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    Adams Äpfel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Adams Äpfel
    Von Nicole Kühn
    Ivan (Mads Mikkelsen) ist ein guter Mensch. Ein sehr guter. Fast schon zu gut für diese Welt. Deshalb nimmt sich der Dorfpfarrer in seiner abgelegenen Kirche verlorener Seelen an: kleptomanische Triebtäter, verantwortungslose Alkoholikerinnen, schießwütige Tankstellenräuber... Sie alle danken Ivan seinen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen auf ihre eigene Weise. Das Spiel funktioniert prächtig – bis Adam (Ulrich Thomsen) auftaucht, ein tumber Skinhead, der sich fest vorgenommen hat, dem Heiligenschein Satanshörner aufzusetzen.

    Das Leben in Ivans abgeschiedenem Refugium geht beschaulich einher. Der stets gut gelaunte Gottesmann empfängt den bulligen Adam freundlich und unbefangen, stolz auf seine Erfolge in der Resozialisationsarbeit: Der gewalttätige Araber Khalid (Ali Kazim) lernt brav Dänisch, der Alkoholiker Gunnar (Nicolas Bro) lässt von seiner unbändigen Besitzgier, die ebenso Frauen wie Gegenstände betrag und hat dem sündigen Getränk abgeschworen, jetzt also ist der Rechtsradikale dran, zum Gutmenschen gewandelt zu werden. Dem wortkargen Adam ist eines im Innern seines Glatzkopfes sofort klar: Irgendetwas stimmt nicht in dieser allzu heilen Welt.

    Also stellt er frisch von der Leber weg alles auf den Kopf. Als pädagogisch wertvolles Ziel nimmt er sich vor, einen Apfelkuchen zu backen – und wird ernst genommen! Fortan sind die Äpfel am Baum im Kirchgarten die seinigen, um die er sich zu kümmern hat. Während er sich fast gegen seinen Willen um sein neues Projekt zu kümmern beginnt, gewinnt er einen Einblick hinter die freundlichen Fassaden: Gunnar ernährt sich fast ausschließlich von Hustensaft und klaut alles, was nicht niet- und nagelfest ist und Khalid nutzt die erstbeste Gelegenheit, wild in der Gegend herum zu ballern. Weshalb der intelligente Ivan vor all dem geradezu zwanghaft die Augen verschließt, wird ihm durch das Auftauchen der schwangeren Alkoholikerin Sarah (Paprika Stehen) offenbar. Dass einfach nicht sein kann, was nicht sein darf, ist für Ivan eine Überlebensstrategie. Im Umkehrschluss heißt das: Nimmt man ihm seine Illusionen, geht er an der harten Realität kaputt. Adam schmiedet einen Plan, den man geradezu teuflisch nennen kann. Der Kampf des Guten gegen das Böse ist eröffnet und hält, wie bei Regisseur und Anders Thomas Jensen nicht anders zu erwarten, tiefgründige Skurrilitäten und aberwitzige Gefechte parat.

    Nach „Blinkende Lichter“ (2000) und Dänische Delikatessen (2003) fährt der 1972 in Dänemark geborene Jensen wieder schweres Geschütz auf, das gleichzeitig aufs Zwerchfell und auf die Hirnwindungen zielt. Immer wieder gelingt es dem erstaunlich produktiven Filmemacher, den Zuschauer auf Irrwege und die Akteure in unvorhergesehene Konstellationen zu führen. Ob Freund, ob Feind, das wechselt so schnell wie der Wind. Durch das Aufeinanderprallen von Lebenswelten- und ansichten auf engem Raum ohne Ausweichmöglichkeiten entlarven die Charaktere sich gegenseitig und entdecken, erstaunt über sich selbst, neue Seiten an sich. Den Menschen dabei zusehen zu dürfen, wie sich ihr schwarz-weißes Weltbild unversehens mit Farben füllt und ihnen die Sinne öffnet, ist einfach wunderbar – herrlich komisch und anrührend. Das verdankt sich nicht nur einer dramaturgisch ausgefeilten Regie, sondern auch dem überzeugenden Spiel der Darsteller. Mit allen verbindet Jensen eine langjährige Zusammenarbeit, auch untereinander treffen die Mimen immer wieder in Filmen zusammen und können so sehr entspannt miteinander agieren. Kein Wunder, ist doch Jensen an rund 20 Prozent der gesamten jährlichen Filmproduktion Dänemarks in irgendeiner Form beteiligt. Scharfsinnige und unterhaltsame Ideen hat er offenbar im Überfluss.

    Dass sein neuester Streich sich erlaubt, ausgerechnet einen Rechtsradikalen zum Erlösungsmedium für einen übereifrigen Pfarrer zu machen, riecht nach Skandal. Die Kirchenvertreter Dänemarks bewiesen jedoch Offenheit und den selbstironischen Humor, den man den Dänen häufig zuschreibt und verliehen ihm mit dem „Gabriel“ den Kulturpreis der Dänischen Pastoren. Jensens Kommentar zur heutigen Religiosität geht eben weit darüber hinaus, die Menschen bekehren zu wollen. Die tiefer liegenden Charakterschichten der Personen lässt Jensen an Kleinigkeiten aufscheinen, deren Absurdität er so weit treibt, dass die krankhaften, zwangsbesetzten Züge deutlich hervortreten. Wenn Ivan und Adam vor der völlig verzweifelten Sarah mit allem männlichen Ernst die Diskussion über Anzahl und Größe der zu verteilenden Kekse bis zum bitteren Ende führen, weiß man schon nicht mehr, ob man einfach lachen oder Mitleid haben soll.

    Bezeichnender Weise ist es Adam, der sich bei derartigen Gelegenheiten als gar nicht so tumb erweist, wie er zu Beginn erscheint. Lässt ein anderer seine Mitmenschen leiden, so braucht er sich darum offensichtlich nicht mehr zu kümmern – und entdeckt an sich eine geradezu fürsorgliche Ader, die er kaum artikulieren kann. Ebenso wie Adam seinen Widerpart Ivan in seinem Glauben an das Gute scheitern lässt, scheitert auch er selbst in seiner Überzeugung vom Bösen. In einem kräftezehrenden Ringen um die je eigene Wahrheit müssen beide erkennen, dass keiner von beiden ohne den anderen existieren kann, dass es kein Absolutes gibt sondern alles sich irgendwo dazwischen ansiedelt. Wo genau, kann man nur feststellen, wenn man seine Sinne offen hält. Ob diese beiden aber miteinander ein Auskommen finden können, wenn es denn ohne einander schon nicht geht? Eine Frage, die Jensen bis zum Ende geschickt offen hält und seinem Publikum damit knappe 90 Minuten lang beste Unterhaltung schenkt, die der harten Realität zwinkernd ins Auge sieht, ohne dabei allerdings mit der Wimper zu zucken. Kunststück!
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