Morgen war Krieg
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Morgen war Krieg

Ein erschreckend realistisches Warnszenario

Von Ulf Lepelmeier

Was wäre, wenn in einem bereits zerbrochenen Europa der Krieg unmittelbar bevorstehen würde? Bereits in seinem Kurzfilm „Das rote Fahrrad“ beschäftigte sich Regisseur Nicolas Ehret mit den Nachwirkungen gesellschaftlicher Verwerfungen. Sein Debütlangfilm „Morgen war Krieg“ knüpft nun atmosphärisch und thematisch daran an, erweitert den Blick jedoch zu einem beklemmenden Zukunftsentwurf, in dem sich private Konflikte und politische Radikalisierung gegenseitig befeuern.

Statt großer gesellschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen, konzentriert sich Ehret auf das Schicksal einer Familie, die von den Entwicklungen überrollt wird. Aus dieser bewussten Beschränkung entwickelt der Film eine permanente Bedrohung, die sich nicht in Explosionen, sondern in einer allgegenwärtigen Angst vor der Zukunft ausdrückt. Die Dystopie, in der demokratische Gewissheiten erodieren, während Misstrauen, Gewalt und gegenseitige Überwachung den Alltag bestimmen, wirkt dabei weniger wie Science-Fiction als wie eine (nur leicht) verschobene Version der Gegenwart.

Jonas (Enno Trebs) ist mit seiner kleinen Schwester Leonie (Naila Schuberth) auf der Flucht vor dem Wehrdienst. Progress Film Verleih
Jonas (Enno Trebs) ist mit seiner kleinen Schwester Leonie (Naila Schuberth) auf der Flucht vor dem Wehrdienst.

Deutschland steht kurz vor einem Krieg. Nach dem Zerfall der Europäischen Union hat eine rechtspopulistische Regierung die Macht übernommen und mobilisiert die Bevölkerung für den bevorstehenden Ernstfall. Als der 33-jährige Jonas (Enno Trebs) zum Wehrdienst eingezogen werden soll, entscheidet er sich zur Flucht mit seiner elfjährigen Halbschwester Leonie (Naila Schuberth), für die er seit dem Tod ihrer Eltern die Verantwortung trägt. Er sucht Unterschlupf bei seinem Vater Stuber (Ulrich Matthes), zu dem er seit vielen Jahren schon keinen Kontakt mehr hatte.

Der keifende Großvater lebt als Pflegefall im Dachgeschoss. Stubers in der örtlichen Bürgerwehr aktive Lebensgefährtin Wibke (Susanne Bredehöft) unterstützt unterdessen den Bau des Grenzzauns an der Oder. Die Spannungen innerhalb der Familie und zwischen den Generationen nehmen deshalb beständig zu. Als schließlich Geflüchtete am Grenzfluss auftauchen, werden moralische Überzeugungen und familiäre Bindungen endgültig auf die Probe gestellt …

Alles wird immer enger

Seine größte Wirkung entfaltet „Morgen war Krieg“ über die trostlose Atmosphäre, die den Film wie dichter Nebel umhüllt. Nicolas Ehret und „In die Sonne schauen“-Kameramann Fabian Gamper entwerfen ein düsteres Deutschland, dessen gesellschaftlicher Zerfall schon in den Bildern spürbar wird. Das quadratische Bildformat verdichtet die klaustrophobische Stimmung, während entsättigte Farben und kühle Innenräume eine Welt zeichnen, aus der jede Form von Geborgenheit verschwunden ist. Dramaturgisch gelingt es Ehret hingegen nicht durchgehend, aus seinem spannenden Szenario eine ebenso fesselnde Geschichte zu entwickeln.

