Da hilft nur noch Beten (oder Tanzen)
Von Björn BecherIn seiner ersten Karriere als Filmjournalist beeindruckte Joko Anwar die Regisseurin Nia Dinata so sehr, dass sie ihn nach einem Interview bat, als Co-Autor an ihrem nächsten Projekt mitzuarbeiten. Mit dem ersten Kuss zweier Männer in einem indonesischen Film schrieb die Komödie „Arisan!“ 2004 Kinogeschichte – und wurde ein riesiger Hit. 2005 folgte mit der Romantik-Komödie „Joni's Promise“ sein Debüt als Regisseur – und direkt der nächste sensationelle Kassenschlager. Dass seine wahre Leidenschaft der harte Genre-Film ist, schien schon damals durch. Immerhin holte er mit dem Martial-Arts-Star Barry Prima einen Helden seiner Kindheit aus der Versenkung. Anschließend wechselte er mit „Dead Time: Kala“ ins Genre des Neo-Thrillers – und feierte so seinen internationalen Durchbruch.
Mittlerweile ist Anwar vor allem für ebenso effektiven wie tiefgründigen Horror bekannt - so zuletzt auch in seiner Netflix-Serie „Joko Anwar's Nightmares And Daydreams“, selbst wenn die große Leinwand für ihn weiterhin an erster Stelle steht: Seine Kinofilme sind in seiner Heimat zuverlässig kommerzielle Mega-Hits – und beeindrucken zugleich weltweit auf Festivals. Anwar meistert den Spagat zwischen Kommerz und Kunst, indem er etwa gruselige Geistergeschichten mit grimmigem Gesellschaftskommentar kombiniert. Auch in „Ghost In The Cell“ verbindet er Genrekino mit einer klaren politischen Haltung. Man kann mit der Splatter-Komödie also einfach nur unglaublich viel Spaß haben. Oder sie als – dieses Mal ausgesprochen unsubtile – Anklage eines korrupten Systems rezipieren.
Come and See Pictures
Das Hochsicherheitsgefängnis Labuan Angsana ist ohnehin schon einer der schlimmsten Orte der Welt. Nicht nur rivalisierende Banden und ebenso korrupte wie sadistische Wärter machen jeden Tag der Haft zum beinharten Überlebenskampf. Aber in Block C haben die Insassen noch mal ein ganz anderes Problem: Seit der schüchterne Journalist Dimas (Endy Arfian) einsitzt, ist eine brutale Mordserie im Knast losgebrochen. Offensichtlich hat er etwas damit zu tun, dass immer mehr Häftlinge nicht nur brutal zerstückelt, sondern anschließend auch noch als bizarr-blutige Kunstinstallationen aufgebahrt werden.
Nach und nach dämmert es dem besonnenen Anggoro (Abimana Aryasatya) und dem Schläger Bimo (Morgan Oey), dass sie es hier mit einer übernatürlichen Bedrohung zu tun haben. Das nächste Opfer des rachsüchtigen Geistes scheint immer die Person zu sein, die gerade am wütendsten und gewalttätigsten ist. Aber wie zur Hölle soll das überhaupt gehen, in einem so brutalen Umfeld keine „rote Aura“ zu entwickeln?
Wer Joko Anwar bislang vor allem für seine atmosphärisch dichten Slow-Burn-Horrorfilme wie seinen größten Hit „Satan’s Slaves“ kennt, wird von „Ghost In The Cell“ überrascht. Zwar beginnt der Film mit der einzigen Sequenz, die außerhalb der Gefängnismauern spielt, noch wie gewohnt, doch anschließend schlägt er schnell andere Töne an. Wie zuletzt schon in seinem starken, Rassismus anklagenden Amazon-Actionfilm „The Siege At Thorn High“ lässt Anwar nach und nach an einem eingeschlossenen Ort das Chaos völlig eskalieren.
„Ghost In The Cell“ ist dabei nicht subtil. Es ist ein lauter, brutaler Film. Der schleichende Grusel macht schnell Platz für eine Mischung aus Gefängnisfilm, Splatter-Horror, Actionkino und bitterböser Satire. Nicht nur die als blutig-groteske Kunstinstallationen hinterlassenen Leichen sind fette Ausrufezeichen. Die Figuren haben hier längst vor den gesellschaftlichen Missständen so resigniert, dass sie diese zwar offen ansprechen, aber kaum noch Änderungswillen besitzen. Man sei halt „nicht in Norwegen“, ist immer wieder der schulterzuckende Kommentar, wenn zur Sprache kommt, was alles schiefläuft.
Come and See Pictures
Trotz seiner schallenden Anklage von Korruption wirft Anwar im Verlauf des Films jede Ernsthaftigkeit nach und nach über Bord. Gerade in der zweiten Hälfte dominiert stattdessen eine zunehmend absurde Komik. Um die eigene Aura angesichts der geisterhaften Bedrohung zu reinigen, beginnen die Kontrahenten während einer Schlägerei, plötzlich zu tanzen oder zu beten. Lieber einen Schlag mehr einzustecken - das ist schließlich immer noch besser, als zum nächsten Opfer des Geistes zu werden.
Anwars größte Meisterleistung ist es, dass diese komischen Einbrüche nie die Intensität der Action oder des Horrors entschärfen. Das befreiende Lachen verschafft einem nur eine kurze Erleichterung, bevor die nächste konsequent inszenierte Eskalation direkt wieder voll ins Schwarze trifft. Wenn der Geist zur Tat schreitet, beweist Anwar, dass er es wie nur wenige versteht, bereits mit seinem Sounddesign für Unbehagen zu sorgen. Die blutigen Splatter-Einlagen bieten derweil kreative Kills und werden als makabre Todessequenzen genüsslich ausgekostet.
Nicht jede Tonverschiebung sitzt perfekt und es gibt zu viele Figuren, um allen gleichermaßen gerecht zu werden. So bleibt etwa Morgan Oey, der zuletzt in „The Siege At Thorn High“ noch mit Action-Präsenz und Charakter-Schauspiel gleichzeitig begeisterte, zu lange eine Randfigur. Ein wichtiger Twist rund um Mafia-Handlanger Bimo kommt zudem ein wenig zu sehr aus heiterem Himmel. Aber weil Anwar so konsequent in die Vollen geht, ist „Ghost In The Cell“ am Ende dennoch ein weiterer außergewöhnlicher Film des indonesischen Genre-Spezialisten, wie ihn selbst Horror-Fans so noch nicht gesehen haben.
Fazit: Mit „Ghost In The Cell“ liefert Joko Anwar einen wilden, blutigen und immer wieder absurd-komischen Splatter-Horror, bei dem er einmal mehr Genrekino mit Gesellschaftskritik verbindet.
Wir haben „Ghost In The Cell“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Forum seine Weltpremiere gefeiert hat.