Marsupilami
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Marsupilami

Derbes Comic-Chaos für die ganze (?!) Familie

Von Sidney Schering

Es ist ein weit verbreitetes (Vor-)Urteil, dass man in Frankreich weniger verklemmt ist als im spießigen Deutschland (oder gar in den verklemmten USA). Der bislang größte Hit des französischen Kinojahres gießt dreist grinsend Öl ins Klischeefeuer: Für die Realfilmkomödie „Marsupilami“ rund um die gleichnamige, franko-belgische Comicfigur haben bislang schon mehr als sechs Millionen Menschen ein Ticket gelöst. Und was in diesem Familien-Megahit alles passiert, würden viele hiesige Familienfilm-Verantwortliche im Traum nicht wagen. So werden einem Baby-Marsupilami versehentlich zwei Viagra-Tabletten verabreicht, woraufhin sein Schweif steinhart wird, was der weiblichen Hauptfigur gerade recht kommt. Denn die will gerade einen Angreifer abwehren – also vermöbelt sie ihn mit dem Marsupilami-Schwanz, als wäre er ein Baseballschläger.

In dieses Chaos wird auch noch ein süßer Chihuahua involviert, der in einen Luftschacht geschleudert wird. Letztendlich landet er im Schritt einer Frau, die gerade ein Brazilian Waxing im Spa-Bereich des Kreuzfahrtschiffes bekommt. Kurz darauf dackelt der Chihuahua mit neuem, festklebendem Kraushaar-Toupet durch die Szenerie. Hier dürfte sich nicht nur die Intimbehaarung vom Körper, sondern auch das „Marsupilami“-Zielpublikum vom Rest der Welt trennen. Denn wer beim Gedanken, sowas in einer Familienkomödie zu sehen, tomatenrot anläuft, ist in diesem französischen Irrsinns-Blockbuster an der falschen Adresse. Wer hingegen nun ungeduldig mit den Hufen scharrt, sollte sich etwas zügeln. Denn die Komödie von und mit „Alibi.com“-Macher Philippe Lacheau wird in ihrem Wahnsinn, Turbo-Slapstick und Zoten-Trubel auch immer mal wieder ausgebremst.

In den ruhigeren Szenen wird das Marsupilami von einem haptischen Modell mit superniedlichen Riesenaugen dargestellt – eine gute Entscheidung gegen zu viel CGI! 24 Bilder
In den ruhigeren Szenen wird das Marsupilami von einem haptischen Modell mit superniedlichen Riesenaugen dargestellt – eine gute Entscheidung gegen zu viel CGI!

Zooarbeiter David (Philippe Lacheau) durchläuft ein Tief: Ständig zankt er sich mit seiner Ex-Frau Tess (Élodie Fontan) darüber, wie der gemeinsame Sohn Léo (Corentin Guillot) zu behandeln ist. Und als David volltrunken für Chaos am Arbeitsplatz sorgt, verdonnert ihn sein zwielichtiger Chef (Jean Reno) zu einer illegalen Aufgabe: Er soll im südamerikanischen Palumbien ein geheimnisvolles Paket entgegennehmen und auf einer Kreuzfahrt nach Frankreich schmuggeln.

Zur Tarnung darf die ganze Familie mit, was aber nur für weiteren Trubel sorgt. Zumal David als potenzieller Sündenbock den Zoo-Hausmeister Stéphane (Julien Arruti) herbeigelockt hat, der sich schnell mit Ex-Popstar Ricky Salsa (augenzwinkernd eitel: Tarek Boudali) anfreundet. Dieser „Urlaub“ wird endgültig zum hektischen Abenteuer, als sich herausstellt, dass es sich bei der heißen Ware um ein Marsupilami handelt! Darauf haben es auch der Zollbeamte Raymond (Alban Ivanow) und der tierliebe Fremdenführer Pablito (Jamel Debbouze) abgesehen ...

Ein Sequel oder nicht?

Das eierlegende Energiebündel mit gelbem Fell, schwarzen Punkten und einem extrem langen Schwanz feierte sein Debüt bereits 1952 im „Spirou“-Magazin. Es folgten eigene Comic-Hefte, Zeichentrickserien sowie die Abenteuerkomödie „Auf den Spuren des Marsupilami“, mit der André Franquins dauerhungrige Schöpfung 2012 ihr Realfilmdebüt feierte. Den hierzulande direkt im Heimkino erschienenen Film muss man allerdings nicht kennen, um den neuen „Marsupilami“-Wahnwitz zu verstehen. Gleichwohl stellt er eine lose Quasi-Fortsetzung dar, denn der von „Asterix bei den Olympischen Spielen“-Nebendarsteller Jamel Debbouze verkörperte Pablito war bereits im 2012er-Film eine zentrale Figur.

