Das Ende der Sterne
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Das Ende der Sterne

Ridley Scotts Antwort auf "I Am Legend"

Von Pascal Reis

Falsche Bescheidenheit? Von wegen! Ridley Scott („Gladiator“) ist bekanntlich keiner, der Hemmungen hat, sich und sein Schaffen bisweilen in den höchsten Tönen zu loben. Genüsslich trat er etwa der versammelten Gegenwartskonkurrenz vors Schienbein, als er befand, die meisten heutigen Filme seien ohnehin Müll. Deshalb habe er kurzerhand damit begonnen, lieber seine eigenen Werke anzuschauen – mit einer Erkenntnis, die ganz typisch für ihn klingt: „Sie sind wirklich gut! Und sie altern nicht.“ Ganz Unrecht hat er damit nicht, zumindest was die Klasse vieler seiner Filme betrifft. Der inzwischen steil auf die 90 zugehende Brite hat von „Blade Runner“ über „Alien“ und „Thelma & Louise“ bis „Black Hawk Down“ immer wieder Filmgeschichte geschrieben und sich bis heute eine geradezu verblüffende Souveränität bewahrt, wenn es darum geht, bildgewaltige Kinoerlebnisse auf die Leinwand zu bringen.

Auch bei „Das Ende der Sterne“, einer Adaption des 2012 erschienenen Bestsellers „Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ (im Original „The Dog Stars“) von Peter Heller, zeigte sich der Altmeister schon im Vorfeld gewohnt frei von Selbstzweifeln. Im Interview gab Scott selbstbewusst zu Protokoll, bei dem Film handle es sich schlicht um das Beste, was er seit dem gefeierten Sci-Fi-Hit „Der Marsianer“ mit Matt Damon auf die Beine gestellt habe. Nun können wir berichten, dass Ridley Scott mit „Das Ende der Sterne“ definitiv kein neues Meisterwerk abgeliefert hat, das postapokalyptische Survival-Drama aber fraglos eine ungemein einnehmende Melancholie zu entfesseln weiß, die tatsächlich am besten auf der großen Leinwand zur Geltung kommt.

Hig (Jacob Elordi) und sein Hund Jasper sind ein unzertrennliches Team. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Hig (Jacob Elordi) und sein Hund Jasper sind ein unzertrennliches Team.

Als eine Grippepandemie den Großteil der Menschheit dahinrafft, bleibt Big Hig (Jacob Elordi) allein mit seinem Hund Jasper zurück. Seine Frau ist gestorben, seine Freunde auch. Auf dem Flugplatz, auf dem der Hobby-Pilot seine kleine Cessna parkt, schlägt Hig sein Lager auf. Der Platz ist gut gegen marodierende Horden zu verteidigen, wobei ihm auch der menschenfeindliche und waffennärrische Marine Bangley (Josh Brolin), mit dem Big Hig eine Zweckgemeinschaft gründet, eine große Hilfe ist.

Und so gehen die Tage ins Land, bis Hig eines Tages einen Funkspruch empfängt, der ihm neue Hoffnung gibt: Könnte da draußen doch noch so etwas wie eine Zivilisation sein? Mit seinem Flugzeug macht er sich auf den Weg ins Ungewisse und trifft dabei mit Pops (Guy Pearce) und Cima (Margaret Qualley) zwei Schicksalsgenoss*innen, die sich seiner Reise anschließen ...

Jacob Elordi übernimmt die Rolle von Will Smith

Wir erinnern uns alle noch an die ikonischen Bilder von Will Smith, der in „I Am Legend“ gemeinsam mit seinem treuen Schäferhund die menschenleeren Straßen von New York City durchkämmt, stets auf der Suche nach möglichen Lebenszeichen und neuen Vorräten. „Das Ende der Sterne“ weckt unweigerlich Assoziationen an den Kinohit von 2007, wenn Hig gemeinsam mit seinem vierbeinigen Begleiter Jasper in einer Stadt in Colorado auf Beutezug geht. Zombies gibt es hier zwar keine, dafür droht Gefahr durch Plünderer. Ridley Scott macht dabei allerdings von Beginn an klar, dass sein Hauptaugenmerk keineswegs auf Spannungsmomenten und vordergründigem Spektakel liegt. Vielmehr interessiert ihn die neue, eigentümlich entrückte Realität, in der die Menschen nach einer verheerenden Pandemie gestrandet sind.