Enno Trebs („Miroirs No. 3“) verkörpert als melancholischer Protagonist die Verunsicherung und Unruhe seiner Figur überzeugend. Sein Jonas ist kein klassischer Held, sondern ein Mann, der sich macht- und hoffnungslos im Zuge der gesellschaftlichen Umbrüche fühlt. Mit gesenktem Blick und einem fragenden Gesichtsausdruck vermittelt Trebs die Unsicherheit einer Generation, die von den politischen Entwicklungen überrollt wird und zunehmend den moralischen Kompass verliert. Besonders eindrücklich gelingt Susanne Bredehöft („Liebhaberinnen“) die Darstellung von Wibke. Sie verleiht ihr eine fortwährende Unberechenbarkeit. Freundlichkeit und latente Bedrohung liegen in ihren Gesten und Worten dicht beieinander.

Nicht an der Grenze zu Mexiko, sondern an der Oder soll ein neuer Grenzzaun hochgezogen werden. Progress Film Verleih
Nicht an der Grenze zu Mexiko, sondern an der Oder soll ein neuer Grenzzaun hochgezogen werden.

Ulrich Matthes („Der Untergang“) nutzt seine gewohnt zurückgenommene Spielweise, um seinem Stuber Zwischentöne zu verleihen. Besonders im Zusammenspiel mit Naila Schuberth („Liebes Kind“) entstehen emotionale Momente. Während die anderen zunehmend am omnipräsenten Misstrauen zerbrechen, entwickelt sich zwischen dem alten Fährmann und der jungen Leonie eine vorsichtige Nähe, die für kurze Zeit Hoffnung auf gegenseitiges Verständnis aufkeimen lässt. Nach dem starken Einstieg verliert sich der Film allerdings immer wieder in einzelnen Begegnungen, die zwar konsequent zur allgemeinen Orientierungslosigkeit beitragen, den erzählerischen Fluss jedoch ausbremsen.

Dass Jonas selbst durch diese Welt irrt, spiegelt sich schlüssig in der Erzählweise wider. Gleichzeitig gerät dadurch das größere gesellschaftliche Bild aus dem Fokus. Wie das politische System funktioniert, wer eigentlich gegen wen kämpft und weshalb die Eskalation kaum noch aufzuhalten ist, bleibt bewusst vage. Das verstärkt das Gefühl chronischer Unsicherheit, lässt das Zukunftsszenario aber auch ein Stück weit beliebig erscheinen.

Vieles ist (zu) eindeutig

Auch die Figuren wirken stellenweise weniger wie eigenständige Charaktere als wie Stellvertreter*innen verschiedener Generationen und Haltungen. Der Krieg verläuft hier nicht nur entlang politischer Fronten, sondern ebenso durch eine Familie. Mehrfach wird die Generation von Jonas als eine beschrieben, die ausschließlich Frieden und Wohlstand erlebt habe. Diese Symbolik wird im Drehbuch jedoch mitunter etwas zu deutlich ausformuliert und nimmt den Figuren einen Teil ihrer Ambivalenz.

Umso eindrucksvoller sind jene Momente, in denen Ehret allein den Bildern vertraut. Nachdem geflüchtete Menschen von einer Bürgerwehr gestoppt wurden, verharrt die Kamera nahezu regungslos auf einer nebelverhangenen Straße. Zwischen verstreutem Gepäck und reglosen Körpern entsteht ein Tableau-artiges Bild, das Schuld und enthemmte Gewalt ohne ein einziges erklärendes Wort einfach so für sich stehen und wirken lässt.

Fazit: Regisseur Nicolas Ehret zeichnet mit seinem dystopischen Langfilmdebüt „Morgen war Krieg“ ein beklemmendes Warnszenario, in dem selbst innerhalb der Familie Vertrauen und Verständnis abhandenkommen. Mit seiner unheilvollen Atmosphäre und den Bezügen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen lotet der mäandernde Film die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen sowie die Hoffnungslosigkeit einer Zeit des unmittelbar bevorstehenden Krieges aus.

Wir haben „Morgen war Krieg“ im Rahmen des Filmfests München 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere gefeiert hat.

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