Dieses Mal fungiert Debbouze als schusselige Randfigur mit wackliger Charakterzeichnung: Wenn es einem billigen Gag dient, können Pablitos Rückgrat und Sprachschatz komplett verschwinden – Debbouze bleibt da kaum mehr, als dauernd Grimassen zu schneiden, was er zwar gut kann, sich jedoch schnell abnutzt. Einen kurzweiligeren Volldeppen gibt unterdessen „Alibi.com“-Darsteller Julien Arruti ab. Mit entwaffnend-dummem Lächeln sorgt er als begriffsstutzig-ignoranter Stéphane für abstruse Situationskomik und derbe Lacher – denn obwohl er alles und jeden mit offenen Armen empfängt, ist er zugleich ungeheuerlich herablassend. So hält er Pablito für einen Geflüchteten, weshalb er mit ihm umgeht wie mit einem aus dem Tierheim geretteten Hündchen.

Die Parodie der legendären Fahrrad-Szene aus „E.T. – Der Außerirdische“ ist nur eine von Dutzenden Popkultur-Anspielungen, die „Marsupilami“ für sein Publikum bereithält. 24 Bilder
Die Parodie der legendären Fahrrad-Szene aus „E.T. – Der Außerirdische“ ist nur eine von Dutzenden Popkultur-Anspielungen, die „Marsupilami“ für sein Publikum bereithält.

Noch respektloser ist Raymond – und „Das Leben ist ein Fest“-Darsteller Alban Ivanow suhlt sich sichtlich darin, diese Figur so abscheulich wie möglich zu spielen. Dabei spielt es ihm in die Karten, dass Regisseur/Autor Philippe Lacheau ihm einige deer einfallsreichsten, boshaftesten Gags gibt. Das Highlight: Ein schreiend komischer, satirisch-bissiger Trailer für eine Doku über Zollbeamte, die stolz darauf sind, Menschen in Not an der Grenze abzuweisen und hungernden Kindern aus verarmten Ländern Handyhüllen („Könnt ihr ja als Mütze benutzen!“) sowie Sneaker („Vielleicht hast du die sogar selber genäht!“) zu schenken.

Leider wechseln sich solch bissige Passagen mit allerlei piefigen Sequenzen ab, die sich oftmals auf David und Tess fokussieren. Hin und wieder punktet ihr Rosenkrieg-Subplot mit einer unberechenbaren Rückblende sowie überraschend beiläufig vermittelten, derben Wortspielen. Oftmals sind ihre Szenen aber gähnend langweilig: Lacheau und Fontan blöken sich ohne Timing rüde an, es sei denn, dass sie sich gerade müde dreinschauend mit Dingen bewerfen. Der Slapstick ist generell Glückssache in „Marsupilami“: Oft dehnt Lacheau dröges Gestolper und Geprügel, das frei von Verve, Überraschung und Eskalation ist, peinlich in die Länge. Dass er Slapstick sehr wohl versteht, beweisen indes Schnellschuss-Pointen, in denen ahnungslosen Figuren nach einer rasant eingefädelten Kette an Missgeschicken urplötzlich ordentlich Schmerz zugefügt wird (Stichwort: fehlender Fahrradsattel).

Wer austeilt, muss …

Das Marsupilami darf dabei ebenso austeilen wie einstecken. Mal ist es eine animatronische Puppe, zwar ein bisschen krude gestaltet, aber mit so taktil-riesigen Kulleraugen, dass man sich einfach in es verlieben muss. In den dynamischen Actionszenen kommt hingegen auch passabel getrickstes CGI dazu. Nebenbei zieht die hyperaktive Comic-Ikone mit (in)stabiler Trefferquote andere Popkultur-Institutionen von „Titanic“ (schockierend-gut) über „E.T. – Der Außerirdische“ (lahm) bis „DragonBall Z“ (sinnbefreit, aber mit Pep) durch den Kakao. Respekt hat er dabei keinen, aber zumindest in dieser Hinsicht wird das Leinwand-Marsupilami seinem Comic-Vorbild absolut gerecht.

Fazit: Dieser französische Familienfilm-Blockbuster schmeißt manisch grinsend alles gegen die Wand und schaut mit Kulleraugen, was haften bleibt. Und das sind mal Schamhaare auf dem Kopf eines Schoßhundes und mal müde Scheidungskrieg-Gags. Oder kurz: Das Marsupilami ist und bleibt eine quietschgelbe Wundertüte.

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