Eindrucksvoll ist dabei der Blick auf das Urbane, das sich die Natur mit beinahe unaufhaltsamer Selbstverständlichkeit zurückerobert: Der Beton der Wolkenkratzer verschwindet allmählich unter dichtem Pflanzengewucher, während der einst makellose Asphalt vom Wildwuchs aufgebrochen wird. Die Stadt, einst Sinnbild menschlicher Kontrolle und Zivilisation, wird zur verwilderten Ruine und damit zum stillen Zeugnis dessen, was einmal war. Gerade diese Bilder entwickeln eine ungemeine Atmosphäre. Auch, weil Ridley Scott nahezu jede Einstellung mit einer elegischen Melancholie auflädt.

Läuft Hig mit Cima (Margaret Qualley) womöglich eine Frau fürs (Über-)Leben über den Weg? Disney und seine verbundenen Unternehmen
Läuft Hig mit Cima (Margaret Qualley) womöglich eine Frau fürs (Über-)Leben über den Weg?

Immer wieder kehrt Ridley Scott im Verlauf der Handlung zu den erhabenen Landschaftspanoramen Colorados zurück. Dort zelebriert er die gigantischen, nebelumflorten Gebirgsketten, um die Vogelschwärme kreisen, während an ihren Füßen Rehe grasen und die Menschen vollends zu verschwinden scheinen. In der majestätisch fotografierten Natur entdeckt Scott etwas zutiefst Tröstliches: Sie macht sichtbar, dass Schönheit fortbesteht, selbst nach einer größtmöglichen Katastrophe. Zugleich findet er in ihr einen Ausdruck von Einsamkeit, der trauernde Menschen auf schreckliche Gedanken bringen kann. Wiederholt sehen wir Hig, wie er mit seinem Flugzeug auf eine Felswand zuhält und schließlich den Motor abstellt. Hineinkrachen wird er dennoch nicht, in ihm lebt noch immer ein Traum von besseren Zeiten.

Tatsächlich könnte man angesichts dieser erlesenen Bilder, gefühlvoll untermalt von sanften Gitarrenklängen, sogar Anwandlungen einer glorifizierten Aussteigerromantik entdecken: Hig ist auf niemanden mehr angewiesen, umgeben von den schönsten Panoramen, hat seinen treuen Hund Jasper an seiner Seite und kann sich ansonsten ganz seinem Leben als Selbstversorger hingeben. Dass diese vermeintliche Idylle jedoch trügerisch ist, macht nicht nur die schusssichere Weste deutlich, die Hig tragen muss, sobald er sich in die Stadt wagt. Auch die Erinnerungen an seine – natürlich schwangere – Frau holen ihn immer wieder ein. Freiheit ohne Schmerz gibt es nicht mehr.

Nur die Attraktiven überleben

Während Jacob Elordis Dackelblick schon ganz selbstverständlich von sehnsüchtiger Verletzlichkeit erzählt und er als ehemaliger Mechaniker ohnehin gar nicht anders kann, als der Hoffnung nachzueifern, die Dinge wieder reparieren zu können, bildet Josh Brolin an seiner Seite die verhärmte Veteranen-Antithese. Sein Motto lautet: Erst schießen, dann sprechen. Selbst vor Kindern wird bei diesem eisernen Gesetz keine Ausnahme gemacht. Wie abzusehen war, brechen im weiteren Verlauf immer wieder zarte Zwischentöne durch die harte Schale, obgleich Bangley zu jenen Menschen gehört, die sich ihr ganzes Leben darauf vorbereitet haben, auf sich allein gestellt zu sein. Brolin findet in der Härte daher nicht nur Verbitterung, sondern porträtiert einen Menschen, der sich von Geburt an im Überlebensmodus befand.

Ähnlich angelegt ist der von Guy Pearce gespielte Pops, dessen Misstrauen und stets durchgeladene Flinte vor allem daher rühren, dass mit seiner Tochter Cima das geschützt werden soll, was ihm am meisten am Herzen liegt. Und weil man gerade neben Elordi und Brolin noch stärker das Gefühl bekommen soll, dass die Endzeit offenbar vor allem den Attraktiven vorbehalten ist, lassen Ridley Scott und sein Kameramann Erik Messerschmidt kaum eine Gelegenheit aus, Margaret Qualleys Gesicht in Großaufnahme zu zeigen: Wenn ihre Cima zum ersten Mal seit Jahren wieder Musik hört, gelingt der Schauspielerin dabei einer der berührendsten Momente im Film.

