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    Rossini
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Rossini
    Von Carsten Baumgardt
    Deutsches Starkino! Gibt es das überhaupt? Im Grunde nicht. Für einen deutschen Schauspieler oder eine Schauspielerin rennt keine Masse blind ins Kino, nur weil der Lieblingsstar in dem Film mitspielt. Was diesem Begriff jedoch am nähesten kommt, ist Helmut Dietls satirische Komödie „Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“, in der sich ein illustres Aufgebot teutonischer Kinogrößen in einem Dialogfeuerwerk in eine wahre Ekstase spielt.

    Filmproduzent Oskar Reiter (Heiner Lauterbach) steht das Wasser finanziell bis zum Hals. Doch das beunruhigt den Tycoon zunächst nicht. Das nächste Mega-Überprojekt scheint der selbstbewusste Macher in der Tasche zu haben. Sein bester Freund, der exzentrische Regisseur Uhu Zigeuner (Götz George), soll den Weltbestseller „Die Loreley“ von Autor Jakob Windisch (Joachim Król) verfilmen. 300 Millionen Leser weltweit garantieren einen sicheren Blockbuster. Aber Windisch scheut die Öffentlichkeit noch mehr als die Motten das Licht. Schlimmer noch: Er hasst den ordinären Großkotz Reiter wie die Pest, ist aber Zigeuner freundschaftlich verbunden. Die Deals werden in der Münchner Schickeria im angesagtesten Lokal der Stadt gemacht: beim Italiener Rossini. Das Edel-Restaurant wird von Paolo Rossini (Mario Adorf) geführt. Der Patron verliebt sich Hals über Kopf in die junge Schauspielerin Schneewittchen (Veronica Ferres), doch die will eigentlich nur einen Fuß ins Business bekommen und ist zu allem bereit. Auf einem der vielen Nebenkriegsschauplätze streiten sich Reiter und sein Kumpel, der Dichter Bodo Kriegnitz (Jan Josef Liefers), sportlich um die Gunst der schönen Diva Valerie (Gudrun Landgrebe). Aber auch der Schönheitschirurg Siggi (Armin Rohde) ist heimlich schwer in sie verliebt.

    Helmut Dietls Karriereknick bemerkte 1999 noch niemand so richtig. Seine Medien-Satire „Late Night“ (mit Harald Schmidt und Thomas Gottschalk) blieb trotz größtem Medien-Ballyhoo mit knapp 900.000 Zuschauern hinter den Erwartungen zurück, obwohl der Film selbst keineswegs schlecht war. Dietls Comebackversuch Vom Suchen und Finden der Liebe ging 2005 daneben - durchwachsene Kritiken und zu wenig Publikumszuspruch. Auf seinem Karrierehöhepunkt brachte der spitzzüngige Regisseur 1997 „Rossini“ in die Kinos, nachdem er mit „Schtonk“ (1992) gleich seinen ersten Kinofilm zu einem Hit führte und im TV mit „Monaco Franze“ und „Kir Royal“ für Aufsehen gesorgt hatte. Ein beispielloses Aufgebot an deutschen Topschauspielern versammelte sich für diese Satire.

    Die Brillanz des Films lässt sich auf den ersten Blick unweigerlich an den offensichtlich grandiosen, messerscharfen, pointierten Dialogen festmachen, die Dietl und sein Co-Autor Patrick Süskind („Das Parfum“) ihrem Personal auf den Leib schrieben. Die Münchner Medien-Schickeria wird mit viel Biss und Schärfe aufs Korn genommen. Dietl beweist eine gelassene Selbstironie, indem er Züge seiner Person mit in die Charakterzeichnung einbringt. Er diente als Vorlage für die Figur des Regisseurs Uhu Zigeuner, Bernd Eichinger stand Produzent Oskar Reiter Pate und Autor Patrick Süskind findet sich in Schriftsteller Jakob Windisch wieder. Das Objekt der Begierde, der Bestseller „Die Loreley“, ist Süskinds Mega-Erfolg Das Parfum, das 2006 in Deutschland mit riesigem Erfolg von Bernd Eichinger und Tom Tykwer verfilmt wurde. Da die Charaktere bewusst überzeichnet und auf die Spitze getrieben sind, hatte offenbar keines der Vorbilder ein Problem damit.

    Doch das ist nur die eine Seite. Das Gesamtkonzept ist exzellent. Die Handlung konzentriert sich zu einem Großteil auf das Nobel-Restaurant Rossini, das Kameramann Gernot Roll (Nirgendwo in Afrika) vorwiegend bei Dunkelheit herausragend in atmosphärische Bilder bannt. Alle Fäden laufen im Rossini zusammen.

    Das wunderbare Drehbuch gibt dem Cast eine Steilvorlage, groß aufzudrehen. Heiner Lauterbach („Der Campus“, „Männer“) und Götz George („Schtonk“, „Der Totmacher“) sind die Hauptattraktionen des Films. Sie spielen sich die Bälle zu und überbieten sich gegenseitig in Sachen Exzentrik, wobei George zwischendrin noch leisere Töne einstreut. Mario Adorf („Der Schattenmann“, „Der große Bellheim“, Die Blechtrommel) dient als Bindeglied zwischen den verschiedenen Handlungssträngen, füllt die Leinwand mit Präsenz aus und ist auch für einige Lacher gut. Hervorragend spielen dazu Jan Josef Liefers („Knockin’ On Heavens Door“) als Dichter und Joachim Król (Lautlos, Silentium, Zugvögel ... Einmal nach Inari) als Autor, Armin Rohde (Die Bluthochzeit) glänzt als tragisch verliebter Arzt und Hannelore Hoger („Bella Block“) als abgefuckte Szene-Journalistin. Nicht völlig stimmig ist der Auftritt von Veronica Ferres („Schtonk“), die in ihrer ikonenhaften Rolle als Superweib der 90er Jahre chronisch überschätzt ist. Immerhin war sie zum Zeitpunkt des Drehs mit Regisseur Dietl liiert, was ihre Besetzung unausweichlich machte. Gudrun Landgrebe („Die flambierte Frau“) überzeugt hingegen als divenhafte Schönheit.

    Die untertitelgebende mörderische Frage, wer mit wem schlief, ist übrigens völlig belanglos. Mehr oder weniger schläft hier jeder mit jedem und einen Mord gibt es auch nicht. Lediglich eine Tote, doch die hat sich selbst umgebracht. „Rossini“ traf 1997 den Nerv des Publikums, der Film wurde in Deutschland zum Tophit, erreichte mehr als 3,2 Millionen Besucher. Wer die Satire bisher verpasst hat, sollte einmal einen Blick darauf werfen, um die schärfsten Dialoge des deutschen 90er-Jahre-Kinos in diesem Multi-Millionen-Mark-Stahlgewitter nicht auf Lebenszeit zu verpassen.
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