The Education Of Jane Cumming
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Education Of Jane Cumming

Die realen Prozessakten wurden für 100 Jahre weggeschlossen

Von Michael Meyns

Wohl höchstens noch in tief konservativen Regionen Großbritanniens würde eine lesbische Beziehung für einen Skandal sorgen. Vor gut 200 Jahren war das noch anders, damals konnte der bloße Verdacht einer als unziemlich geltenden Nähe zwischen zwei Frauen Karrieren und Leben zerstören. So erging es auch den Lehrerinnen Marianne Woods und Jane Pirie, die in Sophie Heldmans historischem Drama „The Education Of Jane Cumming“ im Mittelpunkt stehen.

Im schottischen Edinburgh haben die Freundinnen eine Schule gegründet, eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen, in einer patriarchalischen Gesellschaft ein Stück weit frei und unabhängig zu leben. Doch diese Freiheit wird in dem atmosphärischen Drama von der titelgebenden Figur zerstört – obwohl Jane Cumming als Halbinderin eigentlich selbst eine Außenseiterin ist.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verstehen noch immer viele nicht, wozu junge Frauen überhaupt Schule und Bildung brauchen. Heimatfilm
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verstehen noch immer viele nicht, wozu junge Frauen überhaupt Schule und Bildung brauchen.

Edinburgh, 1810. Am Rande der schottischen Stadt betreiben Marianne Woods (Clara Dunne) und Jane Pirie (Flora Nicholson) eine kleine Privatschule für Mädchen und junge Frauen. Allzu viele Schülerinnen leben noch nicht in dem ausladenden Haus, das die Freundinnen zur Schule umgewandelt haben. Denn der Sinn und Zweck von Bildung für Frauen wird in der Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts stark angezweifelt. Auch die adelige Lady Cumming Gordon (Fiona Shaw) schickt ihre Enkeltöchter ohne großen Enthusiasmus auf die Schule.

Mag sein, dass sie auch eher die Chance nutzen möchte, eine unliebsame Enkelin loszuwerden: Jane Cumming (Mia Tharia), das uneheliche Kind, das ihr verstorbener Sohn während seiner Zeit in Indien gezeugt hat. In vielerlei Hinsicht passt Jane Cumming nicht in die britische Gesellschaft ihrer Zeit und auch in der Schule hat sie anfangs Schwierigkeiten, sich einzugewöhnen. Doch dann findet sie Zutrauen zu ihren Lehrerinnen – und zwar in einem Maße, das schon bald das fragile Konstrukt freien Lebens auf die Probe stellt, das sich Marianne und Jane mühsam erkämpft haben …

100 Jahre weggeschlossen

Dem zweiten Spielfilm der deutschen Regisseurin Sophie Heldman („Satte Farben vor Schwarz“) liegt eine wahre Geschichte zu Grunde. In Folge der Anschuldigungen gegen die Lehrerinnen kam es zu einem Prozess gegen Marianne Woods und Jane Pirie, nach dessen Abschluss die Akten zunächst für 100 Jahre verschlossen wurden – zu kontrovers war der Fall offenbar für die zarten Seelen des 19. Jahrhunderts. Zu Beginn des 20. Jahrhundert hatte sich das – zumindest in Ansätzen – verändert und so ließ sich 1934 die Autorin und Dramatikerin Lilian Hellman von den Akten zu ihrem Theaterstück „The Children’s Hour“ inspirieren. Dieses wiederum diente 1961 William Wyler als Vorlage zu seinem gleichnamigen Film, in dem Audrey Hepburn und Shirley MacLaine in einer modernen Adaption die beiden Lehrerinnen spielten. Der in Deutschland als „Infam“ aufgeführte Film gilt als einer der ersten Hollywood-Filme, der lesbisches Verlangen thematisierte – auch wenn die Frage, ob die beiden Lehrerinnen tatsächlich lesbisch sind, damals noch vager blieb als in der neuen Version.

