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    The Host
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Host
    Von Ulf Lepelmeier
    In Südkorea hat er annähernd 100 Millionen Dollar eingespielt, avancierte damit zum dort erfolgreichsten Film aller Zeiten und wurde statistisch gesehen von beinahe jedem dritten Einwohner des nordostasiatischen Landes im Kino gesehen. Die Rede ist vom südkoreanischen Ausnahmeblockbuster „The Host“ von Regisseur Joon-ho Bong, der bereits in der High School die Idee zu diesem Monsterfilm hatte. Bei solchen Erfolgsmeldungen sind die Vermarktungsrechte eines Films natürlich weltweit gefragt und so strebt das Science-Fiction-Drama um ein mutiertes Wesen, welches im Han-Fluss in der Millionenmetropole Seoul haust, sich nun auch an, die Menschen in Scharen in die westlichen Lichtspielhäuser zu locken. Auch der Kampf um die Remakerechte ist zwischen den amerikanischen Filmstudios bereits entbrannt.

    Ein ganz normaler Tag in Seoul. Viele Menschen relaxen und amüsieren sich an den Ufern des Flusses Han und auch für Kang-du (Kang-ho Song), Verkäufer in dem Kiosk seines Vaters, geht das Leben seinen gewohnten Gang. Der etwas schusselige Mann schläft mal wieder in seiner Verkaufsschicht und wartet darauf, dass seine Tochter Hyun-seo (Ah-sung Ko) von der Schule zurückkommt. Als diese wieder da ist, will erst einmal die Schwester Kang-dus, die Aspirantin auf den Sieg bei den koreanischen Bogenschießmeisterschaften ist, auf dem Sportkanal angefeuert werden. Doch schon bald ist der Wettbewerb nur noch Nebensache, denn aus dem Fluss entsteigt ein ekelhaftes Monster, das Menschen verschlingt. Bevor das Wesen wieder in den Wassern des Han verschwindet, schnappt es sich mit seinem Schwanz noch Hyun-seo und verschwindet von der Bildfläche. Vater und Großvater sowie die bogenschießende Tante und der arbeitslose Onkel sind außer sich vor Trauer. Schon bald werden sie in Quarantäne gebracht, da davon ausgegangen wird, dass die unbekannte Kreatur einen tödlichen Virus übertragt. Als Kang-du einen Anruf von seiner tot geglaubten Tochter erhält, will ihm mit Ausnahme seiner Familie niemand glauben schenken, dass das Mädchen noch lebt. Kurzerhand brechen die Vier aus der Quarantänestation aus und gelten von nun an als hochgefährliche, potenzielle Virenüberträger, die steckbrieflich gesucht werden. Die vier Familienmitglieder sind auf der Flucht und im Kampf gegen das vielarmige Monster ganz auf sich allein gestellt. Werden sie Hyun-seo retten können?

    Regisseur Joon-ho Bong machte sich nach seinem Erfolg Memories Of Murder daran, seine alte Schülerphantasie über ein mutiertes Seemonster, welches im Seouler Fluss Han lebt, filmisch umzusetzen. Als Ausgangspunkt für die Mutation des Wesens wählte er das McFarland-Umweltvergehen, das in Südkorea bei Publikwerdung für einen Aufschrei der Entrüstung gesorgt hatte. Leichenbestatter McFarland, angestellt beim in Korea stationierten US-Militär, hatte im Jahr 2000 seine Mitarbeiter angewiesen, 120 Liter einer bereits abgelaufenen Chemikalie von der Yonggsan Militärbasis aus in einen Abfluss zu kippen, der direkt in den Han-Fluss führt. Um ein möglichst realistisches mutiertes Seewesen auf die Leinwand zu bringen, führte Bong lange Zeit Verhandlungen mit der neuseeländischen Firma Weta Workshop, die sich schon für das Kreaturdesign in der „Herr der Ringe“-Trilogie sowie King Kong verantwortlich zeigte. Doch die Spezial Effekt Speziallisten gaben sich letztlich mit rund der Hälfte des gesamten Budgets von elf Millionen Dollar nicht zufrieden, so dass Bong nach längerer Zusammenarbeit zwar ein fertiges Konzept für das Monster, aber keine Effektspezialisten hatte, um es dann zum Leben zu erwecken. Hierfür heuerte er dann die Grafikspezialisten von Orphanage an, die auch schon bei Harry Potter und der Feuerkelch sowie Sin City zeigen durften, was sie drauf haben. Herausgekommen ist ein ekelhaftes, missgebildet wirkendes Monster, das mit seinen vielen Tentakeln und den unterschiedlich ausgebildeten Beinen animationstechnisch überzeugt. Wie es einerseits an den Brücken mit Leichtigkeit herumschwingt und sich andererseits teils unbeholfen über den Boden bewegt, ist gut in Szene gesetzt und stellt klar heraus, dass es sich gerade nicht um ein Wesen handelt, das sich über einen langen Zeitraum perfekt auf seinen Lebensraum anpassen konnte.

