Kalter Hund
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Kalter Hund

Familienaufstellung der besonders fiesen Art

Von Lars-Christian Daniels

Wer Blockaden in einem festgefahrenen System lockern oder unbewusste Verstrickungen aufdecken will, kann das mit Hilfe einer Familienaufstellung tun: Bei der seit Jahrzehnten in der Psychotherapie etablierten Methode bestimmt eine betroffene Person stellvertretend für die Familienmitglieder rund zehn bis 20 fremde Menschen, die sich in einem Raum relational zu ihr selbst anordnen. Konflikte und innere Dynamiken werden visualisiert und – im besten Fall – nachhaltig aufgelöst. Das klappt allerdings nicht immer …

Auch in der tiefschwarzen und präzise beobachteten, unterm Strich aber etwas zu lang geratenen Tragikomödie „Kalter Hund“ von Pauline Roenneberg („Früher oder später“) verschlechtert eine solche Familienaufstellung die Gesamtsituation erheblich – denn sie bringt neben pikanten Geheimnissen auch unerwartete Machtansprüche und offene Feindseligkeiten ans Tageslicht. Beim stark besetzten und oft witzigen, aber auch bitterbösen Familienstreit gefriert uns das häufige Lachen bisweilen – nicht zuletzt deshalb, weil wir uns unter Umständen an die letzte eigene Feier im Kreise der lieben Verwandtschaft erinnern.

In „Kalter Hund“ ist das Konzept der Familie nicht zwingend etwas Helles und Fröhliches. Weltkino Filmverleih
In „Kalter Hund“ ist das Konzept der Familie nicht zwingend etwas Helles und Fröhliches.

Es ist alles angerichtet für die Feier des 100. Geburtstags von Hermann Mann: Seine Frau Marianne (Corinna Harfouch) hat ihm seine Lieblingssüßspeise „Kalter Hund“ gebacken, die Wunderkerzen sprühen und die gesamte Verwandtschaft findet sich in der Familienvilla ein, in der die Feier stattfinden soll. Neben Mariannes leiblicher Tochter Valerie (Victoria Mayer) und ihrer Enkelin Fanny (Lea Drinda) wollen auch Hermanns Kinder aus der Ehe mit seiner unter rätselhaften Umständen verstorbenen Ex-Frau, Karoline (Karoline Eichhorn) und Kasimir (Thomas Mraz), dem Patriarchen ihre Glückwünsche überbringen. Und sogar der Bürgermeister hat sich angekündigt.

Dumm nur, dass Hermann sich in der Nacht das Leben genommen hat und nun tot in seinem Bett liegt: Die vietnamesische Haushälterin Joy (Mai Duong Kieu), die fix sein Testament verschwinden lässt, hält das gemeinsam mit Marianne, Valerie und Fanny zunächst erfolgreich vor den anderen Gästen geheim. Als das Ableben des Familienoberhaupts nicht mehr zu leugnen ist, eskaliert die Feier allerdings und bringt viel Unausgesprochenes ans Tageslicht: Unter Leitung des Heilpraktikers Ingo Fleischmann (Niels Bormann) soll eine Familienaufstellung die Konflikte auflösen. Das gelingt allerdings nur bedingt …

Blaskonzert für eine Leiche

„Kalter Hund“ lässt sich dramaturgisch grob in drei Teile aufsplitten und beginnt als turbulentes Versteckspiel mit rabenschwarzem Humor, gutem Timing und einigen Slapstick-Momenten: Das Geheimhalten von Hermanns Tod vor Teilen der Familie, Lokaljournalistin Anna (Lara Mandoki) und den Teilzeit-Gästen aus dem Dorf generiert in der ersten Dreiviertelstunde viele gelungene Gags und gipfelt in einer aberwitzigen Sequenz, in der die örtliche Blaskapelle der als lebendig getarnten Leiche im Rollstuhl feierlich ein Ständchen im Garten spielt. Wirklich interessant – weil emotional und aufwühlend statt heiter und gefällig – wird es allerdings erst danach. Auch deshalb ist der Film mit 138 Minuten eine ganze Ecke zu lang geraten.