Diese basiert nominell auf dem Anfang der 1980er Jahre erschienenen Sachbuch „Scotch Verdict“ von Lilian Faderman, weist aber zudem einige markante Ähnlichkeiten zu William Wylers Film auf. Vor allem der vollständige Verzicht auf die Darstellung des Gerichtsprozesses, der die Geschichte der beiden Frauen abrupt beendet, fällt auf. Die Ergebnisse des Prozesses und das weitere Schicksal der Beteiligten werden nur auf finalen Texttafeln kurz mitgeteilt. Durch diese dramaturgische Entscheidung verzichtet Heldman freiwillig auf einen dramatischen Höhepunkt, entzieht sich aber auch der Notwendigkeit, die vielfältigen moralischen Ambivalenzen zu thematisieren, die in der Geschichte angelegt sind.

Vor allem atmosphärisch ist „The Education Of Jane Cumming“ besonders stark. Heimatfilm
Vor allem atmosphärisch ist „The Education Of Jane Cumming“ besonders stark.

In einer konservativen Welt haben sich Marianne und Jane ein Refugium gebaut, bieten zudem Frauen die Möglichkeit zu lernen, Wissen zu erwerben. Praktische Konsequenzen hatte das zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwar kaum, nur in den seltensten Fällen war es selbst gebildeten Frauen möglich, einen selbständigen Beruf anzutreten. In weichen Bildern, die ein wenig an alte, verblichene Fotos erinnern, erzählt Sophie Heldman von dieser Welt, zeigt Momente, in denen Marianne, Jane und die junge Jane Cumming, die sich bald zur Lieblingsschülerin der Lehrerinnen entwickelt, in unbeschwerter Freiheit leben. Doch die Zwänge der Welt, in der sie sich diese Freiheiten erkämpfen, sind stets sichtbar:

Aufgrund ihrer Herkunft wirkt Jane Cumming im Gegensatz zu ihren blütenweißen Mitschülerinnen wie eine Außenseiterin, deren Rolle in der Gesellschaft mehr als unsicher erscheint. Ebenso fragil wirkt das Konstrukt der unabhängigen Schule, bei der der Verdacht einer unziemlichen Verbindung zwischen den Lehrerinnen stets mitschwingt. Zumal die Konventionen der Zeit eine oft erotische angehauchte Nähe fast erzwingen: Im gemeinsamen Bett schlafen war aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel ebenso normal, wie das gegenseitige Helfen beim Öffnen oder Knöpfen der hochgeschlossenen, taillierten Kleidung, die es Frauen nahezu unmöglich machte, sich alleine anzukleiden.

Austrudeln statt Zuspitzen

Mit dem wachsenden Wunsch von Jane Cumming, selbst Lehrerin zu werden, beginnen jedoch die Probleme, die zur Schließung der Schule führen. In einem unbedachten Moment beschuldigt sie ihre Lehrerinnen, sie beim Sex belauscht zu haben. Eine unerhörte Anschuldigung, die das Vertrauensverhältnis zwischen Schülerin und Lehrerinnen auf die Probe stellt.

Doch den aus dieser Konstellation folgenden Konflikten weicht Heldman weitestgehend aus, deutet nur ganz vorsichtig die Ambivalenz an, dass ausgerechnet die Halbinderin, die selbst Außenseiterin ist, ihre Lehrerinnen, die anderen Außenseiterinnen, verraten hat. Vielleicht erschien die intensivere Thematisierung dieser Ambivalenz zu heikel, der Verzicht auf diesen potenziellen narrativen Höhepunkt lässt „The Education Of Jane Cumming“ am Ende etwas ausplätschern, was angesichts der besonders in atmosphärischer Hinsicht starken ersten Hälfte bedauerlich ist.

Fazit: Auch wenn ihr am Ende erzählerisch etwas die Luft ausgeht, gelingt Sophie Heldman mit ihrem auf wahren Begebenheiten beruhenden Drama „The Education Of Jane Cumming“ ein stilistisch und atmosphärisch überzeugender Film, der vom Versuch zweier Frauen erzählt, sich Anfang des 19. Jahrhunderts in einer patriarchalischen Gesellschaft einen Freiraum zu erkämpfen.

Wir haben „The Education Of Jane Cumming“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Panorama „The Education Of Jane Cumming“ seine Weltpremiere gefeiert hat.

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