    Doch „The Host“ präsentiert sich nicht als typischer Vertreter des Monsterfilms. Zum einen wird hier entgegen der gängigen Regel des Genres nicht mit den Erwartungen des Zuschauers in Bezug auf das Wesen gespielt und erst im späteren Verlauf des Films die Kreatur in Gänze präsentiert. Der Betrachter bekommt vielmehr in den ersten 10 Minuten bereits den unerwünschten Eindringling in die Seouler Alltagswelt zu Gesicht. Zum anderen tritt hier weder das Militär mit Panzern und Geschützen noch der muskelbepackte Held gegen das Ungeheuer an, sondern eine ganz normale Familie. Es besteht keine enorm starke Bande zwischen den Familienmitgliedern und oftmals begegnen sie sich gegenseitig mit Zynismus, aber das Ziel, das jüngste Mitglied zu retten oder im schlimmsten Falle wenigstens den Tod Hyun-seos zu rächen, eint sie und macht sie zur verschworenen Gemeinschaft, die auf Grund der Teilnahmslosigkeit des Staates auf sich allein gestellt ist. Verkörpert werden die einzelnen Familienmitglieder auf ansprechende Weise, so dass das Bild von menschlichen, realistischen Charakteren entsteht. Besonders Kang-ho Song („Memories Of Murder“, Lady Vengeance) als etwas vertrottelter, aber führsorglicher Vater und Park Hie-bong („Memories Of Murder“, „Crying Fist“) als die Familie zusammenhaltender, sympathischer Großvater wissen zu gefallen.
    Auch wenn echte Horroratmosphäre nie aufkommt, ist der Film meistens spannend und auf Grund seines Humors nie langweilig. Auch die traurigen und melodramatischen Momente werden vom Regisseur immer wieder geschickt durch witzige, auflockernde Elemente gebrochen, ohne dabei pietätlos zu sein. Bang hat es ebenfalls verstanden, gesellschaftskritische Untertöne in seinen Unterhaltungsfilm einzubinden. So wird zum einen Kritik am immer noch in Korea stationierten US-Militär geübt, zum anderen kommt aber auch der koreanische Staatsapparat nicht gut davon, wird er doch, was die Belange und Tragödien von Individuen anbelangt, als herzlos dargestellt. Auch die oftmals von Politikern favorisierte kurzfristige Lösung, die dafür langfristige Konsequenzen nach sich zieht, sowie die grassierende Angst vor todbringenden Viren werden aufs Korn genommen.

    Gerade die Fokussierung der Familie, die den Film so humorvoll und menschlich macht, birgt aber auch das Problem in sich, dass die Familie als starker Fels in der stürmischen Brandung allzu sehr glorifiziert wird und eine Bezwingung des agilen Wasserwesens etwas weit her geholt wirkt. Leider weist „The Host“ auch vereinzelte Logikfehler und Ungereimtheiten auf, doch diese fallen glücklicherweise nicht allzu sehr ins Gewicht. So ist „The Host“ letztlich gesellschaftskritisches Popkornkino aus Korea, das sich nicht vor kostspieligeren Hollywood-Großproduktionen zu verstecken braucht. Menschliche Charaktere, eine gehörige Priese Humor und ein gutes Gespür für das richtige Timing lassen den Film für gute Unterhaltung sorgen und machen ihn auch für ein westeuropäisches Publikum sehenswert.
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