Block 10
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Block 10

Derart schonungslos wurde die Shoah in einem Spielfilm selten gezeigt!

Von Susanne Gietl

Marcus O. Rosenmüller hat zuletzt Schwarzwald-Krimis und Ostfriesen-Mysterien fürs Fernsehen gedreht. Im Kino machte er mit dem Biopic „Münter & Kandinsky“ auf sich aufmerksam. Jetzt liefert er einen der am schwersten auszuhaltenden Kinofilme des Jahres, der passenderweise direkt mit einer Warnung beginnt: „Das ist keine Darstellung, sondern Realität.“ Im Zentrum stehen grausame Menschenexperimente im Konzentrationslager Auschwitz, aber jede Form von Stilisierung lehnten der Regisseur und seine auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnende Produzentin Alice Brauner ab. Stattdessen stützt sich die distanzverhindernd-nüchterne Umsetzung bewusst auf Wiederholungen sich ähnelnder Schreckensbilder.

Für Alice Brauner ist „Block 10“ dabei ein ganz besonders persönliches Anliegen. Ihre Eltern, Artur und Maria Brauner, haben beide den Holocaust überlebt. Wie ihr berühmter Produzenten-Vater („Old Shatterhand“, „Hitlerjunge Salomon“) zu seinen Lebzeiten kämpft auch sie gegen die einseitige Erinnerungskultur an, die entsteht, wenn nur die Täter*innen, nicht aber die Opfer charakterisiert werden. Brauner betrieb dafür intensive Recherchen, setzte sich mit Gerichtsprotokollen sowie mit Zeitzeug*innen und deren Nachkommen auseinander – und verfasste schlussendlich das absolut schonungslose Skript für „Block 10“.

Der jüdische Arzt Maximilian Samuel (Christian Berkel) wird mit dem Leben seiner Tochter erpresst, den Nazis bei ihrer Zwangssterilisations-Kampagne zu helfen. Camino Filmverleih
Der jüdische Arzt Maximilian Samuel (Christian Berkel) wird mit dem Leben seiner Tochter erpresst, den Nazis bei ihrer Zwangssterilisations-Kampagne zu helfen.

Im September 1942 werden Hunderte Juden und Jüdinnen im Konzentrationslager Auschwitz an der Rampe angeliefert. So auch der Gynäkologe Dr. Maximilian Samuel (Christian Berkel), seine Frau und seine 20-jährige Tochter Liese Lotte (Sarah Maria Sander). Er selbst wird zwar als Arzt verschont, muss sich jedoch fortan den Anweisungen von Prof. Dr. Carl Clauberg (Axel Prahl) fügen, der in Block 10 bei Frauen Zwangssterilisationen durchführt. Weigert er sich, droht seiner Tochter, die inzwischen ins Vernichtungslager nach Birkenau gebracht wurde, der Tod …

Seit 45 Jahren dürfen nur noch Dokumentarfilme und keine Spielfilme mehr in Auschwitz gedreht werden. Für die Außenaufnahmen vom titelgebenden „Block 10“ wurde erstmals originales 360-Grad-VR-Material der gesamten Anlage genutzt. Der Film folgt aus Gründen der Authentizität der Perspektive der Handelnden, es gibt keine Außen- oder Vogelperspektive.

Das erste Mal, dass man solche Bilder in einem Spielfilm sieht

An das bekannte Bild der Ankunft der Häftlinge an der Rampe schließt ein Blick in den leeren Gang von Block 10 an, der in den Berliner CCC-Studios authentisch nachgebaut wurde. Von nun an wird die Kamera von Peter Krause („Woodwalkers“) die Räume nur noch gemeinsam mit den Darsteller*innen verlassen. Betritt sie erstmals einen Raum, schaut sie sich erforschend um. Nach dem ersten vorsichtigen Erkunden nimmt sie sich wieder zurück und konzentriert sich ganz auf die Insass*innen und Ärzt*innen.

Manche Schicksale treten – zumindest zeitweise – aus der Masse hervor. Jedoch fällt es zumeist schwer, die Frauen – alle mit kurz geschorenen Haaren und in Häftlingsgrau gekleidet – voneinander zu unterscheiden. So bleiben sie überwiegend namenlos. Es geht nicht um womöglich gefühlsprovozierende Einzelschicksale, es geht um das industrialisierte Grauen an sich und das serielle Leiden der Frauen in Block 10. So wiederholt sich ein zentrales Motiv immer und immer wieder: Sofort, wenn ein Arzt eine der schmerzhaften Entfernungen eines gesunden Eierstocks durchgeführt hat, folgt im Film der nächste Eingriff. Es gibt keine dramaturgisch geschickt gelegten Durchschnaufpausen.

Selten haben die Bilder eines Spielfilms eine derart unmittelbar-dokumentarische Kraft entwickelt. Camino Filmverleih
Selten haben die Bilder eines Spielfilms eine derart unmittelbar-dokumentarische Kraft entwickelt.

Beim Dreh wurden Bauchprothesen verwendet, in die mit einem Skalpell geschnitten wurde, darunter wurde eine schützende Metallplatte platziert. Um ärztliche Instrumente nicht zu ästhetisieren, werden diese nur in ihrer Anwendung und nie isoliert gezeigt – nur die gewaltige Formalin-Giftspritze in den Händen von Dr. Clauberg wird bewusst plakativ betont. Darüber hinaus bleiben die NS-Ärzte betont eindimensional, um einer möglichen „Alibi-Argumentation“ aus Sicht der Täter von vornherein den Riegel vorzuschieben.

Gelungen ist auch die Darstellung der entblößten Opfer. Nackte Körper sieht man – bis auf eine Ausnahme in einer Massen-Nacktszene – nur in Ausschnitten und aus der Perspektive des misshandelnden Arztes, denn die Würde der Menschen, die das erlebt haben, sollte gewahrt werden. Für die Schrecken, die man nicht sieht, gibt es ein bedrohliches, unbestimmtes Grundrauschen, das den jeweiligen Räumen zugeordnet ist. Marcus O. Rosenmüller reproduziert die Schrecken in Auschwitz nicht einfach, er wirft sein Publikum gemeinsam mit dem hilflos-erpressten Protagonisten ohne Netz und doppelten Boden mitten hinein.

Fazit: „Block 10“ ist ein Spielfilm, der sich trotzdem wie ein Zeitdokument anfühlt und dabei nicht die Aufmerksamkeit, sondern die Wahrheit sucht. Auch die moralischen Dilemmata der Hauptfigur werden nicht ausgeklammert. Ohne die üblichen dramaturgischen Ellipsen und Schnitte, mit denen sich auf das Mainstream-Publikum schielende Shoah-Spielfilme aus der Bredouille ziehen, wird in „Block 10“ ein erschreckendes Kapitel auf angemessen radikal-authentische Weise lebendig.

Wir haben „Block 10“ im Rahmen des Münchner Filmfestivals 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere gefeiert hat.

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