen Insekten zum Einsatz. Als Yo sich an ein besonders schreckliches Familientreffen nach dem Tod ihrer Mutter zurückerinnert, bebildert Fitch dies mit Kakerlaken, die um den reichlich gedeckten Tisch herumsitzen – und schamlos mit dem Schmuck der Toten von dannen ziehen. Weit weniger verstörend sind die wiederholten Zeitraffer-Aufnahmen von sich häutenden Raupen. Sicherlich eine Metapher für die Protagonistin selbst, die sich in ihrem Leben ebenfalls immer wieder völlig neu erfunden hat. Aufgewachsen in der Schweiz, ist sie der Enge ihres Heimatdorfes gen Amerika entflohen, wo ihre erste Ehe mit zwei Kindern schließlich daran scheiterte, dass Yo nach ihrem ersten (ins Albtraumhafte kippenden) LSD-Trip zunächst einfach keinen Bezug mehr zu ihrer Umgebung fand.

In der Folgezeit war sie lieber obdachlos als eingeengt, bis sie in ihr jetziges Haus zog, in dem sie zu Beginn des Films bereits seit 42 Jahren lebt. Das „Rebellisch“ im Untertitel ist also definitiv keine Übertreibung, und das erkennt man längst nicht nur an den vielen, prall gefüllten Cannabis-Beuteln, die ständig auf dem Tisch herumliegen: Als sie 15 Jahre alt war, quälte ihr Vater sie mit ihrer Hühner-Phobie so sehr, dass sie so lange kein Wort mehr mit ihm sprach, bis sie in ein entferntes Internat abgeschoben wurde. Auch dem (verbal übergriffigen) Priester bei der Beichte hat sie so viele Widerworte gegeben, bis sie ein Hausverbot in der Kirche erhalten hat.

Für den Streit zwischen der jungen Yo und ihrem Vater findet Anna Fitch sogar noch einmal eine völlig neue Art der Inszenierung. Mirabel Pictures
Für den Streit zwischen der jungen Yo und ihrem Vater findet Anna Fitch sogar noch einmal eine völlig neue Art der Inszenierung.

Yo hat körperlich stark abgebaut, das Atmen gelingt ihr selbst nach kleineren Anstrengungen nur noch mit Unterstützung von Morphiumtropfen. Aber geistig ist sie nach wie vor topfit – und vor allem hat sie dabei selbst im hohen Alter und gebrechlichen Zustand nichts von ihrer rebellischen Ader eingebüßt. „Yo (Love Is A Rebellious Bird)“ ist dabei kein klassischer Dokumentarfilm, bei dem die Regisseurin noch mal alles nachrecherchiert hat. Sie beschränkt sich ganz auf die Anekdoten ihrer Freundin, die sie in ihren Modellbauten mit einem Wahnsinnsaufwand zum Leben erweckt – etwa indem sie Kameras selbst auf der Rückbank eines Miniaturautos platziert. Das hat allerdings auch zur Folge, dass die Arbeit von Yo, selbst Künstlerin, im Film nur sehr wenig Raum bekommt – gerade in der Hinsicht hätte man sehr gerne noch deutlich mehr gesehen.

Stattdessen wird die eigene Trauerarbeit der Regisseurin beim Machen des Films mit eingebunden, was durchaus das Zeug dazu hat, allzu selbstbezogen zu wirken. Dafür, dass „Yo (Love Is A Rebellious Bird)“ trotzdem nicht ins Sentimentale abgleitet, sorgt allerdings Yo schon allein mit ihrer ganz und gar nicht selbstbemitleidenden Art. Und falls einem zwischendurch doch mal langweilig werden sollte, macht man einfach ein Ratespiel aus dem Film: Tippt einfach zu Beginn jeder Einstellung darauf, ob wir uns gerade in der realen Welt, in einem Modell oder sogar in einer Kombination von beidem befinden. Im Verlauf der nur 76-minütigen Spielzeit wird man sicherlich immer besser darin werden, auf die richtigen Hinweise zu achten – aber 100-prozentig sicher kann man sich bis zum Schluss nie wirklich sein …

Fazit: Ein außergewöhnlicher Film über einen außergewöhnlichen Menschen, selbst wenn die eigene Kunst der rebellischen Protagonistin auffällig kurz kommt.

Wir haben „Yo (Love Is A Rebellious Bird)“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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