Harte Schale, weicher Kern: Bangley (Josh Brolin) kennt zwar keine Gnade mit Eindringlingen, doch ein Maß an Restmenschlichkeit ist auch ihm geblieben. Disney und seine verbundenen Unternehmen
Harte Schale, weicher Kern: Bangley (Josh Brolin) kennt zwar keine Gnade mit Eindringlingen, doch ein Maß an Restmenschlichkeit ist auch ihm geblieben.

„Das Ende der Sterne“ ist allerdings nicht nur ein sanftmütiges Survival-Drama, denn bei einem mehr als 100 Millionen Dollar teuren Film muss es natürlich auch ein paar krachende Set-Pieces geben: Eine Bisonherde donnert durch das Hinterland – und in einer ziemlich famos inszenierten, teilweise in Nachtsichtgrün getauchten Sequenz wird Bangley von einer Schar Reaper angegriffen. Die Szene besitzt nicht nur eine ordentliche Intensität, Videospielfans dürften sich zudem unweigerlich an den Zombie-Hit „Days Gone“ erinnert fühlen, in dem die bis zum Scheitel tätowierten, kahlgeschorenen Fanatiker allerdings nicht Reaper, sondern Ripper heißen. Die Parallelen sind dennoch überdeutlich, auch wenn Scott nun wirklich gar kein tiefergehendes Interesse an der Mythologie hinter den enthemmten Sektierern erkennen lässt.

So gelungen diese Momente für sich genommen auch inszeniert sind, merkt man doch stets, wie sehr es Ridley Scott anschließend wieder zurück zu den behutsamen, sensiblen Tönen zieht. Die spektakulären Einlagen wirken dadurch wie Fremdkörper, die den eigentlichen Erzählfluss eher unterbrechen als bereichern. Ganz verzichten möchte Scott auf die drastischen Schauwerte freilich nicht: Schädel werden blutig von Rotorblättern vom Hals gerissen, Kopfschüsse spritzen, Kehlen werden brutal durchtrennt. Richtig irritierend wird es allerdings, als Hig schließlich den vermeintlichen Hort der Hoffnung erreicht, was an dieser Stelle natürlich nicht detailliert gespoilert werden soll. Das Drehbuch weicht hier drastisch von der Vorlage ab und plötzlich findet man sich in einem Szenario wieder, das sich durch seinen tonalen Bruch beinahe mit den letzten 30 Minuten von „28 Days Later“ vergleichen lässt.

Ein neues Ende für den Film

Sicherlich wollte Ridley Scott hier noch mal einen verstörenden Überraschungsmoment setzen, der vor Augen führt, dass sich Gemeinschaften in dieser postapokalyptischen Welt keineswegs zwangsläufig zusammenschließen, um etwas Gutes zu bewirken. Das grelle Gruselkabinett, das der Film hier auffährt, wäre allerdings nicht nötig gewesen. Vor allem deshalb, weil Scott auch hier kein großes Interesse daran besitzt, wirklich in diese Welt einzutauchen, sie genauer zu erforschen. Es wirkt vielmehr, als habe er vor allem einige eindrückliche Bilder im Kopf gehabt, ohne sich anschließend ausreichend darum zu kümmern, ob sich diese Exkursion auch organisch in die Geschichte einfügt. Die Vorlage schaltet an dieser Stelle zwei, drei Gänge zurück und findet gerade dadurch den treffenderen Ton.

Fazit: Mit „Das Ende der Sterne“ liefert Ridley Scott in seinen besten Momenten ein wunderbar melancholisches Survival-Drama ab, dessen eigentliche Stärke in der behutsamen und atmosphärischen Alltagsbeobachtung seiner Protagonist*innen liegt. Die Action-Sequenzen sind zwar handwerklich überzeugend inszeniert, fügen sich aber nie wirklich organisch in den Film ein. So bringen die spektakulären Ausreißer den ansonsten einnehmenden Erzählfluss immer wieder merklich aus dem Gleichgewicht.

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