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    Driving Lessons
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Driving Lessons
    Von Nicole Kühn
    Die Briten sind Meister der skurrilen Komik, die oft haarscharf am Slapstick vorbeizielt und dabei mitten in den wirklich ernsten Dingen des Lebens landet. Gerade die Bescheidenheit des Ausdrucks ist es, die das Wesentliche hervortreten lässt und die Komik hervorruft, die den Deutschen oft noch so schwer fällt. So ist auch der deutsche Untertitel „Mit Vollgas ins Leben“ durchaus bemüht um eine Analogie zum Original, nimmt sich aber gegenüber „Driving Lessons“ unnötig marktschreierisch aus. Denn Jeremy Brocks Jugendfilm gibt eben nicht ununterbrochen Vollgas, sondern übersetzt die Metapher der Fahrstunde mit Witz und Feinfühligkeit auf den Prozess des Erwachsenwerdens in einem System von Regeln, die vermeintlich unumstößlich gelten.

    Musterknabe zu sein, macht keinen großen Spaß. Dass die Welt da draußen auch noch anderes bereithält als das frömmelnde Helfersyndrom seiner gebieterischen Mutter Laura (Laura Linney), merkt der nur sehr zaghaft pubertierende Ben (wunderbar: Rupert Grint) erst mit 17 Jahren. Das wahre Leben und wahre Freundschaft fordern mehr als ergebene Ehrfurcht und strenge Regeltreue. Manchmal muss man sogar genau das Gegenteil tun, um Loyalität zeigen zu können. Diese und viele andere Erfahrungen macht Ben durch seinen Job bei der eigenwilligen und langsam alternden Evie (Julie Walters), die ihm so ziemlich gegen seinen Willen zu einer echten Freundin und Weggefährtin wird.

    Es ist bezeichnend, dass dem jungen Ben das Tor zur Wahrhaftigkeit ausgerechnet von einer Schauspielerin geöffnet wird, die ihre Kunst auch ihm gegenüber ohne schlechtes Gewissen einsetzt. Mit der gleichen Inbrunst zeigt sie ihre wahren Gefühle, die oft genug jenseits jeglicher political correctness liegen. Wie bereits in Kalender Girls scheint Julie Walters die Unkonventionalität ihrer Figur großen Spaß zu machen. Hinter der Eigenwilligkeit zeigt sich sehr schnell eine verletzte Seele, die es trotz dreier gescheiterter Ehen nicht verlernt hat, sich auf Menschen einzulassen und ihnen Vertrauen zu schenken. Damit verkörpert sie das genaue Gegenteil von Bens Mutter Laura (Laura Linney), die hinter ihrer offensiven Selbstlosigkeit kaum ihre Herrschsucht verbirgt. Ihr rigides Regelwerk mit klaren und einfachen Schuldzuweisungen schützt sie vor vermeintlichen Verfehlungen und dient ihr dazu, sich moralisch über die anderen zu erheben und jedes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Überzeugung zu legitimieren. Die kurze Referenz auf Einer flog übers Kuckucksnest aus dem Jahr 1975 ist hier nicht ganz fehl am Platz und umso sympathischer, als ganz explizit nicht der Anspruch erhoben wird, ein ebensolcher Meilenstein in der Filmgeschichte zu sein.

    In diesem Korsett kann kein Mensch sich entfalten, geschweige denn ausprobieren, wie jungen Menschen es nötig haben. Wie Ben Schritt für Schritt und durchaus nicht immer freiwillig die Perspektiven wechselt und sich in jeder Hinsicht zu einem erwachsenen, selbstständigen Menschen emanzipiert, zeigt der aus „Harry Potter“ bekannte Rupert Grint in einer beachtlichen Performance. Er bleibt dabei nicht frei von Blessuren, muss sich von Idealen verabschieden und lernt vor allem, auch mal „Nein“ zu sagen. Statt großer Gesten lässt Grint kleine Nuancen spielen und gewinnt dadurch eine Glaubwürdigkeit, die er hoffentlich noch in vielen weiteren Rollen zeigen darf.

    Jeremy Brock, der nach Die Liebe der Charlotte Gray (2001) und Der letzte König von Schottland (2006) auch für seinen ersten Film als Regisseur selbst das Drehbuch verfasste, gelingt eine leichthändige Melange aus Coming-of-Age-Trip und treffsicherer Gesellschaftskritik. In absurd überzeichneten Szenen wird die kurze Reichweite einer falsch verstandenen Moral aufgezeigt. Durchsichtiger als in dem Moment, in dem die ach so herzensgute Laura der verzweifelten Evie ohne ein Wimpernzucken den weiteren Kontakt zu ihrem Sohn durch eine Lüge vereitelt, kann die Falschheit ihrer Gutmenschmentalität kaum werden. Einen Seitenhieb verteilt Brock jedoch auch an die Väter, die sich als Vorbilder kaum hervortun. Statt für die eigenen Erziehungsideale einzustehen und den fehlgeleiteten Prinzipien seiner dominanten Frau etwas entgegenzusetzen, zieht sich Bens Vater Robert (Nicholas Farrell) mit ebenso sorgenvollem wie resigniertem Blick zurück in sein Zimmer zu den Insektenbüchern.

    Raum und Freiheit für seine Empfindungen sucht Ben vor allem in der Literatur, die für ihn zunächst auch der einzige Weg ist, sich mitzuteilen. In Evies einsamem Herz findet er ein Echo, und wen anderes als den Freigeist Shakespeare könnte diese Dame zu ihrem Favoriten erklärt haben? Zu den dramatischen Worten großer Gefühle gesellt sich die wunderbar komponierte Musik von Clive Carroll und John Renbourn. Quirliger Folk begleitet Ben auf seiner ersten großen Fahrt, bis plötzlich das altehrwürdige „Auld Lang Syne“ einen südamerikanischen Groove bekommt, der mitreißt und unmissverständlich bewusst macht, was Ben in seinem Leben fehlt. Und dieser Sound fügt sich erstaunlich gut in die wunderbare grüne Landschaft um Edinburgh, wo gedreht wurde.
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