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    Hudsucker - Der große Sprung
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Hudsucker - Der große Sprung
    Von Christian Schön

    Im Mai 2008 feierte der Hula-Hoop-Reifen seinen 50. Geburtstag. Neben der Frisbee-Scheibe, die kurz zuvor erfunden wurde und ein ähnlicher Verkaufserfolg war wie die bunten Plastikringe, steht das Spielzeug für das Lebensgefühl der 50er und 60er Jahre. Es versinnbildlicht sowohl die Prüderie der Zeit, die in den kreisenden Hüftbewegungen ein Ventil gefunden hat, und zugleich ist sein Erfolg ein Inbegriff der wirtschaftlichen Prosperität. Grund genug, diesem Ding ein filmisches Denkmal zu setzen. Doch um aus diesem recht dürftigen Stoff ein gescheites Konzept zu zimmern, bedurfte es schon des Talents des Brüderpaares Ethan und Joel Coen (Fargo, The Big Lebowski, No Country For Old Men). Nachdem das Duo drei Jahre zuvor mit Barton Fink einen besonderen Coup gelandet hatte, waren die Erwartungen immens als 1994 „Hudsucker – Der große Sprung“ entstand. Die Komödie reicht mit ihrer Geschichte von dem Emporkömmling aus der Provinz zwar nicht an die Qualität von „Barton Fink“ heran, braucht sich aber vor den großen Erfolgen der Coens auch keineswegs zu verstecken.

    Der junge College-Absolvent Norville Barnes (Tim Robbins) kommt aus dem kleinen Muncie, Indiana, in die große Stadt, um dort sein Glück zu suchen. Sein Ticket nach ganz oben hat er in Form einer Idee für ein neuartiges Produkt für Kinder immer bei sich. Der Zufall führt ihn zur Firma „Hudsucker Industries“, wo er zunächst Arbeit in der Poststelle findet. Dem Konzern geht es prächtig, er expandiert und häuft Gewinne an. Scheinbar grundlos stürzt sich Firmenchef und Hauptaktionär Waring Hudsucker (Charles Durning, Der Clou, Hundstage) bei einer Vorstandsitzung unvermittelt aus dem Fenster des Hochhauses. Da all seine Aktien zum Verkauf freigegeben werden sollen, plant Stellvertreter Sidney Mussburger (Paul Newman, Haie der Großstadt, Zwei Banditen, The Verdict) einen Idioten an die Stelle von Hudsucker zu setzen. Dieser soll den Börsenkurs der Firma drücken, damit Mussburger sich den Hauptaktienanteil billig unter den Nagel reißen kann. Norville Barnes, der ihm zufällig über den Weg läuft, bietet sich als Marionette nahezu perfekt an. Der junge Mann ahnt nichts Böses, sondern wittert vielmehr die Chance als neuer Chef der Firma mit seiner genialen Idee großen Reibach zu machen…

    Die Welt von „The Hudsucker Proxy“ ist die Metropole. Die im Studio entstandene Stadt, die wohl maßgeblich für die verhältnismäßig hohen Produktionskosten von 25 Millionen Dollar verantwortlich sein dürfte, ist eine Mischung aus Metropolis und einem imaginierten New York der nahen Zukunft. In ihrer Künstlichkeit könnte sie ebenso gut als Schauplatz einer Comic-Verfilmung in der Art von Tim Burtons Batman oder Sam Raimis Spider-Man dienen. Auch die überzeichnete Darstellung des Verhältnisses zwischen Presse und Großkonzern, die in den Kampf „Gut gegen Böse“ verstrickt sind, weist mit ihren Stereotypen eine starke Ähnlichkeit zu Peter Parkers Reich auf. Unterstrichen wird diese Parallele noch durch die Figur der von Jennifer Jason Leigh (Letzte Ausfahrt Brooklyn, Short Cuts) gespielten spitzzüngigen Journalistin, der die Coens den klingenden Namen Amy Archer gegeben haben.

    Neben den menschlichen Protagonisten drängt sich ein weiterer Hauptakteur auf: Die Firma Hudsucker Industries. Ihr Sitz ist der höchste Wolkenkratzer in der Stadt, mit seiner Vertikalität wird der hier mögliche enorme Aufstieg genauso symbolisiert wie der tiefe Fall, der als Geschäftsrisiko in Kauf genommen wird. Ganz oben im Gebäude befindet sich zudem eine gigantische Uhr, in der auch der Erzähler von „The Hudsucker Proxy“ schaltet und waltet – eine mysteriöse Figur mit dem biblischen Namen Moses (Bill Cobbs, New Jack City, Nachts im Museum). Neben dem alten Mann bevölkern viele weitere skurille Nebenfiguren die Firma, deren Wesen durch ein undurchschaubares, verrücktes Regelwerk geprägt wird, was in seiner kafkaesken Zuspitzung an Terry Gilliams Brazil und Steven Soderberghs „Kafka“ erinnert. Nachdem die Coens kurz zuvor in „Barton Fink“ das Hollywoodsystem aus der Perspektive des schreibenden Künstlers aufs Korn genommen haben, ist es nicht abwegig die Allegorien von „Hudsucker“ auch als Anspielungen auf die kruden Mechanismen der Filmindustrie zu verstehen.

    Der Held von „The Hudsucker Proxy“ ist bei alledem der genaue Gegenentwurf zu den Protagonisten Kafkas. Deren urbane Lebenswelt wird mit Norville Barnes' ländlicher Herkunft kontrastiert. Er kommt geradewegs aus einer kleinen Stadt in Indiana in die Metropole, auf der Suche nach dem großen Erfolg und dem schnellen Geld. Mit seiner Naivität gegenüber den Versprechungen der Großstadt erfüllt er perfekt das Profil des leichten Opfers ausgebuffter Geschäftemacher und Manipulateure. Tim Robbins (Bob Roberts, Die Verurteilten, Mytic River), der den Dorftrottel herrlich mimt, gibt der Figur etwas Unschuldiges mit, und so wird aus „The Hudsucker Proxy“ eine traumhaft entrückte Story vom „American Dream“, in der die Coens zugleich das ausgehöhlte kapitalistische System zur Darstellung bringen.

    Fazit: „The Hudsucker Proxy“ verfügt nicht ganz über die Schärfe und Brillanz vergleichbarer Titel aus dem Hause Coen. Über weite Strecken wirkt die Komödie einen Tick zu geschliffen und zu konventionell. Aber trotz dieser Zugeständnisse an das Genre bleibt die detailverliebte Handschrift der Coens mit ihrem Hang zum Grotesken und Surrealen doch stets erkennbar.

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