Als die Katze aus dem Sack und der Todesfall für Karoline und Kasimir keine Neuigkeit mehr ist, schlägt Regisseurin und Drehbuchautorin Pauline Roenneberg, die die Geschichte gemeinsam mit Britta Schwem schrieb, zunehmend ernstere Töne an: Das bis dato so unbeschwerte Lachen über das schräge Versteckspiel bleibt uns immer häufiger im Halse stecken. Wie in einigen deutschen Wir-essen-zusammen-und-geigen-uns-die-Meinung-Komödien im Stile von „Der Vorname“ oder „Das perfekte Geheimnis“ mal mehr, mal weniger erfolgreich erprobt, kommen in kammerspielartiger Atmosphäre viele Vorwürfe auf den Tisch, die die Machtverhältnisse in der Familie hinterfragen und die beteiligten Parteien aus der Reserve locken – ob sie das denn wollen oder nicht.

Marianne (Corinna Harfouch) kann nur ihrem Mops wirklich trauen! Weltkino Filmverleih
Marianne (Corinna Harfouch) kann nur ihrem Mops wirklich trauen!

Jedem der Familienmitglieder kommen dabei Charakterzüge und Merkmale zu, aus denen sich das Verhalten und viele Konfliktsituationen ableiten: Die im Rollstuhl sitzende, verbitterte Tierärztin Valerie etwa kann mit den esoterischen Praktiken ihrer egozentrischen Stiefschwester Karoline, die sich nur noch „Oonagh“ nennen lässt, herzlich wenig anfangen. Krawattenträger Kasimir wiederum hat sich nicht ganz so zuverlässig um die Finanzen der Familienstiftung gekümmert, wie man das von ihm erwarten würde. Die alleinerziehende Joy erträgt unterdessen den Alltagsrassismus von Marianne tapfer, während die kurz vor der Volljährigkeit stehende, aber bisher in nichts eingeweihte Fanny sich vorkommt wie im falschen Film.

Mit Einberufung der Familienaufstellung steuert „Kalter Hund“ nach einer guten Stunde auf seinen ersten Höhepunkt zu – leider gönnt sich das Drehbuch danach noch repetierende Extrarunden (etwa eine zweite, methodisch variierte Aufstellung). All dies generiert einigen Leerlauf und hätte sich sicher deutlich straffen lassen. Die von Karoline bestimmten Stellvertreter füllen ihre Rollen schon im ersten Anlauf überzeugend aus und fördern zutage, dass hier mehr unter der Oberfläche schwelt, als an der Kaffeetafel bislang andiskutiert wurde.

Auflösung ohne Aha-Effekt

Der zentrale Twist um eine geheime Vaterschaft ist zudem früh zu erahnen – so sorgt die späte Erkenntnis zwar kaum für Verblüffung, bietet aber zumindest noch die Chance für eine witzig-nostalgische Anspielung auf das Agentenabenteuer „James Bond 007: Der Mann mit dem goldenen Colt“. Eine zentrale Rolle im Ensemble kommt dabei der verblüfften Fanny zu, die sich mit dem erfrischend realistischen Bestatter Max Fromm (Jeremias Meyer) anfreundet: In der zerrütteten Drei-Generationen-Sippschaft bildet der Teenager unter machthungrigen Opportunist*innen, zerstrittenen Schwestern und zugeknöpften Großmüttern die willkommene, sympathische Ausnahme.

Aus dem ohnehin starken Cast sticht die junge Lea Drinda („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) mit ihrer großartigen Darbietung noch heraus – aber es macht auch einen Heidenspaß, den etablierten TV- und Kinogrößen Corinna Harfouch, Victoria Mayer oder Karoline Eichhorn in ihren ironisch überzeichneten Rollen beim In-die-Haare-kriegen zuzusehen. Und dann ist da noch der grandiose Niels Bormann („Sonnenplätze“): Als herrlich diplomatischer, aber auch übergriffiger Therapeut stiehlt er nahezu jede Szene, in der er auftritt.

Fazit: „Kalter Hund“ nimmt uns als tiefschwarze Tragikomödie auf zahlreiche Schwimmrunden im familiären Haifischbecken mit – ein, zwei Bahnen weniger hätten dem Vergnügen aber sicher keinen Abbruch getan, im Gegenteil.

Wir haben „Kalter Hund“ beim Filmfest München 2026 gesehen, wo er in der Sektion „Neues Deutsches Kino“ seine Weltpremiere feierte.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren