Eine "unromantische Komödie" mit viel verschenktem Potenzial
Von Susanne Gietl1919 veröffentlichte Virginia Woolf mit „Night And Day” ihren vielleicht zugänglichsten Roman. Darin thematisierte die feministische Schriftstellerin patriarchale Strukturen, konzentrierte sich aber auf eine recht traditionelle Liebes- und Heiratsgeschichte. Später bezeichnete sie ihr oft mit Jane Austen („Stolz & Vorurteil“) verglichenes Werk selbst als belanglos.
Regisseurin Tina Gharavi hat das Buch unter dem Titel „Virginia Woolf's Night & Day” nun erstmals verfilmt – und nimmt an dem Stoff eine grundlegende Änderung vor: Während im Roman nur kurz erwähnt wird, dass Katharine Hilbery (Haley Bennett) der Astronomie sehr zugetan ist, baut Drehbuchautorin Justine Waddell dieses Detail zum roten Faden aus – und strickt daraus eine Geschichte über eine Frau, die mit Disziplin, eisernem Willen und viel Einfallsreichtum ihren eigenen Weg verfolgt. Trotz eines hervorragenden Casts springt der Funke aber nicht vollends über. Zu platt sind viele der Charaktere, zu schnell präsentieren sich Lösungen für Hilberys Probleme. Und so kommt bei der „unromantischen Komödie”, so einer der Werbeslogans für den Film, streckenweise Langeweile auf.
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Katharine Hilbery (Haley Bennett) lebt in London und stammt aus wohlhabendem Hause. Ihr Vater (Timothy Spall) hat wenig Verständnis für die Karriere-Ambitionen seiner Tochter und arrangiert eine Ehe mit Kindheitsfreund William (Jack Whitehall). Als Frau des frühen 20. Jahrhunderts hat Katharine trotz brillanter Entdeckungen in der Forschung kaum eine Chance – aber sie ist fest entschlossen, nicht aufzugeben! Die unter anderem aus „Girl On The Train“ und „Swallow“ bekannte Haley Bennett spielt die vor Energie nur so sprühende Wissenschaftlerin in dem Kostümdrama dabei hinreißend.
Dank Kameramann Sebastian Edschmid gelingt es bereits in der poetischen Einleitung, Katharine zu charakterisieren: Die junge Frau nimmt ein nächtliches Bad in den Hampstead Ponds ein, blickt in die Sterne und sinniert über das Universum – sie verschwimmt fast in der Dunkelheit. Gemeinsam mit Simon Goffs elektronisch-atmosphärischem Score macht der Film hier allerdings ein großes Versprechen, das er im Folgenden nicht einhält. Denn obwohl Katharine durchaus liebevoll gezeichnet wird, fehlt es den anderen Figuren entschieden an Tiefe.
Das gilt zum Beispiel für die Frauenrechtlerin Mary (Sängerin Lily Allen in ihrer ersten Kinorolle), die Katharine in ihren Vorhaben unterstützt. Gemeinsam mit anderen Frauen druckt sie in einer riesigen Fabrikhalle Flugblätter. Doch obwohl die Suffragetten-Bewegung gerade erst entsteht, bleibt sie ebenso wie Mary nur eine Randnotiz. Stattdessen richtet der Film seinen Fokus durchgehend auf Katharine. Die begeisterte Astronomin sucht immer neue Wege, ihre Forschung voranzutreiben, schleicht sich mit ihrem Cousin (Misia Butler) in Männerkleidung zu einer Veranstaltung der Astronomischen Gesellschaft und spricht mit ihm in anschaulichen Bildern über ihre Entdeckungen. Gerade diese Momente machen sie nahbar, während das übrige Personal Staffage bleibt.
Ein großer Pluspunkt ist allerdings das charmante Szenenbild von David Hindle, der unter anderem auch schon den Oscar-Hit „The King's Speech“ ausstattete. Da gibt es beispielsweise das Arbeitszimmer von Katharines Vater mit Öllampe, Leselupe – und auffällig vielen Hundeporträts. Ein kleiner, aber feiner Seitenhieb auf den Patriarchen, der Frauen stets als Beiwerk betrachtet. Selbst die Ambitionen seiner eigenen Ehefrau (Jennifer Saunders), endlich die Biografie über ihren berühmten Dichter-Großvater fertigzuschreiben, belächelt er bloß.
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Ihren Lektor spielt Publikumsliebling Elyas M'Barek („Fack ju Göhte“), der in „Virginia Woolfs Night & Day” seine erste größere internationale Kinorolle übernimmt. Er mimt den frauenverstehenden Gentleman, was ihm sehr gut zu Gesicht steht. Doch Sätze wie „Ist es so abwegig für Sie, sich vorzustellen, dass ein Mann den Erfolg einer Frau unterstützen will?“ sind zu offensichtlich und wirken in der modernen Verfilmung von Woolfs Zweitlingswerk plump.
Katharines Verlobter hingegen wird durch sein unermüdliches Werben und die Lyrik, in der er seine Angebetete anschmachtet, wie eine Karikatur gezeichnet. Das sorgt zwar für einige amüsante Momente, wirkt aber zuweilen plump. Und wenn Katharine mit einer flammenden Rede ein ganzes Jahrhundert umkrempeln will, dann wird es schließlich gänzlich unrealistisch.
Fazit: „Virginia Woolfs Night & Day” ist wahrlich schön anzusehen, doch die Handlung ist zu gefällig – und so ist der Film trotz faszinierenden Blicks in die Sterne enttäuschend. Der Stoff hätte mehr hergegeben als eine reine Romantikomödie.
Wir haben „Virginia Woolfs Night & Day“ auf dem Filmfest München gesehen, wo er als Teil der Reihe Wettbewerb CineCoPro seine Deutschlandpremiere feierte.